Ein In­ter­net-Schlüs­sel für je­der­mann

Zwei In­dus­trie­al­li­an­zen wol­len die Ga­te­kee­per für das deut­sche Netz wer­den.

Computerwoche - - Vorderseite - Von Hein­rich Vas­ke, Edi­to­ri­al Di­rec­tor

Axel Sprin­ger, Daim­ler, Al­li­anz und die Deut­sche Bank wol­len mit „ve­r­i­mi“ei­ne ge­mein­sa­me Re­gis­trie­rungs-, Iden­ti­täts- und Da­ten­platt­form für das In­ter­net schaf­fen. Ähn­li­ches pla­nen ProSie­benSat.1, RTL und Uni­ted In­ter­net.

Der Ge­sell­schaf­ter­kreis von ve­r­i­mi, zu dem in­iti­al auch der Tech­no­lo­gie-Thinktank Co­re so­wie He­re Tech­no­lo­gies – ein von Au­di, BMW und Daim­ler ge­mein­sam be­trie­be­ner An­bie­ter Cloud-ba­sier­ter Kar­ten­diens­te – ge­hör­ten, hat sich mitt­ler­wei­le noch ein­mal er­wei­tert: Jetzt sind auch die Luft­han­sa AG, die Bun­des­dru­cke­rei und die Deut­sche Te­le­kom im Boot. Zu­dem hat das Pro­jekt, das ur­sprüng­lich den Ar­beits­ti­tel „DIPP“trug, ei­nen of­fi­zi­el­len Na­men er­hal­ten. Das Kunst­wort „ve­r­i­mi“geht auf die eng­li­schen Be­grif­fe „ve­ri­fy“und „me“zu­rück.

Im Kern möch­te die Initia­ti­ve ab An­fang 2018 In­ter­net-Nut­zern er­mög­li­chen, sich mit ei­nem ein­zi­gen Schlüs­sel in das Part­ner­netz­werk gro­ßer deut­scher Un­ter­neh­men via Sing­le-Sign-on ein­zu­log­gen. Die Kun­den­in­for­ma­tio­nen wer­den zen­tral ge­spei­chert und bei Be­darf an den je­wei­li­gen Ser­vice-Pro­vi­der über­tra­gen – ein zeit­rau­ben­des Ein­tip­pen ent­fällt so­mit. Da­bei kön­nen die Nut­zer selbst ent­schei­den, wel­che Da­ten sie mit wel­chem Di­enst tei­len wol­len.

Ge­gen Ama­zon, Face­book und Goog­le

Hin­ter­ge­dan­ke der deut­schen Kon­zer­ne ist es of­fen­bar, die Do­mi­nanz von Netz­rie­sen wie Goog­le, App­le, Ama­zon und Face­book an­zu­grei­fen. Sie sind mit ih­ren Di­ens­ten längst zu in­of­fi­zi­el­len Iden­ti­fi­ka­ti­ons­in­stan­zen im Netz ge­wor­den – und pro­fi­tie­ren kräf­tig da­von. Die meis­ten Nut­zer ha­ben gleich bei meh­re­ren die­ser Web-Gi­gan­ten ein Be­nut­zer­kon­to ein­ge­rich­tet. Die Kon­zer­ne nut­zen die User-Da­ten für ih­re Ge­schäf­te und deh­nen mit Di­ens­ten wie Ama­zon Pay oder App­le Pay ih­ren Ein­fluss­be­reich über ih­re ei­ge­nen Platt­for­men hin­aus aus. So wer­den sie zu Ga­te­kee­pern im Netz, was an­de­ren Markt­teil­neh­mern kaum ge­fal­len kann. ve­r­i­mi will die­sem Trend mit ei­nem of­fe­nen Netz­werk ent­ge­gen­tre­ten, das mög­lichst vie­le Nut­zer, An­bie­ter und auch Be­hör­den auf­neh­men soll. An­wen­dern wird in ers­ter Li­nie Be­quem­lich­keit und Si­cher­heit ver­spro­chen, wenn sie Trans­ak­tio­nen im Netz ab­schlie­ßen wol­len. Nach ei­ge­nen An­ga­ben hält sich ve­r­i­mi strikt an EU-Richt­li­ni­en zum Da­ten­schutz (EUDSGVO), die Da­ten blei­ben in der Ho­heit des Nut­zers und wer­den nur nach des­sen ex­pli­zi­ter Frei­ga­be ge­teilt. Zu­dem kön­nen die User je­der­zeit die Lö­schung ih­rer Da­ten ver­lan­gen.

ve­r­i­mi soll breit ver­füg­bar sein

Über ei­ne Pro­gram­mier­schnitt­stel­le (API) lässt sich ve­r­i­mi in be­ste­hen­de On­li­ne-An­ge­bo­te in-

te­grie­ren. Es un­ter­stützt Stan­dards wie OAuth 2.0 und OpenID Con­nect 1.0 und soll die Kom­mu­ni­ka­ti­on ex­ter­ner Sys­te­me so­wohl mit der ve­r­i­mi-Platt­form als auch mit den Sys­te­men der be­tei­lig­ten Ser­vice-Pro­vi­der er­mög­li­chen. Das API wird schritt­wei­se wei­ter­ent­wi­ckelt und steht der De­ve­l­oper Com­mu­ni­ty zur Ver­fü­gung.

Die Al­li­anz hält An­bie­tern zu­dem ein Soft­wareDe­ve­lop­ment-Kit (SDK) be­reit, das zu­nächst die Funk­tio­nen „Lo­gin“in­klu­si­ve „Zwei-Fak­torAu­then­ti­fi­zie­rung“und „Aus­tausch von kun­den­spe­zi­fi­schen Da­ten“um­fasst. Das SDK ist laut An­bie­ter so op­ti­miert, dass sich der In­te­gra­ti­ons­auf­wand in Gren­zen hält. In der Start­pha­se er­hal­ten Ent­wick­ler zu­dem Sup­port für In­te­gra­ti­on und Be­trieb. Kon­kur­rie­ren­des An­ge­bot der Me­di­en­welt

Ob ve­r­i­mi ein Er­folg wird, ist noch kei­nes­wegs si­cher. En­de Ju­li 2017 bil­de­te sich mit ProSie­benSat.1 Me­dia, RTL Deutsch­land und Uni­ted In­ter­net (mit den E-Mail-Di­ens­ten Web.de und GMX) ei­ne kon­kur­rie­ren­de Al­li­anz, die eben­falls ein über­grei­fen­des Re­gis­trie­rungs- und An­mel­de­ver­fah­ren im In­ter­net an­strebt. Ver­sand­händ­ler Za­lan­do ist in­zwi­schen auch an Bord, au­ßer­dem prüft Hu­bert Bur­da Me­dia ei­nen Ein­stieg. Doch auch oh­ne Bur­da und Za­lan­do brin­gen es die Initia­to­ren zum Start auf ei­ne Reich­wei­te von 45 Mil­lio­nen Nut­zern.

Ähn­lich wie bei ve­r­i­mi ist ge­plant, dass User mit ei­nem Lo­gin auf al­le Di­ens­te der be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men zu­grei­fen kön­nen, wo­bei auch hier ein trans­pa­ren­tes Mo­dell nach den Re­geln des eu­ro­päi­schen Da­ten­schutz­rechts ver­folgt wird. Das ge­mein­sa­me In­ter­es­se der Part­ner dürf­te ähn­lich wie bei ve­r­i­mi ei­ne si­gni­fi­kan­te Er­hö­hung der Reich­wei­ten in ei­nem ge­mein­sa­men Netz sein. An­ge­bo­te und Wer­bung könn­ten – hoch­per­so­na­li­siert – an ei­nen deut­lich grö­ße­ren Kreis po­ten­zi­el­ler In­ter­es­sen­ten aus­ge­spielt wer­den als bis­lang. Das ge­schieht, in­dem mit Zu­stim­mung der Nut­zer User-Da­ten zwi­schen Pro­vi­dern und Di­ens­ten aus­ge­tauscht wer­den, so dass ganz neue Ska­len­ef­fek­te ent­ste­hen.

Da­ten­sou­ve­rä­ni­tät ist zen­tral

Wie ve­r­i­mi strebt die Al­li­anz der Me­di­en­häu­ser ei­nen of­fe­nen Stan­dard an, mit dem man sich von der über­mäch­ti­gen ame­ri­ka­ni­schen In­ter­net-Kon­kur­renz ab­he­ben möch­te. Er soll von ei­ner un­ab­hän­gi­gen Stif­tung ver­wal­tet wer­den. Da­ten­sou­ve­rä­ni­tät ist ei­nes der wich­tigs­ten Ar­gu­men­te: Über ein Pri­va­cy Cen­ter kön­nen User dem­nach selbst kon­trol­lie­ren, wem sie wel­che Da­ten zur Ver­fü­gung stel­len möch­ten.

Tho­mas Ebe­ling, Vor­stands­vor­sit­zen­der der ProSie­benSat.1 Me­dia SE und Mit­in­itia­tor ei­nes al­ter­na­ti­ven Re­gis­trie­rungs­und An­mel­de­ver­fah­rens der Me­dien­bran­che: „Wir stär­ken den deut­schen Di­gi­tal­markt, in­dem wir ein Ge­gen­ge­wicht schaf­fen zu den mo­no­po­lis­ti­schen und in­trans­pa­ren­ten Al­go­rith­men der US-Spie­ler. Die Initia­ti­ve ist ganz be­wusst als of­fe­ner Stan­dard an­ge­legt. Wei­te­re Un­ter­neh­men sind ex­pli­zit ein­ge­la­den, sich uns an­zu­schlie­ßen.“

Ti­mo­theus Hött­ges, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Deut­schen Te­le­kom und Mit­glied der ve­r­i­mi-Initia­ti­ve: „Wir wol­len über ve­r­i­mi ei­nen prak­ti­schen und hoch­si­che­ren Ge­ne­ral­schlüs­sel für das In­ter­net bie­ten. Wir sor­gen da­für, dass di­gi­ta­le Iden­ti­tä­ten un­se­rer Kun­den den EURechts­raum nicht ver­las­sen und die Si­cher­heit des deut­schen Da­ten­schut­zes ge­nie­ßen.“

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