Die Sor­gen der IT-Frei­be­ruf­ler

Ih­re Ho­no­ra­re stei­gen und sie kön­nen sich vor Auf­trä­gen kaum ret­ten – das ist die ei­ne Sei­te der Me­dail­le. Die an­de­re: IT-Fre­e­lan­cer füh­len sich oft als Mit­ar­bei­ter zwei­ter Klas­se und wer­den ver­ant­wort­lich ge­macht, wenn Kun­den un­zu­frie­den sind. Das zeigt

Computerwoche - - Inhalt - Von Alex Ja­ke Frei­mark, frei­er Jour­na­list in Bad Ai­b­ling

Ih­re Ho­no­ra­re stei­gen kon­ti­nu­ier­lich, und sie kön­nen sich vor Auf­trä­gen kaum ret­ten – das ist die ei­ne Sei­te der Me­dail­le. Die an­de­re: IT-Fre­e­lan­cer füh­len sich oft als Mit­ar­bei­ter zwei­ter Klas­se in ih­ren Pro­jek­ten.

Frei­be­ruf­ler kön­nen der­zeit aus dem Vol­len schöp­fen, vor al­lem die­je­ni­gen mit be­gehr­ten Skills. In­zwi­schen sind 50 Pro­zent der IT-Fach­leu­te in den Un­ter­neh­men Ex­ter­ne, auf­ge­teilt in die Be­rei­che Ar­beit­neh­mer­über­las­sung, selb­stän­di­ge IT-Fach­kräf­te und Out­sour­cing-Di­enst­leis­ter. Kein Wun­der, dass sich heu­te nur 0,8 Pro­zent der Fre­e­lan­cer „ein­deu­tig“für ei­ne Fest­an­stel­lung ent­schei­den wür­den, wenn sie er­neut vor der Wahl stün­den.

Dies hängt si­cher auch mit den Ver­dienst­mög­lich­kei­ten zu­sam­men. 2018 dürf­te der St­un­den­satz mit durch­schnitt­lich 93,80 Eu­ro pro St­un­de ei­nen Re­kord­wert er­rei­chen – über fünf Eu­ro mehr als noch im Vor­jahr. Die­se und wei­te­re Fak­ten sind Er­geb­nis­se der neu­es­ten IT-Frei­be­ruf­ler­stu­die der COMPUTERWOCHE.

„Der Ex­ter­ne ist der Ers­te, der geht“

Kei­ne Fra­ge: Das Geld spricht für ei­ne frei­be­ruf­li­che Tä­tig­keit, aber das ist nur die ei­ne Sei­te der Me­dail­le. Auf der an­de­ren fin­den sich ei­ni­ge Her­aus­for­de­run­gen, die das be­ruf­li­che und pri­va­te Um­feld der Fre­e­lan­cer be­las­ten. Wie in den Vor­jah­ren ma­chen die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben den frei­be­ruf­li­chen IT-Pro­fis zu schaf­fen, eben­so die schwie­ri­ge Pl­an­bar­keit von An­schluss­pro­jek­ten.

Ener­vie­rend ist aus Sicht der Fre­e­lan­cer auch das Ge­fühl des Aus­ge­lie­fert­seins: Vie­le Kun­den er­war­ten, dass die Ex­ter­nen mög­lichst im­mer vor Ort sind und die im Un­ter­neh­men ein­ge­setz­ten Tools, et­wa für CRM oder Se­mi­nar­pla­nung, nut­zen. Hin­zu kommt die Un­si­cher­heit durch „kur­ze Kün­di­gungs­fris­ten und er­ra­ti­sches Kun­den­ver­hal­ten: Der Ex­ter­ne ist der Ers­te, der geht“. Dar­über hin­aus kri­ti­sie­ren die Frei­en das An­spruchs­den­ken ih­rer Kun­den und die dar­aus re­sul­tie­ren­de Ar­beits­be­las­tung. Sie sol­len für al­les zur Ver­fü­gung ste­hen: Ent­wick­lung, Wei­ter­bil­dung, Ver­trieb, Pro­duk­ti­on und Tech­nik. Gleich­zei­tig müs­sen sie sich stets auf ei­nem ak­tu­el­len Wis­sens­stand hal­ten, um auch in Zu­kunft Auf­trä­ge zu be­kom­men. In ei­nem Frei­feld­kom­men­tar zur Stu­die schreibt ein Fre­e­lan­cer, die Ar­beit sei „sehr stres­sig, und es geht nur lang­sam vor­an“. Hin­zu kom­me, dass es schwie­rig sei, Teil­zeit-Jobs zu be­kom­men, um sich zu er­ho­len. Und ha­be man et­was gut ge­macht, „wird man dar­auf fest­ge­legt und soll es im­mer wie­der ma­chen“.

Trotz der her­vor­ra­gen­den Markt­si­tua­ti­on be­fürch­ten 45 Pro­zent der IT-Fre­e­lan­cer Kon­kur­renz aus Nied­rig­lohn­län­dern – an­ge­sichts der ho­hen Ta­ges­sät­ze in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kein Wun­der. In ih­ren frei­en Ant­wor­ten war­nen sie vor „un­fai­ren, ag­gres­si­ven Me­tho­den zur Ver­drän­gung“so­wie vor „schlech­te­rer Di­enst­leis­tungs­qua­li­tät“.

Als Trei­ber der Ent­wick­lung gilt ne­ben dem Fach­kräf­te­man­gel und dem Kos­ten­druck die An­nah­me, dass Schein­selb­stän­dig­keit und zu-

neh­men­de Bü­ro­kra­tie „den Ein­kauf von Di­enst­leis­tun­gen aus dem Aus­land für Un­ter­neh­men at­trak­tiv“ma­chen. Ei­ne Fol­ge: „Es gibt im­mer mehr Kol­le­gen aus den öst­li­chen eu­ro­päi­schen Län­dern im Pro­jekt.“

Fre­e­lan­cer wün­schen mo­der­ne Auf­trag­ge­ber

Grund­sätz­lich kön­nen sich re­la­tiv vie­le Frei­be­ruf­ler auch ei­ne Fest­an­stel­lung vor­stel­len, um Ih­re Exis­tenz ab­zu­si­chern und recht­li­chen Un­wäg­bar­kei­ten aus dem We­ge zu ge­hen. An­de­rer­seits sind nur we­ni­ge Fre­e­lan­cer be­reit, in die Ar­beit­neh­mer­über­las­sung (Zeit­ar­beit/ Leih­ar­beit) zu wech­seln. Ih­re Zahl sum­miert sich ge­ra­de mal auf 13,3 Pro­zent. Zu groß ist of­fen­bar die Sor­ge, Ein­kom­mens­ein­bu­ßen hin­neh­men zu müs­sen.

Oben auf der Wun­sch­lis­te der Frei­be­ruf­ler steht ein fle­xi­bles Ar­beits­um­feld und ei­ne Per­so­nal­ab­tei­lung, die mo­der­ne Vor­stel­lun­gen hat und die­se auch um­setzt. Und wenn man der Phan­ta­sie schon mal frei­en Lauf las­sen kann, dann bringt es ein Frei­be­ruf­ler so auf den Punkt: „Ich wün­sche mir ei­ne sehr gu­te Be­zah­lung, um­fang­rei­chen Ent­schei­dungs­spiel­raum und va­ria­ble Ar­beits­zeit so­wie Ho­me Of­fice“. Gern ge­se­hen sind auch in­ter­es­san­te Pro­jek­te, ein span­nen­des Um­feld, aber ein ru­hi­ger Ar­beis­platz so­wie die Mög­lich­keit, Hun­de mit­zu­brin­gen.

Trotz der vie­len Her­aus­for­de­run­gen sind die meis­ten Frei­be­ruf­ler mit ih­rer Si­tua­ti­on zu­frie­den, so das zen­tra­le Er­geb­nis der IDG-Stu­die. Ge­ra­de ein­mal je­der Ach­te ten­diert zu ei­ner Fest­an­stel­lung, wenn es heu­te noch­mal von vor­ne los­ge­hen wür­de, wäh­rend 62,7 Pro­zent an­ge­ben, dass sie ein­deu­tig wie­der als Selb­stän­di­ge ar­bei­ten wür­den. Al­ler­dings gibt es auch Lern­ef­fek­te aus den bis­he­ri­gen Jah­ren: Vie­le Fre­e­lan­cer wür­den bei ei­nem Neu­start ein „um­fang­rei­che­res Netz­werk auf­bau­en“, „Kon­tak­te knüp­fen“so­wie „auf Ko­ope­ra­tio­nen set­zen“. An­de­re wür­den ein brei­te­res Know­how auf­bau­en, um Ab­hän­gig­kei­ten zu ver­mei­den.

Auch den Sprung in die Selb­stän­dig­keit wür­den vie­le Be­frag­te heu­te sorg­fäl­ti­ger vor­be­rei­ten. „Ich ha­be viel Zeit ver­lo­ren, um mich mit der Si­tua­ti­on und den Ge­ge­ben­hei­ten ei­ner Selb­stän­dig­keit aus­ein­an­der­zu­set­zen“, so ein Um­fra­ge­teil­neh­mer. Bes­se­re Pla­nung und pri­va­te Vor­sor­ge – spe­zi­ell im Be­reich der Al­ters- si­che­rung – so­wie mehr Trai­nings zu un­ter­stüt­zen­den Auf­ga­ben wie Buch­hal­tung wer­den eben­falls ge­nannt. Ei­ni­ge Fre­e­lan­cer wür­den aber auch „schnel­ler Mit­ar­bei­ter auf­neh­men“und „Per­so­nal ein­stel­len“, um zu wach­sen. Hier schwingt im­mer auch das An­sin­nen mit, die Pro­ble­ma­tik der Schein­selb­stän­dig­keit mit ei­ner ei­ge­nen Fir­ma ad ac­ta zu le­gen. Vie­le Be­frag­te wä­ren auch ger­ne „frü­her selb­stän­dig“ge­wor­den, man­che schon „wäh­rend des Stu­di­ums“.

Jam­mern auf ho­hem Ni­veau

Ein gu­ter, aber schwie­rig um­zu­set­zen­der Vor­satz ei­nes Be­frag­ten lau­tet: „sich we­ni­ger auf­re­gen.“An­de­re wür­den „von An­fang an hö­he­re Ta­ges­sät­ze neh­men“oder „den ei­ge­nen Wert bes­ser ein­schät­zen und selbst­be­wuss­ter auf­tre­ten“. Zu­sam­men­ge­fasst: „kei­ne Angst vor Ve­rän­de­rung, viel frü­her die Ent­schei­dung tref­fen und nicht dar­auf hö­ren, wel­che Ar­beits­kräf­te zur Zeit an­geb­lich ge­sucht wer­den.“Die häu­figs­te Ant­wort auf die Fra­ge, was sie heu­te beim Schritt in die Frei­be­ruf­lich­keit an­ders ma­chen wür­den, lau­tet: „nichts“. Das zeigt, wie weit oben vie­le Fre­e­lan­cer der­zeit auf der Er­folgs­wel­le sur­fen.

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