GE­NE­RA­TI­ON STATUSSHOPPER

Cosmopolitan (Germany) - - Editorial -

Ge­hö­ren Sie auch zur Grup­pe der Pre­mi­um- Öko­no­men?

EEs ist ein Uhr mit­tags im Cos­mo-Of­fice. Pünkt­lich zur Mit­tags­pau­se ent­lädt sich ein mon­s­un­ar­ti­ger Re­gen­schau­er über Lon­don und ver­wan­delt die Stra­ßen in­ner­halb von Mi­nu­ten in Sturz­bä­che. Mei­ne Kol­le­gin­nen su­chen hek­tisch nach ih­ren Schir­men, schlüp­fen in ih­re Män­tel und dis­ku­tie­ren dar­über, ob es mög­lich ist, im Su­per­markt ne­ben­an Es­sen zu ho­len, oh­ne, dass es aus­sieht, als wä­ren sie hin und zu­rück ge­schwom­men. Ich statt­des­sen tip­pe auf mei­nem iPho­ne her­um und zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter ist mein Lunch (Hähn­chen mit ge­düns­te­tem Ge­mü­se) da. Ge­lie­fert von ei­nem völ­lig durch­näss­ten De­li­ver­oo-Bo­ten, des­sen Funk­ti­ons­klei­dung an­ge­sichts der Was­ser­mas­sen to­tal ver­sagt hat. Wir lä­cheln uns an, wir ken­nen uns, se­hen uns in die­ser Wo­che näm­lich zum drit­ten Mal.

Auf­mei­ne­mAus­ga­ben-Ba­ro­me­ter (auf dem die Null ei­ner Ein­zah­lung auf mei­nem Spar­kon­to ent­spricht und die Zehn dem Kauf ei­nes wei­te­ren Paars wei­ßer

Snea­ker, das mei­ne Samm­lung auf 86 er­hö­hen wür­de) tum­meln sich Be­stel­lun­gen bei Bring­diens­ten zwi­schen sechs und sie­ben. Nichts schreit lau­ter „Fauhl­heit“und „Geld­ver­schwen­dung“, als sich Es­sen brin­gen zu las­sen – das ist mir schon klar, und des­halb wür­de ich auch nie mei­ner spar­sa­men Mut­ter da­von er­zäh­len. Gleich­zei­tig ist das Kon­zept von Lie­fer­diens­ten so­zi­al so sehr ak­zep­tiert, dass ich kei­ne Hem­mun­gen ha­be, sie im Bü­ro zu nut­zen. Ich ge­hö­re eben ei­ner Ge­ne­ra­ti­on an, die dar­auf steht, sich ab und zu ein we­nig zu ver­wöh­nen. Sich hin und wie­der et­was Be­son­de­res zu gön­nen. Aus die­sem Grund ge­be ich je­den Mor­gen bei Star­bucks frei­wil­lig nicht nur vier Eu­ro für mei­nen Kaf­fee aus, son­dern le­ge au­ßer­dem 50 Cent für die ex­qui­si­te­ren Es­pres­so-Boh­nen drauf. Und freue mich. Un­ter an­de­rem über das Wis­sen, dass in mei­nem Be­cher et­was Bes­se­res steckt als in dem des Ty­pen vor mir. Oder ich be­zah­le zehn Eu­ro mehr für ein UberBlack – al­so ei­ne chi­ce Li­mou­si­ne mit Le­der­sit­zen und kos­ten­lo­sem Was­ser in Fla­schen –, statt Stan­dard zu neh­men. Die­ser Kit­zel bringt auch ei­ne Freun­din von mir da­zu, je­den Mo­nat meh­re­re hun­dert Eu­ro bei Asos aus­zu­ge­ben. Sie leis­tet sich näm­lich die Pre­mier-Option für 15 Eu­ro im Jahr, mit der sie so viel und so oft be­stel­len kann, wie sie will, und er­hält ih­re Kla- mot­ten stets per kos­ten­lo­ser Over­night-Lie­fe­rung. Sie kann gar nicht auf­hö­ren, da­von zu schwär­men, wäh­rend sie ein Pa­ket nach dem an­de­ren aus­packt und ne­ben­bei ih­re Ins­ta­gram-Out­fit-Posts plant...

Es gibt vie­le We­ge, sein Le­ben up­zu­gra­den – zu ei­nem über­schau­ba­ren Preis. Ein 80 000€Le­bens­stil mit ei­nem 30000 €-Jah­res­ge­halt? Kein Pro­blem! Sprich: zum Bei­spiel nur ein paar Krö­ten mehr für ei­nen Pre­mi­um Eco­no­my Flug aus­zu­ge­ben, statt tau­sen­de für die First Class. Es sind die­se klei­nen „Li­fe-Hacks'“, dank de­rer ich mich pri­vi­le­giert füh­le. Ein­zig­ar­tig. Ichma­che­mir da­mit die Welt, wie sie mir ge­fällt. Und die­ses Ge­fühl, et­was ei­gen­hän­dig be­we­gen zu kön­nen – auch wenn's nur im Klei­nen ist, da­für aber in schwie­ri­gen Zei­ten mit stei­gen­den Mie­ten, wach­sen­derWoh­nungs­not in den Me­tro­po­len und po­li­ti­scher Un­si­cher­heit –, ist echt reiz­voll. Ich zäh­le­mich des­halb zur Grup­pe der Pre­mi­um-Öko­no­men.

Denn für Leu­te mei­nes Al­ters, 31, oder je­den Mill­en­ni­al zwi­schen 18 und 34 Jah­ren, sind die Le­bens­hal­tungs­kos­ten in ex­akt der glei­chen Zeit ge­stie­gen, in der die Ge­häl­ter lang­sa­mer ge­wach­sen sind als die In­fla­ti­on. Die­se bei­den Fak­to­ren über­schnei­den sich mit den so­ge­nann­ten Fuck-it-Aus­ga­ben. Kon­sum-Trig­gern, die zum Bei­spiel auf Ins­ta­gram­lau­ern – in Form­von Posts über neue Trends, Be­au­ty-Tre­at­ments oder Traum­ur­lau­be.

Kon­kre­te Bei­spie­le? Okay: Al­le zwei Wo­chen 35 € für ei­ne Shel­lac-Maniküre aus­zu­ge­ben, statt sie wie frü­her selbst auf dem So­fa vor dem Fern­se­her zu ma­chen; mo­nat­lich 45 € fürs Wa­xing raus­zu­bal­lern, statt zu ra­sie­ren; und für 15 € mo­nat­lich ei­ne Be­au­ty-Box frei Haus zu krie­gen (selbst wenn im Ba­de­zim­mer­schrank so vie­le Ge­sichts­mas­ken war­ten, mit de­nen man ei­ne Nu­kle­ar-Ka­ta­stro­phe über­le­ben könn­te). Ganz zu schwei­gen von At-Ho­me-Be­hand­lun­gen wieMas­sa­gen. Die wa­ren frü­her et­was, für das­mei­neMut­ter ex­tra auf ei­ne Be­au­ty-Farm ge­fah­ren ist. Heu­te bu­chen 22-jäh­ri­ge Prak­ti­kan­tin­nen sie in der Mit­tags­pau­se!

Die­se Ge­ne­ra­ti­on steht dar­auf, sich ab und an zu ver­wöh­nen.

Und dann eben: Es­sen. Ich war mal gut da­rin, ei­ne an­stän­di­ge Mahl­zeit zu ko­chen, mei­nen Freun­den vor­zu­set­zen und dann ir­gend­wann aus Stolz auch zu pos­ten. Jetzt macht es mich un­zu­frie­den, wenn ich nicht so schnell wie mög­lich die Re­stau­rants aus­pro­biert ha­be, die De­li­ver­oo, Foo­do­ra und Lie­fe­ran­do neu im Pro­gramm ha­ben. Ja, ich zah­le gern zwan­zig Pro­zent mehr da­für, dass mein Din­ner bis fast auf den Wohn­zim­mer­tisch ge­bracht wird. Ja, ich zah­le gern für ei­nen Schuss Mat­cha oder Kur­ku­ma in­mei­nem Ca­fé Lat­te. Ja, Sie könn­ten­mir ei­nen „Vit­amin-Booster“für zwei Eu­ro ex­tra ver­kau­fen, selbst wenn er aus­sieht wie ei­ne Was­ser­pro­be aus dem Teich mei­nes Nach­barn. Und ja, ich will Pom­mes Fri­tes fut­tern, die nichts mit ei­ner Kar­toffffffel zu tun ha­ben (mei­ne Fa­vo­ri­ten: Hall­o­u­mi-, Okra-und Zuc­chi­ni-Va­ri­an­ten).

Die Er­fol­ge von Ama­zon Pri­me und Tin­der Plus sind eben­falls Zei­chen der stei­gen­den Be­reit­schaft, für In­di­vi­dua­li­tät zu be­zah­len. Die­se Li­fe­style-Bo­ni lö­senDo­pa­min-Kicks, al­so Glücks­ge­füh­le, zu ei­nem er­staun­lich klei­nen Preis aus. Es geht nicht um den Un­ter­schied zwi­schen ei­nem Pra­da- und Pri­mark-Man­tel. Eher um­COS un­dMa­je. Ein Upgrade, das zwar sub­til ist, aber sich den­noch lohnt, um da­mit an­zu­ge­ben.

„Mit klei­nen Up­grades kau­fen sich dieMen­schen Sta­tus“, sagt Jour­na­list Will Storr, Au­tor des Bu­ches „Sel­fie“, ei­ne Ge­sell­schafts­ana­ly­se. „Sie wis­sen nicht, ob die Spe­zi­al­rös­tung bes­ser schmeckt. Was Sie kau­fen, ist das Ge­fühl, bes­se­renKaf­fee zu trin­ken als al­le an­de­ren. Das ist tra­gisch, aber mensch­lich. Wir sind Her­den­tie­re und die Be­schäf­ti­gung mit dem re­la­ti­ven Sta­tus in­ner­halb ei­ner Ge­mein­schaft macht uns aus.“

Äl­te­re Ge­ne­ra­tio­nen­miss­ver­ste­hen den Le­ben-und-ster­ben-las­senUm­gang mit Geld als ober­fläch­lich. Sie sind der Mei­nung, dass die Käu­fe nur dem Zweck dien­ten, sie in den so­zia­len­Me­di­en zur Schau zu stel­len. Ich ge­be zu, dass ich un­gern zwei­mal im glei­chen Out­fit ge­se­hen wer­de oder dass ich am liebs­ten das es­se, was mo­men­tan an­ge­sagt ist. Aber es gibt ei­nenHau­fen an­de­rer Grün­de für die Aus­ga­be-Freu­de die­ser Ge­ne­ra­ti­on. Et­wa, dass die Zei­ten, in de­nen man die Frei­heit hat­te, 150 € auf sein Spar­buch zu pa­cken, schlicht­weg vor­bei sind. Nicht, weil es nicht­mehr mög­lich ist, son­dern weil es sinn­los wirkt. In En­g­land bei­spiels­wei­se be­läuft sich das durch­schnitt­li­che Ei­gen­ka­pi­tal beim Woh­nungs­kauf auf 35000 €. Und es dau­ert gan­ze zwölf Jah­re, um das an­zu­spa­ren. Ernst­haft? Da kau­fe ich mir doch lie­ber ein neu­es Woh­nac­ces­soire in Kup­fer bei West­wing. Selbst­ver­ständ­lich ist es wich­tig, Geld fürs Al­ter zu­rück­zu­le­gen. Aber mit durch­schnitt­lich vier Job­wech­seln vor dem 32. Le­bens­jahr, kann ei­nem dochnie­mand ver­den­ken, dass man kei­ne Lust hat, sich­mit dem Pa­pier­kram zu be­schäf­ti­gen. Schließ­lich kön­nen die 150 € auch in ein Ur­laubs-Upgrade auf Se­cret Escapes in­ves­tiert wer­den. Spar­ein­la­gen sind wie Hei­ra­ten, Nach­wuchs be­kom­men und Ei­gen­heim­käu­fe et­was, mit dem ich mich lie­ber spä­ter be­schäf­ti­ge – auch weil ich kei­ne an­de­re Wahl ha­be. Des­halb wer­de ich mei­ne Sor­gen spä­ter mit ei­ner Lu­xus­mas­sa­ge weg­k­ne­ten las­sen, die ich ge­ra­de on­li­ne ge­bucht ha­be. Die Wo­che war ein­fach so stres­sig.

Mit klei­nen Up­grades er­kau­fen sich die Men­schen Sta­tus. Das ist tra­gisch, aber mensch­lich.

SHOP­PING- STRU­DEL

Kaf­fee hier, Lunch-Be­stel­lung da, On­li­ne-Shop zwi­schen­durch – schwer für Cos­mo-Au­to­rin Amy, da wie­der raus­zu­kom­men…

FI­NANZ- CRASH

Der ein­zel­ne Be­trag fällt nicht ins Ge­wicht, aber die Sum­me kann ei­nen am En­de den­noch er­schla­gen. Zu­min­dest hilft sie dem Spar­buch nicht

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