An­wen­der wol­len mit­re­den

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Der CIO-Ver­band VOICE hat die Po­li­tik da­vor ge­warnt, bei den Wei­chen­stel­lun­gen für ein di­gi­ta­les Deutsch­land nur auf die in­ter­es­sen­ge­lei­te­ten Her­stel­ler­ver­bän­de zu hö­ren. Die­je­ni­gen, die den Um­bau wirk­lich vor­an­trei­ben, sä­ßen in den An­wen­der­un­ter­neh­men.

Tho­mas End­res, Vor­sit­zen­der des VOICE-Prä­si­di­ums, hat das 3. Ent­schei­der­fo­rum da­zu ge­nutzt, den CIO-Ver­band klar ge­gen die IT-Her­stel­ler­ver­bän­de ab­zu­gren­zen. Die An­bie­ter ver­folg­ten in ih­rer Lob­by­ar­beit oft ge­schäft­li­che In­ter­es­sen. Die An­wen­der da­ge­gen sei­en die Ma­cher, die ih­re Un­ter­neh­men di­gi­ta­li­sier­ten.

Das 3. VOICE-Ent­schei­der­fo­rum in Ber­lin stand in die­sem Jahr un­ter dem Mot­to „Fu­ture In­tel­li­gence – was nach der Di­gi­ta­li­sie­rung kommt“. In sei­ner Er­öff­nungs­re­de po­si­tio­nier­te Tho­mas End­res den Bun­des­ver­band der IT-An­wen­der als Ge­gen­ge­wicht zu den In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen der An­bie­ter und er­in­ner­te dar­an, dass die Her­stel­ler­sei­te im­mer Ge­schäfts­in­ter­es­sen ver­fol­ge. „Na­tür­lich brau­chen wir star­ke Pro­vi­der, aber der Po­li­tik soll­te klar sein, dass die In­ter­es­sen der An­bie­ter­ver­bän­de nicht un­be­dingt de­nen der An­wen­der und Käu­fer ent­spre­chen.“

Laut End­res ist es un­ab­ding­bar, dass die­je­ni­gen, die je­den Tag an der di­gi­ta­len Zu­kunft von Un­ter­neh­men und Ge­sell­schaft ar­bei­ten, von der Po­li­tik ge­hört wer­den – in Deutsch­land und auch in Eu­ro­pa. Des­halb wer­de der VOICE wei­ter zu­sam­men mit dem Dach­ver­band Eu­roCIO, in dem sich elf na­tio­na­le CIO-Or­ga­ni­sa­tio­nen or­ga­ni­sie­ren, Ein­fluss auch auf die EU-Po­li­tik neh­men. „Hoch­ge­rech­net re­prä­sen­tie­ren wir ge­mein­sam ein IT-Bud­get von 150 Mil­li­ar­den Eu­ro in Eu­ro­pa. Die­se gut sicht­ba­re Kauf­kraft hilft uns, wenn wir mit An­bie­tern und Po­li­ti­kern über un­se­re In­ter­es­sen spre­chen“, sag­te End­res.

Di­gi­ta­le Cham­pi­ons im B2B-Sek­tor

Das Selbst­be­wusst­sein der deut­schen Un­ter­neh­mer be­schwor Gast­red­ne­rin Iris Plö­ger, Ge­schäfts­füh­rungs­mit­glied im Bun­des­ver­band der Deut­schen In­dus­trie (BDI). „Wir dür­fen uns durch die Er­fol­ge der Ame­ri­ka­ner und Chi­ne­sen in den B2C-Märk­ten nicht ein­schüch­tern las­sen. Wir müs­sen an un­se­ren Kern­kom­pe­ten­zen und Al­lein­stel­lungs­merk­ma­len an­knüp­fen, um zu di­gi­ta­len Cham­pi­ons im B2B-Be­reich zu wer­den. Wenn wir hier un­se­re gu­te Aus­gangs­si­tua­ti­on nut­zen und die Po­li­tik die rich­ti­gen Wei­chen in den Fel­dern For­schungs­för­de­rung, Künst­li­che In­tel­li­genz und Da­ten­po­li­tik stellt, wer­den wir auch in Zu­kunft er­folg­reich sein.“

Plö­ger for­der­te die Po­li­tik auf, die For­schung deut­scher Un­ter­neh­men steu­er­lich zu för­dern. Ziel müs­se es sein, den For­schungs­an­teil am Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) auf 3,5 Pro­zent zu er­hö­hen und for­schungs­ak­ti­ven Be­trie­ben mehr Ri­si­ken zu er­mög­li­chen. Au­ßer­dem bräuch­ten die Fir­men ei­nen un­kom­pli­zier­ten Zu­gang zu den rie­si­gen Da­ten­men­gen, die für die nächs­te

Stu­fe der Di­gi­ta­li­sie­rung, die Künst­li­che In­tel­li­genz (KI), ei­ne zen­tra­le Rol­le spiel­ten. Der Da­ten­schutz sei wich­tig, aber er dür­fe kein In­no­va­ti­ons­hemm­nis wer­den.

In Be­zug auf die ge­plan­te E-Pri­va­cy-Ver­ord­nung der EU warn­te sie: „Hier darf es zu kei­ner Ver­schär­fung des Da­ten­rechts kom­men. Neue Hür­den, die In­no­va­tio­nen im Be­reich KI be­hin­dern, sind un­be­dingt zu ver­mei­den. Der Auf­bau ei­ner eu­ro­päi­schen Da­ten­wirt­schaft wür­de durch die An­wen­dung der bis­her vor­ge­se­he­nen Re­ge­lungs­in­hal­te mas­siv er­schwert. Wir brau­chen ei­ne mo­der­ne und in­no­va­ti­ons­freund­li­che Da­ten­po­li­tik.“Da­zu ge­hö­ren laut Plö­ger vor al­lem ei­ne kla­re Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen per­so­nen­be­zo­ge­nen und In­dus­trie­da­ten.

ara­go-Chef: CIOs soll­ten Mut zei­gen

Zu ei­nem mu­ti­ge­ren und ent­schlos­se­ne­ren Ein­satz di­gi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en rief Chris Boos die VOICE-Mit­glie­der auf. Der Grün­der der ara­go AG, der Mit­glied im Di­gi­tal­rat der Bun­des­re­gie­rung ist, sieht mit der KI um­wäl­zen­de Ve­rän­de­run­gen auf Un­ter­neh­men und Ge­sell­schaft zu­kom­men. „Ich möch­te Sie auf­for­dern, ri­si­ko­freu­di­ger zu wer­den. Wenn wir un­se­re Art zu le­ben nicht auf­ge­ben und kei­ne Men­schen zu­rück­las­sen wol­len, dann müs­sen wir die­se Ve­rän­de­run­gen jetzt an­pa­cken und die Zu­kunft aufs Ta­pet zu brin­gen.“ IT- und Di­gi­tal­ver­ant­wort­li­che spie­len da­bei laut Boos ei­ne Schlüs­sel­rol­le – nicht nur, weil die in der IT ge­ne­rier­ten und ge­spei­cher­ten Da­ten der Schlüs­sel zu funk­tio­nie­ren­der KI sei­en, son­dern auch weil die IT-Chefs „als Te­chies“in der Ver­ant­wor­tung stün­den, das Top-Ma­nage­ment von ei­ner in­ten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma zu über­zeu­gen. Boos rech­net da­mit, dass KI un­se­re Wirt­schaft in we­ni­ger als zehn Jah­ren um­wäl­zen wird.

„You can ha­ve any co­lour“

KI sei des­halb so ein­schnei­dend, weil sie uns er­lau­be, „das In­dus­trie­zeit­al­ter zu ver­las­sen“. Die In­dus­tria­li­sie­rung ha­be durch Stan­dards, me­cha­ni­sche Au­to­ma­ti­sie­rung und dar­aus re­sul­tie­ren­de Ska­len­ef­fek­te die Stück­kos­ten mas­siv ge­senkt – aber auf Kos­ten der Pro­dukt­viel­falt. Durch KI „kön­nen wir so tun, als wenn al­les von Hand ge­macht wird“, so der ara­go-Chef. Künst­li­che In­tel­li­genz brin­ge ei­ne Au­to­ma­ti­sie­rung bis hin zur Los­grö­ße eins. „Der welt­be­kann­te Satz von Hen­ry Ford ,you can ha­ve any co­lour as long as it is black‘ gilt nur noch zur Hälf­te“, so Boos: ,You can ha­ve any co­lour‘.“

Bis­lang sei­en nur gro­ße Platt­form­be­trei­ber wie Ama­zon, Goog­le, Face­book, Ali­ba­ba oder App­le in der La­ge, oh­ne um­wäl­zen­de Ve­rän­de­run­gen mit KI fer­tig­zu­wer­den. Mit ih­ren tie­fen Ta­schen könn­ten sie auch gra­vie­ren­de Feh­ler und Fehl- ein­schät­zun­gen un­be­scha­det über­ste­hen. Au­ßer­dem sei­en die­se Un­ter­neh­men meis­ten von Te­chies ge­grün­det wor­den – „und die ver­fol­gen kei­ne Fi­nanz­plä­ne, son­dern wol­len Pro­ble­me lö­sen“.

An­statt die­se kon­sum­ori­en­tier­ten Platt­for­men an­zu­grei­fen, rät Boos den Eu­ro­pä­ern, ih­nen nach­zu­ei­fern – ins­be­son­de­re im tra­di­tio­nell star­ken B2B-Seg­ment. Mit KI lie­ßen sich vie­le Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se au­to­ma­ti­sie­ren. Vor al­lem in der Fer­ti­gungs­in­dus­trie er­gä­ben sich Vor­tei­le: „Ei­ne KI braucht im­mer Kon­text, um zu funk­tio­nie­ren. Sie müs­sen ihr qua­si die Welt er­klä­ren, und je klei­ner die Welt ist, des­to bes­ser funk­tio­niert ei­ne KI.“Die meis­ten Fer­ti­gungs­un­ter­neh­men hät­ten die­se klei­nen, „zer­schnit­te­nen“Wel­ten mit ih­ren de­tail­liert ar­bei­ten­den Pro­zes­sen längst ge­schaf­fen und könn­ten da­her schon jetzt vom KI-Ein­satz pro­fi­tie­ren.

„Wäh­rend die Googles die­ser Welt nur über ober­fläch­li­ches Wis­sen des Kon­su­men­ten­ver­hal­tens ver­fü­gen, kön­nen Pro­duk­ti­ons­un­ter­neh­men ge­nau nach­voll­zie­hen, wie die Din­ge funk­tio­nie­ren und her­ge­stellt wer­den. Ihr Wis­sen geht al­so viel tie­fer“, sag­te Boos. Das Pro­blem sei aber, dass sie ein­zeln im­mer nur über klei­ne Aus­schnit­te des gan­zen Bil­des ver­füg­ten. Sie müss­ten al­so ih­re Da­ten „in gro­ßem Stil tei­len“, um im KI-Be­reich er­folg­reich zu sein.

VOICE-Spre­cher Tho­mas End­res warnt die po­li­ti­schen Ent­schei­der da­vor, sich bei der Gestal­tung des po­li­ti­schen Rah­mens für die Di­gi­ta­li­sie­rung nur auf die Her­stel­ler­lob­by­is­ten zu ver­las­sen.

Wie schon in den Vor­jah­ren war das IT-Ent­schei­der­fo­rum des VOICE e.V. gut be­sucht. Iris Plö­ger, Ge­schäfts­füh­rungs­mit­glied im In­dus­trie­ver­band BDI, fürch­tet ei­ne über­bor­den­de Da­ten­schutz-Bü­ro­kra­tie.

Emp­fahl mu­ti­ges Vor­ge­hen ins­be­son­de­re beim Ein­satz von Ma­chi­ne Le­arning und Künst­li­cher In­tel­li­genz: ara­goG­rün­der Chris Boos.

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