Ar­beits­platz der Zu­kunft

Un­ter­neh­men und Mit­ar­bei­ter ha­ben un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen

Computerwoche - - Vorderseite - Von Alex­an­der Ja­ke Frei­mark, frei­er Jour­na­list in Bad Ai­b­ling

Un­ter­neh­men ver­bin­den mit dem Ar­beits­platz der Zu­kunft ei­ne ver­stärk­te Nut­zung tech­ni­scher Mög­lich­kei­ten, um pro­duk­ti­ver zu agie­ren. Die Mit­ar­bei­ter in­ter­es­siert vor al­lem die Fra­ge, an wel­chen Or­ten sie in Zu­kunft ar­bei­ten. Ei­ne ak­tu­el­le IDG-Studie zeigt, dass der Ar­beits­platz der Zu­kunft noch vie­ler­orts mehr Wunsch als Rea­li­tät ist.

In Zu­kunft las­sen sich Be­ruf und Le­ben mü­he­los mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren, wir kön­nen fle­xi­bel ar­bei­ten und im­mer von übe­r­all auf sämt­li­che In­for­ma­tio­nen dank in­tel­li­gen­ter Apps zu­grei­fen. Von die­ser schö­nen neu­en Ar­beits­welt sind wir heu­te weit ent­fernt – wie weit, hat IDG mit ei­ner ak­tu­el­len Studie zum „Ar­beits­platz der Zu­kunft“ana­ly­siert.

Vor den Un­ter­neh­men liegt ei­ne ech­te Her­aus­for­de­rung: Rund 18 Mil­lio­nen Bü­ro­ar­beits­plät­ze ste­hen in Deutsch­land, 16 Pro­zent mehr als noch 2007. Den ei­nen Ar­beits­platz der Zu­kunft gibt es nicht – für je­de Po­si­ti­on und Rol­le wird ei­ne in­di­vi­du­el­le Lö­sung ge­sucht, die sich ef­fi­zi­ent be­reit­stel­len und steu­ern lässt. Mal reicht ei­ne Soft­ware, mal braucht es ei­ne um­fas­sen­de Vi­si­on. Auch wenn die an­ste­hen­den Ve­rän­de­run­gen in Or­ga­ni­sa­ti­on, Tech­no­lo­gie und Kul­tur ge­wal­tig sind, müs­sen Un­ter­neh­men wohl oder übel die Dy­na­mik der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on auf­grei­fen und Mit­ar­bei­ter an sich bin­den. Stra­te­gie ja, aber oh­ne Mit­ar­bei­ter

Die IDG-Studie zeigt, dass die­se Not­wen­dig­keit vie­len be­wusst ist: Für die über 1000 be­frag­ten Un­ter­neh­men ist der Ar­beits­platz der Zu­kunft nach dem Dau­er­bren­ner IT-Si­cher­heit die wich­tigs­te Her­aus­for­de­rung – deut­lich vor ak­tu­el­len Hy­pes wie Ana­ly­tics, In­ter­net of Things und In­dus­trie 4.0. Mehr als ein Drit­tel al­ler be­frag­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen hat mitt­ler­wei­le ei­ne un­ter­neh­mens­wei­te Stra­te­gie zum Ar­beits­platz der Zu­kunft ent­wi­ckelt; hin­zu kom­men noch ein­mal 27 Pro­zent, die neue Ar­beits­plat­zund Mo­bi­li­täts­kon­zep­te ab­tei­lungs­wei­se an­ge­hen. Nur je­des sieb­te Un­ter­neh­men hat bis­lang kei­ne Stra­te­gie.

Al­ler­dings ent­warf die Mehr­heit der Be­frag­ten ih­re Stra­te­gi­en oh­ne Ein­bin­dung der Be­trof­fe­nen: Nur gut ein Drit­tel be­frag­te die Mit­ar­bei­ter auf dem Weg zum Ar­beits­platz der Zu­kunft, knapp ein Drit­tel in­for­miert sei­ne Be­leg­schaft re­gel­mä­ßig über den Pro­zess. Ähn­lich vie­le Or-

ga­ni­sa­tio­nen ha­ben den Be­darf ana­ly­siert, und nur je­de vier­te Fir­ma hat Ar­beits­grup­pen ein­ge­setzt be­zie­hungs­wei­se Nut­zer­pro­fi­le er­stellt.

Die Ana­ly­se des IT-Be­darfs ist aber ein ent­schei­den­der Punkt: Über 80 Pro­zent der be­frag­ten 444 Mit­ar­bei­ter se­hen Raum zur Ver­bes­se­rung ih­rer tech­ni­schen Aus­stat­tung am Ar­beits­platz, nur je­der ach­te ist rund­um zu­frie­den. Fast je­der vier­te fin­det, sein Ar­beits­platz sei noch weit von ei­nem Ar­beits­platz der Zu­kunft ent­fernt. Wer re­mo­te ar­bei­tet, kennt das Phä­no­men: Es gibt ei­nen Un­ter­schied zwi­schen den Ein­schät­zun­gen der IT und den ei­ge­nen Er­fah­run­gen, was Sta­bi­li­tät oder Per­for­mance der Netz­werk­ver­bin­dung be­trifft.

Was macht ei­gent­lich den Ar­beits­platz der Zu­kunft aus? Auch hier set­zen Un­ter­neh­men an­de­re Schwer­punk­te wie Mit­ar­bei­ter. Wäh­rend die Be­schäf­tig­ten das The­ma in ers­ter Li­nie mit der kon­kre­ten Fra­ge ver­bin­den, an wel­chen Or­ten sie in Zu­kunft ar­bei­ten, zäh­len aus

„Sag den Men­schen nie, wie sie Din­ge tun sol­len. Sag ih­nen, was zu tun ist, und sie wer­den dich mit ih­rem Ein­falls­reich­tum über­ra­schen." Ge­ne­ral Ge­or­ge S. Pat­ton (1885–1945)

Un­ter­neh­mens­sicht die Schlag­wor­te Mo­bi­li­tät und Tech­no­lo­gie. Erst dann folgt das Über­den­ken von Ar­beits­zeit­mo­del­len und Ho­me Of­fice. Ge­trie­ben wird dies ei­ner­seits durch den Wunsch vie­ler Mit­ar­bei­ter nach Fle­xi­bi­li­tät, an­de­rer­seits aber auch durch die Not­wen­dig­keit, räum­lich ge­trenn­te und nach Be­darf zu­sam­men­ge­stell­te Teams zu in­te­grie­ren.

Fle­xi­ble Ar­beits­zeit und Da­ten­zu­griff

Zwei Drit­tel der Mit­ar­bei­ter wün­schen sich fle­xi­ble­re Ar­beits­zeit­mo­del­le so­wie ei­nen stand­ort­un­ab­hän­gi­gen Zu­griff auf al­le Da­ten. Knapp da­hin­ter lie­gen ei­ne schnel­le Netz­werk­an­bin­dung und pa­pier­lo­se Pro­zes­se. Die bis­he­ri­gen Ar­beits­mo­del­le auf den Prüf­stand zu stel­len be­grei­fen die Un­ter­neh­men denn auch als wich­tigs­te or­ga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­rung, die mit dem Ar­beits­platz der Zu­kunft ein­her­geht. Zu­dem müs­se sich die Un­ter­neh­mens­kul­tur wan­deln, Mit­ar­bei­ter müss­ten wei­ter­ge­bil­det so­wie Work­flows neu or­ga­ni­siert wer­den. Auch wenn vir­tu­el­le Teams in vie­len Or­ga­ni­sa­tio­nen schon Rea­li­tät sind, da sie über meh­re­re Stand­or­te oder mit ex­ter­nen Fach­kräf­ten zu­sam­men­ar­bei­ten, bleibt die Fra­ge, wie tief die­se Ve­rän­de­run­gen in die klas­si­schen Ab­tei­lun­gen des Back-Of­fice ein­drin­gen. Ein gu­tes Drit­tel der be­frag­ten Fir­men rech­net je­den­falls da­mit, dass sich die Teams lang­fris­tig selbst or­ga­ni­sie­ren und kon­trol­lie­ren wer­den, dass li­nea­re Struk­tu­ren und Be­reichs­gren­zen ero­die­ren und die Ver­net­zung zwi­schen den bis­he­ri­gen Si­los ge­lin­gen muss.

Te­le­fon­kon­fe­renz ist Lieb­lings-Tool

Der tech­ni­sche Weg zum Ar­beits­platz der Zu­kunft be­ginnt vie­ler­orts nicht bei null. Ein Groß­teil der Fir­men, die Mo­bi­li­tät und Fle­xi­bi­li­tät för­dern wol­len, hat be­reits not­wen­di­ge Tools im Ein­satz. Die Te­le­fon­kon­fe­renz ist Spit­zen­rei­ter bei den Werk­zeu­gen zur Zu­sam­men­ar­beit, auch Work­group-Lö­sun­gen sind eta­bliert. Vi­deo- und Web-Kon­fe­ren­zen be­kom­men eben­falls ho­he Wer­te beim Ein­satz.

Den größ­ten Be­darf gibt es aus der Un­ter­neh­mens­per­spek­ti­ve bei den Punk­ten „Self Help“und „Col­la­bo­ra­ti­ve Re­view­ing“. Ein­mal sol­len die Mit­ar­bei­ter in die La­ge ver­setzt wer­den, den grund­le­gen­den Sup­port selbst zu leis­ten – et­wa abends oder un­ter­wegs. Zum an­de­ren geht es um die ge­mein­sa­me, ge­ge­be­nen­falls auch zeit­glei­che Ar­beit an Bu­si­ness-Do­ku­men­ten, was über das re­gu­lä­re Fi­le­sha­ring hin­aus­geht.

Off­line = un­pro­duk­tiv?

Das Kon­zept vom Ar­beits­platz der Zu­kunft birgt auch Ri­si­ken. An ers­ter Stel­le liegt bei Un­ter­neh­men wie Mit­ar­bei­tern die Angst, pha­sen­wei­se nicht mehr über das In­ter­net ar­bei­ten zu kön­nen, al­so off­line und da­mit un­pro­duk­tiv zu sein. Gleich­zei­tig wird je­doch auf das Ri­si­ko der per­ma­nen­ten Ver­füg­bar­keit als Er­war­tungs­hal­tung der „Kun­den“ver­wie­sen. Im Um­kehr­schluss be­deu­tet dies, dass Mit­ar­bei­ter nur dann den Ar­beits­platz der Zu­kunft als po­si­tiv emp­fin­den, wenn sie sich zu 99,9 Pro­zent auf die Con­nec­tivi­ty ver­las­sen kön­nen – ein Tag pro Jahr kann im­mer mal aus­fal­len. We­ni­ger Frei­zeit für den Ein­zel­nen (mehr „Selbst­aus­beu­tung“) und we­ni­ger Fest­an­stel­lun­gen, wo­durch das un­ter­neh­me­ri­sche Ri­si­ko ver­la­gert wird, zäh­len eben­falls zu den gro­ßen Sor­gen. Hin­zu kommt die Trans­pa­renz der ei­ge­nen Leis­tung durch neue Tech­no­lo­gi­en – was al­ler­dings auch in klas­si­schen IT-Um­ge­bun­gen mög­lich wä­re.

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