CIAO, MA­MA, SCHö­NES LE­BEN NOCH!

Die ei­ne zieht nur noch Sel­fieSch­nu­ten, die an­de­re ver­steht die Welt der Mill­en­ni­als nicht mehr: Pro­to­kol­le ei­ner ge­schei­ter­ten Mut­ter-Toch­terBe­zie­hung. Mit Tren­nung auf un­be­stimm­te Zeit

Cosmopolitan (Germany) - - Editorial - PRO­TO­KOL­LE: KA­TRIN PAR­MEN­TIER

Pro­to­koll ei­ner ge­schei­ter­ten Mut­ter-Toch­ter- Be­zie­hung

MEI­NE TOCH­TER IST EI­NE TUSSI – WELTFREMD UND AB­GE­HO­BEN.

Mar­ti­na Beh­ring*, 49, er­zieht ih­re Toch­ter Ni­na al­lei­ne. Und kann ein­fach nicht ak­zep­tie­ren, was aus ihr ge­wor­den ist

Ne­ben dem Ba­de­zim­mer­spie­gel klebt ein klei­nes Fo­to von Ca­ra De­le­ving­ne – aus­ge­schnit­ten aus ei­ner Zeit­schrift. Ni­na hat im­mer ver­sucht, ih­re Au­gen­brau­en in die­se Form zu brin­gen. Dar­un­ter, auf der Abla­ge, ste­cken in ei­nem Glas au­ßer­dem noch ih­re Ka­jal­stum­mel und ei­ne ver­trock­ne­te Mas­ca­ra – das ist al­les, was mir von mei­ner Toch­ter ge­blie­ben ist. Bes­ser ge­sagt: von uns bei­den, un­se­rer klei­nen Fa­mi­lie.

Von uns, die je­den Sonn­tag­mor­gen ge­mein­sam Spie­gel­ei­er ge­ges­sen und ge­quatscht ha­ben; die zum Köl­ner Kar­ne­val ge­fah­ren sind, mit Pro­sec­co im Ge­päck; die Tauch­kur­se im Hal­len­bad ge­macht und von den Sey­chel­len ge­träumt ha­ben. Da woll­ten wir hin, ir­gend­wann. Wir zwei ge­gen den Rest der Welt. Das war ein­mal.

„Du ka­pierst es ein­fach nicht“, war das Letz­te, was ich von Ni­na ge­hört ha­be, dann knall­te die Haus­tür. Ge­nau­so gut hät­te sie sa­gen kön­nen: „Ich has­se dich!“Ge­dacht hat sie es be­stimmt. Als sie ab­ge­hau­en ist, vor ei­nem Jahr, war ich wü­tend und gleich­zei­tig ir­gend­wie er­leich­tert. Weil sie mich lan­ge ex­trem ge­nervt hat. Und ich mich im­mer wie­der ge­fragt ha­be: Stammt die­ses Kind wirk­lich von mir? Der al­lein­er­zie­hen­den Leh­re­rin mit den lin­ken Ide­en, dem un­ge­schmink­ten Ge­sicht und den Bir­ken­stocks? Sie, die­se kon­ser­va­ti­ve, ober­fläch­li­che Schick­se? Ich ha­be ver­sucht, ihr­mei­ne Wer­te zu ver­mit­teln, aber aus Ni­na ist ei­ne Tussi ge­wor­den. An­ders kann ich es nicht sa­gen.

Be­reits als Siebt­kläss­le­rin for­der­te sie ei­ne „chi­ce Hand- statt ei­ner Schul­ta­sche“. Ih­re Freun­din­nen wür­den schließ­lich auch al­le ei­ne ha­ben... Der Schul­hof als Ro­ter Tep­pich – das ge­fiel ihr. Nach die­sem Abend ar­te­ten un­se­re Dis­kus­sio­nen aus, wur­den im­mer häu­fi­ger und vor al­lem hef­ti­ger. Wir strit­ten über Schu­he, Klei­der und den rich­ti­gen Zeit­punkt fürs Lip­pen­stift­tra­gen. Ich ver­such­te, sie im Zaum zu hal­ten, doch die Da­me zog ihr Ding durch. Ein­mal warf sie mir so­gar vor, dass ich zu we­nig ver­die­nen wür­de, um ihr die ge­wünsch­ten Mar­ken­kla­mot­ten kau­fen zu kön­nen. Dass sie mit 15 Jah­ren wie 35 wir­ken woll­te, wä­re in an­de­ren Fa­mi­li­en viel­leicht kein gro­ßes Pro­blem ge­we­sen – aber ich woll­te nicht, dass mei­ne Toch­ter so ist. Ich woll­te ih­re Fi­xie­rung auf Äu­ßer­lich­kei­ten bre­chen. Nach ei­nem be­son­ders hef­ti­gen Streit über fal­sche Fin­ger­nä­gel bet­tel­te ich sie an, doch noch ein biss­chen Kind zu blei­ben... Viel­leicht war es die­ser un­mög­li­che Wunsch, der mich an­trieb.

Ni­na zeig­te sich un­be­ein­druckt und blieb sich treu. Sie wur­de 16 Jah­re alt, 18... Beim ge­mein­sa­men Sonn­tags­ei sah ich nur noch ih­ren Schei­tel, weil sie sich stets wort­los über ihr Smart­pho­ne beug­te. Sie woll­te nichts als po­sie­ren und von

Freun­din­nen um ih­ren „Look“be­nei­det wer­den. Mehr braucht sie im Le­ben bis heu­te nicht. Ihr Kar­rie­ret­raum: In­flu­en­ce­rin zu wer­den. Sie pflegt ei­nen Ins­ta­gram-Ac­count und schießt Duck­face-Sel­fies. Aber weil sie sich auf Fo­tos nie rich­tig ge­fiel, traf sie vor ei­nem Jahr, im Al­ter von 20, ei­ne ge­wal­ti­ge Ent­schei­dung: Sie ließ sich die Brüs­te ver­grö­ßern. Die OP be­zahl­te sie mit all ih­rem müh­sam Er­spar­ten. Und stell­te mich nach ei­nem „Ur­laub“in Ham­burg vor voll­ende­te Tat­sa­chen.

Da stand sie und die­ses Mal ging es nicht nur um ei­ne Hand­ta­sche. Ni­na woll­te al­les. End­lich schön sein. Per­fekt sein. Ade­le sang im Hin­ter­grund im Ra­dio – ich wer­de die­se Sze­ne nie ver­ges­sen. Stolz und trot­zig sah sie aus. Noch ban­da­giert un­ter der wei­ten Blu­se. Ich aber war zor­nig, heul­te und fluch­te in ein zer­knüll­tes Ta­schen­tuch. „Das kann nicht dein Ernst sein, Ni­na! Bist du wahn­sin­nig?“„Ist doch nur ein C-Cup. Sieht su­per aus, war­te­mal ab“, ent­geg­ne­te sie ach­sel­zu­ckend. Mir wur­de schwind­lig. Mei­ne Toch­ter er­schien mir so weltfremd, ab­ge­ho­ben und ver­wöhnt vom Le­ben. So weit weg von mir wie nur mög­lich. Ich hat­te plötz­lich Angst um sie. Und dar­um, wo­hin das al­les füh­ren wür­de. „Ich fin­de das furcht­bar! Sich oh­ne Not auf­schnei­den zu las­sen! Plas­tik im Kör­per. Ni­na, wie konn­test du nur?“Es war der ganz gro­ße Eklat. Mit Wucht und Wut und Tü­ren­knal­len. Ein schö­nes Le­ben noch! Auf Nim­mer­wie­der­se­hen!

Wir ha­ben uns ge­trennt wie zwei Lie­ben­de, die nicht mehr kön­nen. Auf­grund un­über­brück­ba­rer Diffffffe­ren­zen qua­si. Wir ha­ben auf Pau­se ge­drückt wie auf ei­nen Not­fall­knopf. Zwei Wel­ten sind da auf­ein­an­der­ge­prallt. Und ha­ben sich seit die­sem Tag im Sep­tem­ber vor ei­nem Jahr nicht mehr an­ge­nä­hert. Bis heu­te Mor­gen. Da ha­be ich ihr ei­ne SMS ge­schrie­ben. Ob es wie­der zu ei­nem Ge­spräch kommt? Das liegt an ihr.

GIL­MO­RE GIRLS GONE WRONG Wenn die Toch­ter nur noch­mit Schön­heit und Ins­ta­gram be­schäf­tigt ist, und die Mut­ter da­mit nichts an­fan­gen kann, wer­den aus „Freun­din­nen“schon mal „Ge­schie­de­ne“

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