Stu­di­um 2017 – ir­gend­was mit Di­gi­ta­li­sie­rung

Neue Mas­ter-Pro­gram­me re­agie­ren auf den Me­ga­trend.

Computerwoche - - Vorderseite - Von In­grid Weid­ner, freie Jour­na­lis­tin in Mün­chen (hk)

Di­gi­ta­li­sie­rung als Buzz-Word hat die Hoch­schu­len er­reicht. Neue Ba­che­l­or­und Mas­ter-Stu­di­en­gän­ge schie­ßen wie Pil­ze aus dem Bo­den, für Bil­dungs­wil­li­ge wird es schnell un­über­sicht­lich. Wer die Web­site der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Mün­chen auf­ruft und in der Ru­brik „Stu­di­en­an­ge­bot“den Such­be­griff „Di­gi­ta­li­sie­rung“ein­gibt, er­hält 163 Tref­fer. Das liegt ver­mut­lich dar­an, dass kaum ein Stu­di­en­gang oh­ne IT-Wis­sen aus­kommt. Doch die Mas­ter-Stu­di­en­gän­ge un­ter­schei­den sich deut­lich, wie un­se­re Aus­wahl zeigt.

Bre­mer­ha­ven: Di­gi­ta­li­sie­rung, In­no­va­ti­on und In­for­ma­ti­ons-Ma­nage­ment

„Auch wir sprin­gen auf das La­bel auf“, gibt Ka­rin Vos­se­berg, In­for­ma­tik­pro­fes­so­rin und Kon­rek­to­rin an der Hoch­schu­le Bre­mer­ha­ven, ganz of­fen zu. Für Vos­se­berg, die in den 1980er Jah­ren In­for­ma­tik stu­dier­te, klingt vie­les alt­be­kannt, was heute als neu mit dem Eti­kett Di­gi­ta­li­sie­rung ver­se­hen wird. Trotz­dem sei es sinn­voll, das Mas­ter-Pro­gramm „Di­gi­ta­li­sie­rung, In­no­va­ti­on und In­for­ma­ti­ons­ma­nage­ment“zu ent­wi­ckeln, da die Di­gi­ta­li­sie­rung heute ei­ne an­de­re Dy­na­mik ent­wi­ckelt ha­be, so die Pro­fes­so­rin. 16 Stu­di­en­plät­ze stan­den zum Som­mer­se­mes­ter erst­mals be­reit, 20 In­ter­es­sen­ten be­gan­nen mit dem auf vier Se­mes­ter an­ge­leg­ten Voll­zeit­stu­di­um.

Das Mas­ter-Pro­gramm in Bre­mer­ha­ven will Wirt­schaft und Tech­nik mit­ein­an­der ver­knüp­fen. Idea­ler­wei­se kom­men die Be­wer­ber zu glei­chen Tei­len aus der Be­triebs­wirt­schaft und (Wirt­schafts-)In­for­ma­tik. In­no­va­tiv am An­satz sind die Stu­den­ten-Tan­dems, die von­ein­an­der ler­nen sol­len. „Mit­tel­stän­di­sche und klei­ne­re Un­ter­neh­men sind noch nicht rich­tig auf The­men wie In­dus­trie 4.0 oder In­ter­net of Things vor- be­rei­tet“, nennt Vos­se­berg als Grün­de für die Kon­zep­ti­on des Stu­di­en­gangs. Ih­nen fehl­ten oft auch die Fach­kräf­te. Pro­jekt­ar­beit ist ein wich­ti­ger Baustein des Mas­ter-Stu­di­ums. Die Stu­den­ten aus dem Som­mer­se­mes­ter be­tei­li­gen sich bei­spiels­wei­se an ei­nem Pro­jekt für ein Lo­gis­tik­un­ter­neh­men, das sie ge­mein­sam mit dem SAP-Di­enst­leis­ter Abat aus der Re­gi­on um­set­zen. „Ein Ziel des in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Mas­ter-Pro­gramms ist es, dass die Ab­sol­ven­tin­nen und Ab­sol­ven­ten die Fra­ge­stel­lun­gen der Fir­men ver­ste­hen, und ler­nen, in­no­va­ti­ve Lö­sun­gen zu ent­wi­ckeln“, er­klärt Vos­se­berg.

Mo­men­tan bie­tet die Hoch­schu­le Bre­mer­ha­ven den Mas­ter nur als Voll­zeit­stu­di­um an, doch die Pro­fes­so­rin weiß, dass ge­ra­de vie­le In­for­ma­tik- und Mas­ter-Stu­den­ten ne­ben dem Stu­di­um ar­bei­ten. Das vier­te Se­mes­ter soll ganz für die Mas­ter-Ar­beit re­ser­viert sein. Wäh­rend im Ba­che­lor-Stu­di­um In­for­ma­tik die Ab­bre­cher­quo­ten auch in Bre­mer­ha­ven hoch sind, ge­be es in den Mas­ter-Stu­di­en­gän­gen kaum Aus­fäl­le. Vos­se­berg kann sich durch­aus vor­stel­len, ein­zel­ne Mo­du­le des neu­en Mas­terStu­di­ums künf­tig auch als Wei­ter­bil­dung für Be­rufs­tä­ti­ge an­zu­bie­ten.

TU Chem­nitz: Mas­ter Fi­nan­ce mit dem Schwer­punkt Big Da­ta

An der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Chem­nitz gibt es seit 2008 den Mas­ter-Stu­di­en­gang Fi­nan­ce. Zum Win­ter­se­mes­ter kommt Big Da­ta als neu­er Schwer­punkt hin­zu. Die An­re­gung für den stär­ke­ren IT-Be­zug kam von den Ar­beit­ge­bern. „Wir ha­ben in der Ban­ken­bran­che nach Trends ge­fragt, die wir auf­grei­fen könn­ten“, sagt Tom­my Jehm­lich, Fach­stu­di­en­be­ra­ter an der TU Chem­nitz. Die Ant­wort lau­te­te: IT­ler sind die neu­en Ban­ker, Tech­nik ei­ne wich­ti­ge Schnitt­stel­le. Gro­ße Da­ten­men­gen zu be­ar­bei­ten, zu in­ter­pre­tie­ren und Ge­schäfts­mo­del­le ab­zu­lei­ten wird für den Ban­ken­sek­tor im­mer wich­ti­ger. Des­halb ler­nen bei­spiels­wei­se Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler oder Ma­the­ma­ti­ker, die bis­her den Groß­teil der Mas­ter-Stu­den­ten stel­len, Ana­ly­se-Tools ken­nen, wenn sie sich für den Schwer­punkt „Big Da­ta“ent­schei­den. „Wir kon­zen­trie­ren uns auf die An­wen­dung, die Mas­terStu­den­ten ler­nen bei uns nicht pro­gram­mie­ren“, schränkt Jehm­lich ein. Al­ler­dings hofft die Uni­ver­si­tät, dass sich zu­künf­tig auch Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker oder In­for­ma­ti­ker für den Mas­ter in­ter­es­sie­ren. SRH Fern­hoch­schu­le: Di­gi­tal Ma­nage­ment und Trans­for­ma­ti­on

Das neue Mas­ter-Stu­di­um „Di­gi­tal Ma­nage­ment und Trans­for­ma­ti­on“an der SRH Fern­hoch­schu­le in Ried­lin­gen rich­tet sich ge­zielt an Be­rufs­tä­ti­ge, die sich über­wie­gend im Selbst­stu­di­um und mit E-Le­arning-An­ge­bo­ten die In­hal­te an­eig­nen. Das neu kon­zi­pier­te, vier­se­mest­ri­ge Mas­ter-Stu­di­um will in ers­ter Li­nie Be­rufs­er­fah­re­ne mit ei­ner wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Aus­bil­dung an­spre­chen. Der pro­mo­vier­te Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Till Met­tig lehrt seit ein­ein­halb Jah­ren an der Fern­hoch­schu­le und lei­tet den Mas­ter-Stu­di­en­gang, der im Sep­tem­ber be­gin­nen wird. Zu­vor sam­mel­te Met­tig zehn Jah­re Be­rufs­er­fah­rung im Han­del: „Ich ha­be in mei­ner Be­rufs­tä­tig­keit bei der Ot­to Group ge­merkt, dass nicht al­le Ma­na­ger mit der Di­gi­ta­li­sie­rung ver­traut sind und dass Mit­ar­bei­ter mit die­sem Wis­sen feh­len.“

Wer sich ne­ben dem Job im Fern­stu­di­um wei­ter­bil­det, braucht vor al­lem Durch­hal­te­ver­mö­gen, das Ar­beits­pen­sum ist ehr­gei­zig: Fünf Mo­du­le mit theo­re­ti­schem Wis­sen, Haus­auf­ga­ben und Tests be­ar­bei­ten die Teil­neh­mer pro Se­mes­ter. Wer den per­sön­li­chen Aus­tausch be­vor­zugt, kann zu­sätz­lich Prä­senz­se­mi­na­re an ei­nem der zwölf Stand­or­te in ganz Deutsch­land be­su­chen, not­wen­dig sind sie nicht. Vie­le be­vor­zu­gen das Selbst­stu­di­um mit Skript und E-Le­arning-An­ge­bo­ten, die auch Chat-For­ma­te be­inhal­ten.

Oh­ne lu­kra­ti­ven Job oder ei­nen Ar­beit­ge­ber, der die Qua­li­fi­ka­ti­on un­ter­stützt und mit­fi­nan­ziert, lässt sich das Stu­di­um kaum stem­men. Pro Mo­nat fal­len 520 Eu­ro Ge­büh­ren an, das ge­sam­te Mas­ter-Pro­gramm kos­tet 12.480 Eu­ro. Wer al­so nach ei­nem oder zwei Se­mes­tern ab­bricht, setzt viel Geld in den Sand. Die Stu­di­en­dau­er lässt sich auf die dop­pel­te Zeit ver­län­gern, die Ge­bühr er­höht sich nicht. Erst ab dem neun­ten Se­mes­ter fal­len wei­te­re Kos­ten an. „Die meis­ten stu­die­ren ne­ben dem Be­ruf. Das ist zwar ei­ne ho­he Be­las­tung, doch vie­le schät­zen die­se Fle­xi­bi­li­tät, und vie­le schlie­ßen ei­nen Mas­ter in der vor­ge­se­he­nen Re­gel­stu­di­en­zeit von rund vier Se­mes­tern ab“, weiß Met­tig.

TU Chem­nitz: Di­gi­ta­le Ar­beit

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ver­än­dert die Art und Wei­se, wie wir ar­bei­ten. Hier setzt das neu kon­zi­pier­te Mas­ter-Stu­di­um „Di­gi­ta­le Ar­beit“an. Fra­gen wie Ent­gren­zung der Ar­beit, stän­di­ge Er­reich­bar­keit oder auch wie sich die Ar­beits­wei­se ei­nes Chir­ur­gen ver­än­dert, der ge­mein­sam mit ei­nem Ro­bo­ter ope­riert, nennt Chris­ti­an Paps­dorf als Bei­spie­le für For­schungs­an­sät­ze des neu­en Stu­di­en­gangs. Der pro­mo­vier­te So­zio­lo­ge Paps­dorf ar­bei­tet und forscht als Ju­ni­or­pro­fes­sor für Tech­nik­so­zio­lo­gie an der TU Chem­nitz und hat das Cur­ri­cu­lum mit­ge­stal­tet. Bis­her konn­ten Stu­die­ren­de „Di­gi­ta­le Ar­beit“als Schwer­punkt wäh­len, ab dem Win­ter­se­mes­ter bie­tet die Uni­ver­si­tät ei­nen ei­ge­nen Mas­ter-Stu­di­en­gang an, der sich in ers­ter Li­nie an So­zio­lo­gen wen­det, sich aber auch für an­de­re Be­wer­ber öff­net.

„Uns er­rei­chen im­mer wie­der An­fra­gen, et­wa aus der Au­to­mo­bil­bran­che, wie sich die Sha­ring Eco­no­my wei­ter­ent­wi­ckelt. Hier be­steht noch viel For­schungs­be­darf“, er­klärt Paps­dorf. The­men wie Ma­schi­nen­bau, In­for­ma­tik oder Be­triebs­wirt­schafts­leh­re zäh­len zu den Pflicht­kur­sen, aus de­nen die Stu­den­ten wäh­len kön­nen. Ge­ra­de weil die Ab­sol­ven­ten spä­ter als Fach- und Füh­rungs­kräf­te in Un­ter­neh­men, Ver­bän­den oder Ver­wal­tun­gen ar­bei­ten sol­len, be­nö­ti­gen sie fun­dier­tes tech­ni­sches Wis­sen. Die Be­rufs­aus­sich­ten sieht der Ju­ni­or­pro­fes­sor bei­spiels­wei­se in der Wei­ter­bil­dung von Fach- und Füh­rungs­kräf­ten, For­schung und als an­ge­hen­de Wis­sen­schaft­ler. Aber auch als Com­mu­ni­ty-Ma­na­ger oder Ex­per­ten für So­ci­al Me­dia sei­en die Ab­sol­ven­ten ge­fragt. Mit dem tech­ni­schen Fach­wis­sen und der so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Aus­bil­dung kom­me ih­nen ei­ne Ver­mitt­ler­rol­le zu.

Till Met­tig, SRH Fern­hoch­schu­le: „Ich ha­be in mei­ner bis­he­ri­gen Be­rufs­tä­tig­keit ge­merkt, dass nicht al­le Ma­na­ger mit der Di­gi­ta­li­sie­rung ver­traut sind und dass Mit­ar­bei­ter mit die­sem Wis­sen feh­len.“

Ka­rin Vos­se­berg, Hoch­schu­le Bre­mer­ha­ven: „Mit­tel­stän­di­sche und klei­ne­re Un­ter­neh­men sind noch nicht rich­tig auf The­men wie In­dus­trie 4.0 oder In­ter­net of Things vor­be­rei­tet.“

Chris­ti­an Paps­dorf, TU Chem­nitz: „Uns er­rei­chen im­mer wie­der An­fra­gen, wie sich die Sha­ring Eco­no­my wei­ter­ent­wi­ckelt. Hier be­steht noch viel For­schungs­be­darf.“

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