COS­MO UN­DER­CO­VER

Wie ei­ne Phi­lo­so­phie-Stu­den­tin ih­re Lie­be zur Pro­sti­tu­ti­on ent­deck­te. Und was sie im Puff über Sex, Män­ner und das Le­ben ge­lernt hat

Cosmopolitan (Germany) - - Editorial - TEXT: THE­RE­SA BäUERLEIN

„ Ich war gern ei­ne Hu­re“– ei­ne Pro­sti­tu­ier­te er­zählt

EEin Mann jen­seits der Vier­zig. Re­la­tiv klein, mit dunk­len Haa­ren und Bril­le, in Ja­ckett und bü­rot­aug­li­chen Le­der­schu­hen. Er ist der to­ta­le Durch­schnitt­s­typ. Und ihr ers­ter Frei­er. Sie braucht ihn nur leicht zu be­rüh­ren, schon legt er sich hin. Sie braucht nur sanft mit der Hand zwi­schen sei­ne Bei­ne zu glei­ten, schon stöhnt er... Sie rollt das La­tex so ele­gant wie mög­lich über sei­nen Schwanz, sieht ihn an, setzt sich auf ihn, er hält ih­re Hüf­ten fest und be­wegt ein paar Mi­nu­ten lang sein Be­cken. Sie at­met tie­fer und beugt sich zu ihm hin­un­ter – oh­ne ihn zu küs­sen, das ist für sie ta­bu. Er schließt die Au­gen und kommt, macht sie Mo­men­te spä­ter wie­der auf, sagt: „Dan­ke.“Und lä­chelt. Die jun­ge Frau mit den röt­li­chen Haa­ren, der Por­zel­lan­haut und dem Na­men Ilan Ste­pha­ni, die für ihn „Pau­la“heißt, lä­chelt nicht. Sie schweigt. „Da­mals ha­be ich mich ge­fragt: Das al­so ist es? So ist Sex ge­gen Geld?“, er­zählt sie heu­te, zehn Jah­re spä­ter.

Nach die­ser Frei­er-Premiere schließt sich Ilan Ste­pha­ni im Ba­de­zim­mer ih­res Ber­li­ner Bor­dells ein. Sie starrt an­ge­strengt in den Spie­gel. Ir­gend­et­was, denkt sie, muss doch an­ders sein. Et­was muss ver­ra­ten, dass ei­ne nor­ma­le Frau ge­ra­de zur Nut­te ge­wor­den ist. Doch lang­sam wird ihr klar, was sie schon ge­ahnt hat­te: Nichts hat sich ge­än­dert. Hu­re zu sein, ist nicht schwie­ri­ger oder dra­ma­ti­scher, als Kaf­fee in ei­nem Re­stau­rant zu ser­vie­ren.

NUT­TE AUS NEU­GIER

War­um wird ei­ne Frau wie Ilan Ste­pha­ni – Toch­ter aus gu­tem Hau­se, Phi­lo­so­phie-Stu­den­tin – über­haupt zur Nut­te? Zu Pau­la? „Aus Neu­gier“, sagt sie. An­fangs will sie nur ei­nen Blick in die ver­ruch­te Welt des Rot­lichts wer­fen und geht zu ei­nem of­fe­nen Früh­stück bei ei­ner Be­ra­tungs­stel­le für Pro­sti­tu­ier­te. Sie macht sich ex­tra da­für zu­recht: Mit Mi­ni­rock und Lip­pen­stift, denkt sie, passt sie si­cher so­fort ins Bild. Statt­des­sen sitzt sie dann mit un­ge­schmink­ten Frau­en in Bir­ken­stocks zu­sam­men, die beim Kä­se­bröt­chen über die Wal­dorf­schu­len ih­rer Kin­der spre­chen. An die­sem Mor­gen be­greift Ilan Ste­pha­ni et­was, das die meis­ten Men­schen nicht wis­sen: Zwi­schen der Welt der Pro­sti­tu­ier­ten und der rest­li­chen Frau­en­welt klafft kein Ab­grund. Son­dern nur ei­ne klei­ne Hemm­schwel­le, die sie mit ei­nem Schritt über­que­ren kann. Plötz­lich weiß sie: Sie will das wa­gen, selbst er­le­ben, et­was über Sex ler­nen. Sie macht ei­nen Ter­min für ei­ne Ein­stiegs­be­ra­tung und ra­delt ei­ne Wo­che spä­ter durch ein Wohn­ge­biet in der Haupt­stadt, den Zet­tel mit der Puf­fadres­se fest in der Hand. Auf dem Klin­gel­schild, so hat­te ihr ei­ne freund­li­che

Puff­stim­me am Te­le­fon ge­sagt, stün­de üb­ri­gens nicht „Bor­dell“, son­dern „Kö­nig“. Ein Tür­sum­men und ei­ne sim­ple Schwel­le spä­ter, fällt sie in die glei­che Welt, in die vor ihr Tau­sen­de von Män­nern ge­fal­len sind – ei­ne war­me Woh­nung.

KüCHENTRATSCH UND SEX

Von die­sem Mo­ment an, bis zu dem Tag, an dem sie das Bor­dell zwei Jah­re spä­ter wie­der ver­las­sen wird, denkt Ilan Ste­pha­ni: „Ich wer­de nie et­was an­de­res ma­chen. Es gibt ein­fach kei­nen Grund da­für.“Sie liebt den Job – aber nicht, weil der Sex so toll ist oder sie da­mit reich wird, son­dern weil er ihr leicht fällt und nie lang­wei­lig wird. An ein paar uni­frei­en Ta­gen in der Wo­che sitzt sie al­so mit ih­ren Kol­le­gin­nen, die auch kei­ne Kli­schee-Hu­ren sind, son­dern Ar­chi­tek­tur-Stu­den­tin­nen, Müt­ter und Ehe­frau­en, in der Puff­kü­che. Ge­mein­sam war­ten sie auf Frei­er, la­chen über Cel­lu­li­te und re­den über Din­ge wie Yo­ga oder Rei­se­plä­ne.

Dro­gen? Ar­mut? Aus­beu­tung? In dem Edel­bor­dell, das von ei­ner Frau ge­führt wird, trifft kei­nes der Ne­ga­tiv­bil­der von Pro­sti­tu­ti­on zu. Die Frau­en ar­bei­ten frei­wil­lig und selbst­be­stimmt. Von ih­rem Ver­dienst, aus des­sen Sum­me sie ein Ge­heim­nis macht, muss Ilan Ste­pha­ni nichts ab­ge­ben, das wä­re sonst Zu­häl­te­rei. „ Statt­des­sen ha­be ich von ei­nem Frei­er im­mer zwei Be­trä­ge ent­ge­gen­ge­nom­men – mein ei­ge­nes Ho­no­rar und ei­nen wei­te­ren Be­trag, den ich als Treu­hand für die Bor­dell­grün­de­rin ent­ge­gen­ge­nom­men ha­be. Der hat die Zim­mer­mie­te, Wer­bung, die Kos­ten der Haus­da­men und so wei­ter be­inhal­tet“, er­läu­tert sie. Die Frei­er zah­len für die ge­mein­sam ver­brach­te Zeit, die Hu­ren ar­bei­ten auf selbst­stän­di­ger Ba­sis.

Auch die Vor­stel­lung da­von, je­den Kun­den be­die­nen zu müs­sen, stellt sich als falsch her­aus. „Wenn ein Mann klin­gelt, öff­net die dienst­ha­ben­de Haus­da­me, das ‚Mäd­chen für al­les‘, ihm die Tür. So­bald er ein­ge­tre­ten ist, kön­nen die Frau­en, hin­ter ei­nem Vor­hang war­tend, ihn se­hen“, er­klärt die Ex-Pro­sti­tu­ier­te den Ablauf. „Über­ein­an­der­ge­sta­pelt wie die Bre­mer Stadt­mu­si­kan­ten lu­gen sie durch ei­nen Spalt.“Im An­schluss ge­hen nur die Frau­en, die wol­len, zu dem Mann ins Zim­mer, um sich an­zu­bie­ten. Aber selbst da­nach kann die Frau, für die der Frei­er sich ent­schei­det, noch ei­nen Rück­zie­her ma­chen: Der Haus­da­me fällt im­mer ei­ne gu­te Ent­schul­di­gung ein. Zum Bei­spiel: „Es tut mir furcht­bar leid, aber Pau­la hat ei­nen Ter­min über­se­hen, sie kann lei­der doch nicht. Darf ich die an­de­ren Frau­en noch mal zu Ih­nen schi­cken?“

WENN DER KUN­DE KU­CHEN BRINGT…

Nö­tig sind Not­lü­gen der Haus­da­me sel­ten, Ilan Ste­pha­ni kann die Ma­le an ei­ner Hand ab­zäh­len. Denn die Män­ner, die zu ihr in den Puff kom­men, sind über­wie­gend net­te Ty­pen, die mehr als nur an­ony­men Sex wol­len. Sie du­schen vor­her, be­nut­zen Kon­do­me und ge­ben sich Mü­he: Der ei­ne bringt et­wa Obst­sa­lat mit, der an­de­re be­steht dar­auf, der Frau sei­ner Wahl vor dem Sex ei­ne sinn­li­che Ge­ni­tal­mas­sa­ge zu ge­ben, wie­der an­de­re wol­len gar kei­nen Sex, son­dern bloß Nä­he. Schnell wird Pau­la sehr be­liebt, weil sie es schafft, ih­nen das Ge­fühl ei­ner ech­ten Be­geg­nung zu ge­ben – nicht nur das ei­nes Tausch­ge­schäfts von Sex ge­gen Geld. „Bei dir hat man ein­fach nicht das Ge­fühl... man hat nicht das Ge­fühl, in ei­nem Bor­dell zu sein“, sagt ein Frei­er.

Das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um geht da­von aus, dass in Deutsch­land je­den Tag 1,2 Mil­lio­nen Män­ner für Sex zah­len. Bei de­nen, die zu Ilan Ste­pha­ni kom­men, merkt sie mehr und mehr, dass sie die ei­gent­li­chen Ver­lie­rer sind. Sie ge­nie­ßen den Sex mit den Pro­sti­tu­ier­ten nicht als Tri­umph oder gar Un­ter­wer­fung der Frau, son­dern als Nie­der­la­ge ih­rem Trieb ge­gen­über. Sie be­ob­ach­tet, dass die Män­ner, de­ren Se­xua­li­tät doch an­geb­lich so ein­fach ge­strickt ist, im Puff gar nicht fin­den, was sie sich ei­gent­lich wün­schen: Zärt­lich­keit und Be­stä­ti­gung. „Aus­ge­rech­net be­deu­tungs­lo­ses Fi­cken hat mich die Tie­fe, die Sehn­sucht, Trau­er und den Frust in der männ­li­chen Se­xua­li­tät er­ah­nen las­sen“, sagt sie.

Als die jun­ge Frau das er­kennt, emp­fin­det sie ih­ren Job als Kä­fig. Sie will aus­bre­chen, macht ei­nen Tan­tra-Work­shop, be­kommt ei­ne Ge­ni­tal­mas­sa­ge und be­ginnt kör­per­lich zu schmel­zen. Beim Sex mit Frei­ern wird ih­re Er­re­gung vor al­lem durch den Ge­dan­ken aus­ge­löst, be­gehrt zu wer­den, Or­gas­men sind kli­to­ral. Nun wirkt das Emp­fin­den viel tie­fer, die Lust ent­steht aus der Be­rüh­rung her­aus. „In die­ser Er­fah­rung ha­be ich mehr über Sex ge­lernt als in zwei Jah­ren Pro­sti­tu­ti­on“, sagt sie. Es ist das En­de ih­rer Zeit im Bor­dell.

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