Spor­tScheck zieht ins Mus­ter­haus

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Der Ein­zel­han­del zählt zu den Bran­chen, die un­ter star­kem Di­gi­ta­li­sie­rungs­druck ste­hen. Für den Sport-Fach­händ­ler Spor­tScheck führt ein evo­lu­tio­nä­rer Chan­ge-An­satz nicht ans Ziel. Das Un­ter­neh­men hat sich ein „di­gi­ta­les Mus­ter­haus“auf der grü­nen Wie­se ge­baut und ist be­reits ein­ge­zo­gen.

Der Ein­zel­han­del steht un­ter Druck. Die Un­ter­neh­men müs­sen auf al­len Ka­nä­len lie­fern und da­bei neue We­ge nicht nur in Mar­ke­ting und Ver­trieb, son­dern auch in La­ger­lo­gis­tik und Ein­kauf ge­hen. Der Sport-Fach­händ­ler Spor­tScheck hat sich sei­ne Wun­sch­or­ga­ni­sa­ti­on auf der grü­nen Wie­se ge­baut.

Nicht nur Ama­zon, Ali­ba­ba und Za­lan­do, auch die un­ge­zähl­ten klei­nen, oft­mals hoch­spe­zia­li­sier­ten Shops ver­än­dern die Spiel­re­geln im Markt und zwin­gen klas­si­sche Kauf­haus­ket­ten und Su­per­märk­te, neue We­ge zu ge­hen. Sie müs­sen im On­li­ne-Han­del prä­sent sein und gleich­zei­tig ih­re ana­lo­gen und di­gi­ta­len Ver­kaufs­ka­nä­le im Sin­ne ei­nes Om­nichan­nel-An­sat­zes in­tel­li­gent ver­zah­nen. Beim Um­bau geht es aber nicht nur um Shops, On­li­ne-Mar­ke­ting oder mo­bi­le Apps. Min­des­tens eben­so wich­tig ist es, die Back-Of­fice­In­fra­struk­tur neu auf­zu­stel­len. Ein­kauf, La­ger­wirt­schaft und Lo­gis­tik müs­sen an­ge­passt, Ge­schäfts­pro­zes­se re­or­ga­ni­siert und be­schleu­nigt so­wie Mit­ar­bei­ter ge­schult und wei­ter­ge­bil­det wer­den.

Micha­el Tsi­fi­da­ris, Chair­man der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung KPS, be­schäf­tigt sich in­ten­siv mit den Her­aus­for­de­run­gen im Han­del. Seit rund fünf Jah­ren ist KPS dar­auf spe­zia­li­siert, die Bran­che in der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on zu un­ter­stüt­zen. Tsi­fi­da­ris weiß, dass ei­ne evo­lu­tio­nä­re Wei­ter­ent­wick­lung hier nicht ans Ziel führt. Die bes­ten Chan­cen bie­te ein „Gre­en­field“-An­satz: „Vie­le Un­ter­neh­men kön­nen es sich heute nicht leis­ten, so kraft­voll in ih­re ei­ge­ne Or­ga­ni­sa­ti­on hin­ein­zu­grät­schen, wie sie ei­gent­lich müss­ten. Al­so bau­en wir ge­mein­sam mit ih­nen par­al­lel zu den vor­han­de­nen Struk­tu­ren ein neu­es Un­ter­neh­men auf. Das geht we­sent­lich schnel­ler und er­laubt un­se­ren Kun­den, wirk­lich in­no­va­ti­ve Kon­zep­te um­zu­set­zen – ähn­lich ei­nem rei­nen On­li­ne-An­bie­ter, der beim Markt­ein­tritt auf kei­ner­lei exis­tie­ren­de In­fra­struk­tur oder His­to­rie Rück­sicht neh­men muss.“

Das Be­ra­tungs­un­ter­neh­men nutzt da­zu ei­nen gut ge­füll­ten Bau­kas­ten an Lö­sun­gen für den Han­del. Er um­fasst bei­spiels­wei­se die Back-Of­fice- und E-Com­mer­ce-Sys­te­me („Hy­bris“) von SAP, die CRM-Lö­sung von Sa­les­force, Hy­bris Mar­ke­ting oder auch die Mar­ke­ting-Au­to­ma­ti­on-Sui­te von Ado­be. Ent­schei­dend sind aber nicht die Tools, son­dern die Stra­te­gie und die stra­te­gi­sche Fo­kus­sie­rung des Kun­den, die KPS ge­mein­sam mit ihm er­ar­bei­tet. „In drei von vier Fäl­len bau­en wir am En­de ei­ne neue Platt­form ne­ben der al­ten auf und or­ga­ni­sie­ren den Über­gang“, führt Tsi­fi­da­ris aus.

KPS in­ter­es­sie­re die al­te Welt des Kun­den höchs­tens noch aus Schnitt­stel­len-Sicht, auch ei­ne Pro­zess­auf­nah­me fin­de nicht statt, da sie kon­tra­pro­duk­tiv sei. Zu­nächst wer­de der Pro­to­typ ei­nes „Mus­ter­hau­ses“ge­baut, der aber La­ger- und Fi­li­al­lo­gis­tik erst ein­mal aus­spa­re, da­mit kei­ne Kon­zes­sio­nen an die Le­ga­cy-Welt und die vor­han­de­nen Si­lo­struk­tu­ren ge­macht wer­den müss­ten. Wich­tig da­bei sei zu klä­ren – vor­zugs­wei­se vom Top­ma­nage­ment –, was der Kun­de ei­gent­lich wol­le: Wel­che Om­nichan­ne­lund Di­gi­tal­stra­te­gie hat er vor Au­gen, wie will er Kun­den und Lie­fe­ran­ten adres­sie­ren, wel­che Rol­le sol­len Pro­dukt­ka­ta­lo­ge, Call-Cen­ter, Web-Auf­trit­te etc. spie­len? Tech­nisch kom­me es da­bei vor al­lem auf drei Aspek­te an: die Wa­ren­wirt­schaft, die E-Com­mer­ce-Platt­form und das CRM-Sys­tem.

Zu den Fir­men, die KPS auf die­sem Weg be­glei­tet hat, ge­hört der Sport­fach­händ­ler Spor­tScheck aus Mün­chen, ein Un­ter­neh­men der

Ot­to Group. Der Händ­ler ver­knüpf­te die Ein­füh­rung von SAP-Soft­ware mit ei­ner kom­plet­ten Neu­aus­rich­tung sei­ner Di­gi­tal­stra­te­gie und sei­ner Pro­zes­se. Im Rah­men des Pro­jekts „Storm“wur­de die Sys­tem­land­schaft op­ti­miert und ver­dich­tet: Rund 100 der ins­ge­samt 140 ein­ge­setz­ten Sys­te­me muss­ten wei­chen.

Spor­tScheck be­gann mit dem Ein­kauf

In Vor­be­rei­tung auf den Um­bau in Rich­tung ei­ner Om­nichan­nel-Stra­te­gie wur­de auch die La­ger­lo­gis­tik mo­der­ni­siert: „Wir ha­ben un­se­re Pro­zes­se ver­schlankt und mit Un­ter­stüt­zung der Fie­ge Gm­bH ein ganz neu­es, hoch­mo­der­nes La­ger ge­baut, so dass wir un­se­re Pro­zes­se auch phy­si­ka­lisch ab­bil­den konn­ten“, blickt Bernhard Puch­ber­ger zu­rück. Er ist Be­reichs­lei­ter IT bei Spor­tScheck.

„Wir ha­ben tat­säch­lich auf der grü­nen Wie­se an­ge­fan­gen und un­se­re neue Welt kom­plett par­al­lel zur al­ten be­trie­ben“, schil­dert der ITChef. In ei­nem kom­ple­xen, mehr­stu­fi­gen Roll­out-Sze­na­rio sei das Un­ter­neh­men von Alt auf Neu um­ge­schwenkt. Das Gan­ze hat – be­gin­nend mit der Um­stel­lung der Stand­or­te Ös­ter­reich und Schweiz – rund zwei­ein­halb Mo­na­te ge­dau­ert. Na­tür­lich sei die Or­ga­ni­sa­ti­on durch den Par­al­lel­be­trieb kräf­tig stra­pa­ziert wor­den. Die wich­tigs­te Auf­ga­be be­stand laut Puch­ber­ger dar­in, die Pro­zes­se be­züg­lich Ge­schwin­dig­keit und Ge­nau­ig­keit auf ein hö­he­res Ni­veau zu he­ben. „Im Mit­tel­punkt un­se­rer Be­mü­hun- gen stan­den die Wa­ren­flüs­se zu den Sto­res und den End­kun­den“, so der IT-Chef. Ein­fach nur die vor­han­de­ne Tech­no­lo­gie zu op­ti­mie­ren, hät­te zu kurz ge­grif­fen.

Zu­nächst küm­mer­te sich Spor­tScheck um die Syn­chro­ni­sie­rung der Lo­gis­tik und stell­te sei­ne Be­schaf­fungs­pro­zes­se um. Das al­te und das neue La­ger wur­den ei­ne Zeit lang par­al­lel be­trie­ben. Von ei­nem fest­ge­leg­ten Zeit­punkt an ließ sich der Händ­ler die an­ge­lie­fer­te Neu­wa­re nur noch ins neue La­ger lie­fern. Spä­ter wur­de dann die ver­blie­be­ne Wa­re im al­ten La­ger Schritt für Schritt ins neue trans­por­tiert.

Beim Auf­bau der neu­en IT hat Spor­tScheck ein Drit­tel sei­ner IT-Mit­ar­bei­ter in die Ent­wick­lungs­pha­se ein­ge­bun­den. Un­ter­stützt von KPS wur­den neue Pro­zes­se ent­wor­fen, ent­wi­ckelt und trai­niert. „Wir ha­ben agi­le Me­tho­den und De­vOps-An­sät­ze ge­nutzt und wen­den sie auch wei­ter an. Ra­pid Pro­to­typ­ing und Ac­tive Scrum im E-Comm­mer­ce-Be­reich – das hat sich bei uns im Haus gut eta­bliert. Die Leu­te ha­ben im Pro­jekt­kon­text ge­lernt, so zu ar­bei­ten“, be­rich­tet Puch­ber­ger. Par­al­lel da­zu wur­de ein Chan­ge- und Schu­lungs­pro­gramm auf­ge­setzt, das al­le Mit­ar­bei­ter durch­lau­fen muss­ten.

Spor­tScheck war laut Puch­ber­ger in der Ver­zah­nung von sta­tio­nä­rem und di­gi­ta­lem Han­del auch vor­her schon gut un­ter­wegs. Das Un­ter­neh­men er­wirt­schaf­tet be­reits 40 bis 50 Pro­zent sei­nes Um­sat­zes im deutsch­spra­chi- gen Raum on­li­ne. „Wir ge­hö­ren ja zur Ot­to Group und ha­ben des­halb schon früh auf den Wech­sel vom klas­si­schen Ver­sand- zum On­li­ne-Ge­schäft re­agiert. Spor­tScheck.com ver­kauft be­reits seit 20 Jah­ren Sport­ar­ti­kel on­li­ne“, er­klärt der IT-Mann. Die ei­gent­li­che Her­aus­for­de­rung des Pro­jekts ha­be im or­ga­ni­sa­to­ri­schen Um­bau ge­le­gen.

Al­le zu­vor de­zen­tra­len Kun­de­n­ad­mi­nis­tra­ti­ons­Sys­te­me wur­den zen­tra­li­siert, so dass Spor­tScheck heute in al­len Un­ter­neh­mens­be­rei­chen ei­nen ein­heit­li­chen Blick auf sei­ne Kun­den hat und die­se durch­gän­gig und ka­nal­über­grei­fend un­ter­stüt­zen kann. Ana­ly­tics-Vor­ha­ben las­sen sich nicht nur mit SAP Busi­ness Wareh­ou­se (BW) rea­li­sie­ren, Spor­tScheck hat auch ei­nen Ha­doop-Clus­ter auf­ge­setzt, der für Mit­ar­bei­ter und Kun­den In­for­ma­tio­nen zum Re­al­time-Ab­ruf be­reit­hält. Spor­tScheck hält Ana­ly­tics für ei­nen Schlüs­sel zum Er­folg: Wei­te­re Tools, bei­spiels­wei­se von Blue Yon­der, kom­men zum Ein­satz, au­ßer­dem ar­bei­tet Spor­tScheck hier eng mit Ent­wick­lern der Ot­to-Grup­pe zu­sam­men, um Sy­ner­gi­en zu nut­zen. Wich­tigs­tes Ziel ist ei­ne mög­lichst ge­naue und ech­te Per­so­na­li­sie­rung der Kun­den­be­zie­hung: „Es geht dar­um, den Kun­den so ef­fi­zi­ent wie mög­lich zu be­wirt­schaf­ten“, sagt Puch­ber­ger. Das sei nicht nur um­satz­re­le­vant, es be­flü­ge­le auch den an­ge­streb­ten Aus­bau der haus­ei­ge­nen Platt­form: „Im Sport spielt Kom­mu­ni­ka­ti­on ei­ne wich­ti­ge Rol­le, und wir wol­len das Öko­sys­tem für Sport­be­geis­ter­te bil­den.“

Bernhard Puch­ber­ger, Spor­tScheck: „Wir ha­ben agi­le Me­tho­den und De­vOp­sAn­sät­ze ge­nutzt und wen­den sie auch wei­ter an.“

Micha­el Tsi­fi­da­ris, Chair­man KPS: „In drei von vier Fäl­len bau­en wir ei­ne neue Platt­form ne­ben der al­ten auf und or­ga­ni­sie­ren den Über­gang.“

Von Hein­rich Vas­ke, Edi­to­ri­al Di­rec­tor

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