We­ge aus dem Be­rufs­frust: Neu­er Spaß im al­ten Job

Er­schre­ckend vie­le Ar­beit­neh­mer in der IT-Bran­che sind un­zu­frie­den mit ih­rem Job. Das wird seit vie­len Jah­ren durch zahl­rei­che Un­ter­su­chun­gen be­legt. Gleich­zei­tig wa­ren die Ar­beits­be­din­gun­gen in Deutsch­land nie so gut wie heute. Grün­de für die­sen Wi­derspr

Computerwoche - - Job & Karriere - (hk)

Durch­schnitt­lich 38 St­un­den ta­rif­li­che Wo­chen­ar­beits­zeit, 29 Ur­laubs­ta­ge pro Jahr, Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­tät, ver­bes­ser­te Ver­ein­bar­keit von Job und Fa­mi­lie so­wie ei­ne seit Jahr­zehn­ten stei­gen­de Kauf­kraft: nach die­sen Maß­stä­ben ging es den ar­bei­ten­den Deut­schen – auch im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich – nie so gut wie heute. Den­noch be­le­gen Um­fra­gen und Un­ter­su­chun­gen im­mer wie­der: Die Zuf­rie­den­heit im Job sta­gniert seit vie­len Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich auf nied­ri­gem Ni­veau.

Ei­ne Er­fah­rung, die auch Ma­de­lei­ne Leit­ner be­stä­tigt. Sie ar­bei­tet seit über zwei Jahr­zehn­ten mit Fach- und Füh­rungs­kräf­ten, die be­ruf­lich un­zu­frie­den sind, teils weil sie in ih­rer Kar­rie­re nicht wei­ter­kom­men. Ne­ben den ty­pi­schen Kli­en­ten mit ei­ner Mid­life-Cri­sis rund um den 40. Ge­burts­tag su­chen seit ei­ni­ger Zeit auch er­folg­rei­che Füh­rungs­kräf­te jen­seits der 50 ih­ren Rat. An­ge­ödet von ih­ren Jobs ha­ben sie sich in­ner­lich längst ver­ab­schie­det. Ih­re Mo­ti­va­ti­on liegt bei null, vie­le ar­bei­ten nur noch für das Geld. Aus lau­ter Frust kün­di­gen sie, su­chen ihr Glück in ei­nem neu­en Job oder stei­gen oh­ne Si­che­rungs­netz ein­fach aus. Oft mit ver­hee­ren­den Fol­gen. Die er­hoff­te Er­leuch­tung bei der Su­che nach ih­rer wah­ren „Be­ru­fung“bleibt aus. Man­gels Al­ter­na­ti­ven keh­ren sie nach ei­ner Aus­zeit frus­triert in ih­ren al­ten Be­ruf zu­rück. Bei an­de­ren er­weist sich die neue Stel­le als Mör­der­gru­be; die Po­si­ti­on be­steht aus un­lös­ba­ren Auf­ga­ben und ent­wi­ckelt sich zum Schleu­der­sitz; die Fir­ma baut ab, und die Neu­en müs­sen als Ers­te ge­hen. Der ver­meint­li­che Traum­job er­weist sich als Alb­traum.

Man­gels Al­ter­na­ti­ven geht der Weg oft zu­rück

Bei solch be­deut­sa­men Schrit­ten rät die Psy­cho­lo­gin aus Er­fah­rung da­her zur Vor­sicht. Aus der Wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gie ist näm­lich be­kannt, dass sich der Mensch sehr schnell an po­si­ti­ve Din­ge ge­wöhnt und die­se dann als selbst­ver­ständ­lich er­ach­tet. Im Ge­gen­satz da­zu nimmt er all das, was er nicht hat, be­son­ders stark wahr. Dar­aus re­sul­tiert zwangs­läu­fig ein Ge­fühl chro­ni­scher Un­zu­frie­den­heit, die po­si­ti­ven Sei­ten der Tä­tig­keit hin­ge­gen wer­den un­ter­schätzt.

Das stel­len auch im­mer wie­der Kli­en­ten von Ma­de­lei­ne Leit­ner fest. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin ei-

nes sehr be­kann­ten, gro­ßen IT-Un­ter­neh­mens war so un­zu­frie­den, dass sie un­be­dingt kün­di­gen woll­te. „Beim Be­ra­tungs­ge­spräch be­rich­te­te ich ihr, dass ihr Job aus mei­ner Sicht ge­ra­de­zu sen­sa­tio­nell po­si­tiv war im Ver­gleich zu dem, was ich von an­de­ren Kli­en­ten als be­ruf­li­che Rea­li­tät kann­te“, so die Psy­cho­lo­gin. Die Kli­en­tin woll­te aber trotz­dem un­be­dingt „et­was an­de­res“ma­chen. Im Rah­men ei­nes Tref­fens ehe­ma­li­ger Kli­en­ten kam sie mit an­de­ren ins Ge­spräch und rea­li­sier­te erst da­durch, dass ein gu­tes Be­triebs­kli­ma oh­ne Mob­bing, ei­ne gu­te Be­zah­lung, die Mög­lich­keit zu klei­nen Sab­ba­ti­cals und Frei­räu­me bei der Ar­beit al­les an­de­re als selbst­ver­ständ­lich sind. Da­nach be­wer­te­te sie ih­ren Job deut­lich bes­ser. Seit­dem nutzt sie ver­mehrt das groß­zü­gi­ge An­ge­bot ih­res Ar­beit­ge­bers zu ge­le­gent­li­chen Aus­zei­ten.

Ein ähn­li­cher Fall: Ein Pro­jekt-Ma­na­ger im ITBe­reich woll­te eben­falls aus Frus­tra­ti­on kün­di­gen. Nach der Stand­ort­be­stim­mung wur­de ihm be­wusst, dass die Fir­ma und sein Chef au­ßer­or­dent­lich gut wa­ren. „Wir er­kann­ten durch un­se­re Ar­beit, dass sein ei­gent­li­ches The­ma, das ihn im Job un­zu­frie­den mach­te, eher mit ihm selbst zu tun hat­te. Denn er sah zwar im­mer, was man bes­ser ma­chen konn­te, war aber nicht in der La­ge, das zu kom­mu­ni­zie­ren“, so die Coach-Ex­per­tin. Nach und nach lern­te er, sich die Vor­schlä­ge nicht mehr zu ver­knei­fen, son­dern ak­tiv an­zu­spre­chen. Das ge­lang ihm im­mer bes­ser, zu­mal sei­ne Im­pul­se in der Fir­ma auf frucht­ba­ren Bo­den fie­len – da­mit war die Kün­di­gung kein The­ma mehr.

Mit an­de­ren über den Job spre­chen

Be­vor man al­so et­was Grund­le­gen­des ver­än­dert, so Leit­ner, soll­te man sich ein paar grund­le­gen­de Fra­gen stel­len: Be­schrei­ben Sie mög­lichst ge­nau, was Sie an Ih­rer Tä­tig­keit stört. Ein dif­fu­ses „Ich füh­le mich un­ter­for­dert“oder „Mir fehlt die Mo­ti­va­ti­on“rei­chen da­für nicht aus. Seit wann hat sich das Ge­fühl der Un­zu­frie­den­heit bei Ih­nen ein­ge­stellt? Gab es ei­nen be­stimm­ten Aus­lö­ser, oder war es eher ein schlei­chen­der Pro­zess? Hat das Pro­blem mit Ih­rer Tä­tig­keit oder mit Ih­nen selbst zu tun? Ist ein Kol­le­ge an Ih­nen vor­bei­ge­zo­gen? Sind in­ter­es­san­te Auf­ga­ben ent­fal­len? Oder hat­ten Sie ei­nen run­den Ge­burts­tag? Hat sich je­mand selb­stän­dig ge­macht, dem Sie das nie­mals zu­ge­traut hät­ten? Wä­re der Wech­sel des Ar­beits­plat­zes wirk­lich die Lö­sung? Oder ha­ben Sie ei­gent­lich „nur“ei­ne Art klei­ne Sinn­kri­se? Was ge­nau geht in Ih­nen vor? Ver­su­chen Sie, durch Selbst­be­ob­ach­tung her­aus­zu­fin­den, wel­che Ge­dan­ken Sie he­gen, zum Bei­spiel: „Jetzt oder nie, sonst schaf­fe ich den Ab­sprung nicht mehr“oder „Ein Job muss Er­fül­lung brin­gen“. Die Münch­ner Psy­cho­lo­gin hat drei Tipps pa­rat, die Men­schen ge­hol­fen ha­ben, wie­der Freu­de im al­ten Job zu fin­den: Spre­chen Sie mit an­de­ren Per­so­nen über de­ren Jobs. Das kann Ih­nen hel­fen, Ih­re Ein­schät­zung zu re­la­ti­vie­ren. Denn vie­le Men­schen wis­sen gar nicht, wie gut es Ih­nen geht. Erst im Kon­trast zu den Er­fah­run­gen an­de­rer be­mer­ken sie, wie pri­vi­le­giert sie ei­gent­lich sind. Über­le­gen Sie, war­um Sie sich ur­sprüng­lich für Ih­ren Job ent­schie­den ha­ben. Hät­te es auch an­de­re Op­tio­nen ge­ge­ben? War­um ha­ben Sie die­se nicht ge­wählt? Hat sich seit­dem et­was Grund­le­gen­des ge­än­dert? Über­le­gen Sie noch ein­mal ganz be­wusst, was an Ih­rer jet­zi­gen Tä­tig­keit po­si­tiv für Sie ist. Das gu­te Be­triebs­kli­ma? Die Job­si­cher­heit? Das Ge­halt? Die Ver­ein­bar­keit mit dem Pri­vat­le­ben?

„Bei ge­nau­er Be­trach­tung ha­ben vie­le mei­ner Kli­en­ten er­kannt, dass ih­re Tä­tig­keit im Ver­gleich gar nicht so schlecht ab­schnei­det, wie sie das er­war­tet hat­ten“, kom­men­tiert die Psy­cho­lo­gin. Schon die­se Er­kennt­nis ha­be die Kli­en­ten mo­ti­viert, mit neu­em Schwung an ih­re al­te Ar­beit zu ge­hen.

Ma­de­lei­ne Leit­ner, Coach: „Vie­le IT-Mit­ar­bei­ter le­ben mit ei­nem chro­ni­schen Ge­fühl der Un­zu­frie­den­heit und neh­men die po­si­ti­ven Aspek­te ih­rer Tä­tig­keit gar nicht mehr wahr.“

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