FALTENFALLE: TO­MA­TEN

Al­tern Ve­ge­ta­rie­rin­nen schnel­ler? Und wei­te­re Er­näh­rungs­my­then

Cosmopolitan (Germany) - - Inhalt - TEXT: INA KüPER- REI­NER­MANN

Wu nse­res Le­bens rund 30 Ton­nen knapp­heit? Kein The­ma mehr. Was n be­schäf­tigt: schier un­be­grenz­te Aus­wahl­mög­lich­kei­ten. Und die gro­ße Fra­ge, was von all dem richtig und was falsch ist. Der Ver­zicht auf ver­meint­lich „bö­se“Le­bens­mit­tel ist zum Sta­tus­sym­bol ge­wor­den – und schürt die Hoff­nun­gen, mo­ra­li­scher, ge­sün­der und, vor al­lem, at­trak­ti­ver zu wer­den. In wel­chem Aus­maß aber kann Es­sen den Teint tat­säch­lich be­ein­flus­sen?

Neu­er­dings ist aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht klar, dass mi­ni­ma­le Ent­zün­dun­gen im Haut­ge­we­be für Fal­ten, schlaf­fes Bin­de­ge­we­be und hän­gen­de Ge­sichts­kon­tu­ren ver­ant­wort­lich sind. Das so­ge­nann­te In­flflflam­ma­ging (von in­flflflam­ma­ti­on, al­so Ent­zün­dung, und aging) ist ei­ne Fra­ge

des Le­bens­stils. So weit, so klar: Wer raucht, Al­ko­hol trinkt, ge­stresst ist und stun­den­lang in der Son­ne brät, über­schwemmt sei­ne Haut mit Ent­zün­dungs­stof­fen. Fal­ten­be­schleu­ni­ger ha­ben leich­tes Spiel. Aber auch der Es­sens­stil leis­tet sei­nen Bei­trag: Zu­cker und ähn­li­che Koh­len­hy­dra­te, die vom Kör­per im Eil­ver­fah­ren auf­ge­nom­men wer­den, füh­ren zu eben je­nen Mi­kro­ent­zün­dun­gen. Und Fleisch, Wurst und an­de­re tie­ri­sche Nah­rungs­mit­tel ent­hal­ten so­gar von Haus aus Ent­zün­dungs­fet­te. Wer sich da­ge­gen schwer­punkt­mä­ßig von Ge­mü­se, Obst, Hül­sen­früch­ten, Nüs­sen und Ölen er­nährt, hält mit pflanz­li­chen Schutz­stof­fen da­ge­gen. Be­deu­tet für Ve­ge­ta­rie­rin­nen und Ve­ga­ne­rin­nen: Al­les richtig ge­macht! Oder?

Ve­gan. Oder: Mehr ist manch­mal mehr

Die gu­te Nach­richt zu­erst: „Je we­ni­ger Fleisch und tie­ri­sche Le­bens­mit­tel auf dem Spei­se­plan ste­hen, des­to ge­rin­ger ist das Ri­si­ko, an Zi­vi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten wie Dia­be­tes, Blut­hoch­druck und Krebs zu er­kran­ken“, weiß die Stutt­gar­ter Er­näh­rungs­wis­sen­schaft­le­rin Dr. Pe­tra Fors­ter. Ve­gan ist gleich ge­sund? Stimmt al­ler­dings auch nicht. Nur wer sei­ne Haus­auf­ga­ben ma­che, so Pe­tra Fors­ter, und sich ge­nau­es­tens mit Nähr­stoff­be­darfs­ta­bel­len und der Wech­sel­wir­kung von Le­bens­mit­teln aus­ken­ne, sei für ei­nen rein pflanz­li­chen Er­näh­rungs­stil ge­macht. Ah­nungs­lo­sig­keit kön­ne näm­lich ge­fähr­lich wer­den.

Me­di­zi­ner war­nen vor ei­nem Man­gel an Mi­kro­nähr­stof­fen, der sich oft erst Jah­re spä­ter be­merk­bar macht. Tro­cke­ne, blas­se Haut, ein­ge­ris­se­ne Mund­win­kel oder Haar­aus­fall? Kla­re An­zei­chen, dass dem Kör­per et­was fehlt. Oh­ne Vit­amin B12 et­wa, das der Kör­per meist über tie­ri­sche Le­bens­mit­tel auf­nimmt, sind Zell­tei­lung, Blut­bil­dung und das Ner­ven­sys­tem in Ge­fahr. Pe­tra Fors­ter er­läu­tert: „Wer sich fleisch­frei er­nährt, B12 aber nicht sub­sti­tu­iert, al­so als Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel zu sich nimmt, müss­te täg­lich min­des­tens drei Eier und 150g Kä­se es­sen. Für Ve­ga­ner ist das na­tür­lich kei­ne Op­ti­on.“

Ei­ne re­gel­mä­ßi­ge Blut­kon­trol­le klärt, ob B12, aber auch Vit­amin D, Zink, Ei­sen und Ome­ga-3-Fett­säu­ren Man­gel­wa­re sind. An dem Ge­rücht, dass Ve­ga­ner auch ei­nen Cal­cium­man­gel, al­so Kno­chen­schwund, und ent­spre­chend ein­ge­fal­le­ne Ge­sich­ter ris­kie­ren, ist hin­ge­gen kaum was dran. „Völ­li­ger Quatsch“, sagt die Ex­per­tin. Al­lein Mi­ne­ral- und Lei­tungs­was­ser ent­hal­ten schon der­ar­tig viel Cal­ci­um, dass von feh­len­den Qu­el­len kei­ne Re­de sein kön­ne. Aber wie sieht sie nun aus, die ve­ga­ne Kost, die schön macht? Ka­ro­ti­noid­rei­che Obst- und Ge­mü­se­sor­ten sind ein Muss. Möh­ren, To­ma­ten, Grün­kohl, Apri­ko­sen und Was­ser­me­lo­ne ver­lei­hen der Haut ei­nen gol­de­nen Glow. Nüs­se, Al­gen und be­stimm­te Pflflan­zen­öle wie Lein-und Raps­öl wir­ken ent­zün­dungs­hem­mend, Phy­to­ös­tro­ge­ne aus So­ja­boh­nen, Ki­cher­erb­sen und Lein­sa­men wie Feuch­tig­keits­boos­ter. Sie hel­fen der Haut, lan­ge jung und fest aus­zu­se­hen.

Ve­ge­ta­risch. Oder: Noch ein Milch­ge­sicht?

Ve­ge­ta­rie­rin­nen ha­ben gut la­chen. Steak und Fisch­fi­let sind zwar ge­stri­chen, aber an­de­re tie­ri­sche Pro­duk­te er­laubt. Nicht um­sonst mu­tiert die fleisch­lo­se Zunft gern zu wah­ren Mil­chen­thu­si­as­ten. Glaubt man der Wis­sen­schaft, ist dar­an – ab­ge­se­hen vom frag­wür­di­gen, po­li­ti­schen State­ment – kaum was aus­zu­set­zen. Es sei denn, die Pi­ckel sprie­ßen. „Die Milch­men­gen, die ei­ni­ge von uns kon­su­mie­ren, wir­ken wie Do­ping für die Talg­drü­sen“, ist die Der­ma­to­lo­gin Dr. Ya­el Ad­ler über­zeugt. „Ami­no­säu­ren aus der Milch set­zen in un­se­rem Kör­per Wachs­tums­hor­mo­ne frei, die die Pro­duk­ti­on von Se­bum an­kur­beln und dem Ak­ne­bak­te­ri­um in der Po­re je­de Men­ge Fut­ter lie­fert.“Zwei­fels­frei be­wei­sen lässt sich das nicht. Aber Ver­glei­che mit an­de­ren Na­tio­nen sind ein­deu­tig: Beim in Pa­pua-Neu­gui­nea le­ben­den Stamm der Ki­ta­van konn­ten For­scher bei­spiels­wei­se kei­nen ein­zi­gen Fall von Hau­t­un­rein­hei­ten fest­stel­len. Nicht mal bei Ju­gend­li­chen. Die Ki­ta­van er­näh­ren sich vor al­lem von Ge­mü­se, Früch­ten, Wur­zeln und Fisch. Milch­pro­duk­te ste­hen nicht auf ih­rer Spei­se­kar­te. Weiß­mehl und Zu­cker al­ler­dings auch nicht.

Was zum zwei­ten Knack­punkt an der ve­ge­ta­ri­schen Er­näh­rung führt: Wer fleisch­frei isst, da­für aber je­de

Nähr­stoff­man­gel macht sich erst nach Jah­ren be­merk­bar – mit tro­cke­ner Haut und Haar­aus­fall

Es gibt kei­ne gu­ten und schlech­ten Le­bens­mit­tel – nur sol­che, mit de­nen wir uns wohl­füh­len oder nicht

Men­ge lee­re Koh­len­hy­dra­te ver­drückt (Stich­wort „Piz­za Ve­ge­ta­ria­na“, am bes­ten aus der Tief­küh­lung), kann sich den Strah­let­eint ab­schmin­ken. Auch im neu er­schie­ne­nen Buch „Skin Food“(Her­big Ver­lag) heißt es: „Zu­cker be­schä­digt kol­la­ge­ne Fa­sern, die nicht nur in der Haut für Straff­heit sor­gen, son­dern auch wich­ti­ge Be­stand­tei­le un­se­rer Blut­ge­fä­ße und ... Or­ga­ne sind.“Die Au­to­ren Prof. Dr. Michaela Axt-Ga­der­mann und Prof. Dr. Peter Axt be­zie­hen sich auf ei­ne Stu­die der nie­der­län­di­schen Uni Leiden. Ein Team um die Wis­sen­schaft­le­rin Dia­na van Heemst un­ter­teil­te 569 Pro­ban­den nach ih­rem Blut­zu­cker­spie­gel: nied­rig, mit­tel, hoch. An­schlie­ßend bat man 60 Men­schen, das Al­ter der Pro­ban­den an­hand von Fotos zu er­ra­ten. Die­je­ni­gen mit ho­hen Blut­zu­cker­wer­ten wur­den aus­nahms­los äl­ter ge­schätzt, als sie wa­ren. Scha­de ei­gent­lich.

Pro­te­in­reich. Oder: Was Sie über Ei­weiß wis­sen soll­ten

Wäh­rend Ve­ge­ta­rie­rin­nen und Ve­ga­ne­rin­nen ih­ren Er­näh­rungs­plan gern po­li­ti­sie­ren, geht es Pro­te­inFans meis­tens nur um ei­nes: Fit­ness first. Die ei­weiß­rei­che Kost gilt als idea­le Stra­te­gie, um­Mus­ku­la­tur auf­zu­bau­en. Ein schö­ner Ne­ben­ef­fekt: Sie soll au­ßer­dem die Kol­la­gen­pro­duk­ti­on in der Haut an­re­gen. „Pro­te­in­rei­che Nah­rung ist durch­aus ge­sund, ins­be­son­de­re, wenn sie haupt­säch­lich aus pflanz­li­chen Ei­weiß­lie­fe- ran­ten wie To­fu, Hül­sen­früch­ten, Chia-Sa­men, Qui­noa und Buch­wei­zen be­steht“, sagt Ya­el Ad­ler. Wer glaubt, den hei­li­gen Gral der Nah­rungs­mit­tel ge­fun­den zu ha­ben, mor­gens aber in ein ab­ge­spann­tes, von Tro­cken­heits­fält­chen ge­zeich­ne­tes Spie­gel­bild schaut, hat viel­leicht trotz­dem ein Pro­te­in­pro­blem. Pe­tra Fors­ter weiß: „Beim Ab­bau von Ei­wei­ßen ent­steht im Kör­per Am­mo­ni­ak, ein Zell­gift, das schnellst­mög­lich in Harn­stoff um­ge­wan­delt und über den Urin ab­trans­por­tiert wer­den muss. Das kann nur funk­tio­nie­ren, wenn die Flüs­sig­keits­zu­fuhr stimmt.“Be­deu­tet: Wer täg­lich mehr als die emp­foh­le­nen 0,8g Ei­weiß pro Ki­lo Nor­mal­ge­wicht zu sich nimmt, aber we­nig trinkt, de­hy­driert.

Dass Hard­core-Sport­le­rin­nen – rein äu­ßer­lich – nicht im­mer so kna­ckig, wie ver­mu­tet, wir­ken, kann auch noch an­de­re Grün­de ha­ben. Be­we­gung tut der Haut zwar gut, kann aber auch in oxi­da­ti­ven Stress um­schla­gen. Und der wie­der­um macht, glas­klar, alt.

Der Er­näh­rungs­psy­cho­lo­ge Prof. Dr. Chris­toph Klot­ter von der Hoch­schu­le Ful­da hält von all­dem nichts: „Die Idee, dass wir uns über das Es­sen ret­ten kön­nen, ge­hört in den Be­reich der Il­lu­si­on. Es gibt kei­ne gu­ten und schlech­ten Le­bens­mit­tel, nur sol­che, mit de­nen wir uns ent­we­der wohl­füh­len oder nicht. Und das va­ri­iert von Mensch zu Mensch.“Er warnt vor der so­ge­nann­ten Or­t­hor­exia ner­vo­sa, dem krank­haf­ten Kor­rek­tes­sen, das vor al­lem Kör­per­be­wuss­te be­trifft. Die emo­tio­na­le Kom­po­nen­te des Es­sens, sagt der Psy­cho­lo­ge, wür­de chro­nisch un­ter­schätzt. „Wenn wir uns über das, was wir es­sen, de­fi­nie­ren und die Ge­dan­ken nur noch dar­um krei­sen, bleibt die Ge­sund­heit auf der Stre­cke. Al­les, was wir als Stres­so­ren er­le­ben, hat ei­nen viel grö­ße­ren Ein­fluss auf die Haut, als un­se­re Art uns zu er­näh­ren.“

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