MEI­NE MUT­TER VER­SUCHT, MICH ZU VER­BIE­GEN.

NI­NA BEH­RING*, 21

Cosmopolitan (Germany) - - Leben -

Die Toch­ter träumt von ei­nem Le­ben à la Ky­lie Jen­ner. Und ver­steht nicht, war­um ih­re Mut­ter das nicht ein­se­hen kann

Sonn­tags kann ich jetzt den gan­zen Tag auf dem So­fa sit­zen, mei­ne „Co­zy“-Lis­te auf Spo­ti­fy hö­ren und mich durch Ins­ta­gram scrol­len. Kei­ner nervt – su­per­chil­lig. Frü­her hat mich stän­dig mei­ne Mut­ter an­ge­fah­ren, ich wür­de mein Le­ben ver­geu­den und sol­le jetzt end­lich mal et­was un­ter­neh­men. Dass wir uns von­ein­an­der ge­trennt ha­ben und ich end­lich mei­ne Ru­he ha­be, könn­te mich al­so freu­en. Aber ich ver­mis­se sie. Zu­min­dest un­se­re gu­ten Mo­men­te, von de­nen es bis zu un­se­rer Tren­nung lei­der im­mer we­ni­ger gab.

Seit fast ei­nem Jahr woh­ne ich nicht mehr zu Hau­se. Ich ha­be es nicht mehr aus­ge­hal­ten, dass wir stän­dig und aus­schließ­lich über mein Äu­ße­res dis­ku­tiert ha­ben. Als hät­te ich Pier­cings und Tat­toos statt nur Ka­jal und Fa­ke-Lashes im Ge­sicht. Was bit­te ist so falsch dar­an, mög­lichst gut aus­se­hen zu wol­len? Ma­ma hat nie ak­zep­tiert, dass ich in die­ser Be­zie­hung ganz an­ders bin als sie. Statt­des­sen hat sie ver­sucht, mich zu ver­bie­gen, dach­te wohl, sie könn­te mich zu­recht­me­ckern. Aber Pech ge­habt, sie muss mich neh­men, wie ich bin – oder eben gar nicht. Das ha­be ich ihr mit mei­ner heim­li­chen Brust­ver­grö­ße­rung ein­deu­tig klar ge­macht. Ei­ne der bes­ten Ent­schei­dun­gen mei­nes Le­bens üb­ri­gens, ich füh­le mich end­lich rich­tig weib­lich und toll da­mit. Aber statt sich mit mir zu freu­en, ist Ma­ma kom­plett aus­ge­ras­tet. Und ich bin ge­gan­gen. Viel­leicht lernt sie end­lich dar­aus.

Durch klei­ne Spit­zen wie „Malst du dich schon wie­der aus?“und „Wie kannst du so lan­ge an dei­nen Haa­ren fum­meln?“, hat mei­ne Mut­ter mich im­mer spü­ren las­sen, was sie von mei­ner Be­au­ty­Lie­be hält. Und dass je­mand, der sich da­mit so in­ten­siv be­schäf­tigt wie ich, hohl sein muss. Wer sich auch nur die Fin­ger­nä­gel ma­chen lässt, ist in ih­renAu­gen ein Mo­de­püpp­chen. Da­bei macht das in­zwi­schen je­der, sie hat es nur nicht mit­be­kom-

men. Wa­xing, Con­tou­ring, Blow-Dry – ge­hört al­les da­zu. Das wird von mei­ner Ge­ne­ra­ti­on er­war­tet. Ich spü­re stän­dig Kon­kur­renz­druck und wer­de be­wer­tet. Wir ken­nen das nicht an­ders. Das ka­piert Ma­ma ir­gend­wie nicht. Wenn sie von den Acht­zi­gern er­zählt, kann ich kaum glau­ben, wie ein­fach das Le­ben da­mals war. Die Mie­ten wa­ren bil­lig, vor al­le­minWGs, man konn­te zwölf Se­mes­ter stu­die­ren und im Be­ruf quer ein­stei­gen, selbst wenn der Le­bens­lauf löch­rig war. Da muss­te man nicht per­fekt sein. Das ist so­was von vor­bei. Ichmuss mit un­un­ter­bro­che­ner Be­wer­tung, mit teu­renWoh­nun­gen und un­be­zahl­ten Prak­ti­ka kämp­fen.

Ich be­wun­de­re Ky­lie Jen­ner, die jün­ger als ich ist, aber schon Self­made-Mil­lio­nä­rin. Sie sah frü­her eher mit­tel­mä­ßig aus und hat sich ver­wan­delt – vom 08/15-Ge­sicht zu ei­ner ech­ten Schön­heit. Dass sie das ge­schafft hat, fin­de ich fan­tas­tisch. Und die Mil­lio­nen, die sie mit ih­ren Be­au­ty-Pro­duk­ten ver­dient, na­tür­lich auch. Wür­de mei­ne Mut­ter mich mehr un­ter­stüt­zen, hät­te ich viel­leicht schon längst ei­nen er­folg­rei­chen Be­au­ty-Vlog auf die Bei­ne ge­stellt oder Ähn­li­ches. Das ist zu­min­dest ein Traum von­mir, dar­an will ich ar­bei­ten. ImMo­ment bin ich als Pro­mo­te­rin un­ter­wegs. „Nur“, wie mei­ne Mut­ter hin­zu­fü­gen wür­de. Aber war­um zur Uni ge­hen, wenn ich an­ders mehr Geld ver­die­nen kann? Was ich mir vom Le­ben wün­sche, ist Si­cher­heit. Und ei­nen treu­en Mann.

Ma­ma und ich, wir hat­ten zwi­schen­durch auch rich­tig gu­te Zei­ten. Manch­mal ha­ben wir zu­sam­men Se­ri­en ge­guckt. Mei­ne Mut­ter mag „Sex And The Ci­ty“. Was ich völ­lig schi­zo­phren fin­de, denn Car­rie trägt ja auch High Heels und ist mo­de­be­ses­sen. Aber nein, das sei ja was an­de­res, die ha­be auch noch an­de­re Zie­le, Ni­na. Sie ist Jour­na­lis­tin und lebt da­von, er­klär­teMa­ma dann. „Hal­lo? So et­was Ähn­li­ches will ich doch auch!“, ver­such­te ich mich zu recht­fer­ti­gen. Nur, dass Char­lot­te noch mehr­mein Fall ist. Die will die gro­ße Woh­nung in New York, ei­nen Mann, ein Kind, das gan­ze Pro­gramm. Sie steht da­zu, so einMäd­chen zu sein.

„Du lebst hin­term Mond, Ma­ma. Wir ha­ben 2017!“, ha­be ich manch­mal zu­rück­ge­bellt, wenn sie mich wie­der ein­mal blöd an­ge­macht hat. Das Schlimms­te in die­sem Jahr der Tren­nung ist wahr­schein­lich das Schwei­gen zwi­schen uns. Wir ha­ben ja noch nicht ein­mal te­le­fo­niert. Offffffen­bar ha­ben wir doch et­was ge­mein­sam. Un­se­re Stur­heit. Dass jetzt ei­ne SMS von ihr kam, dass sie den ers­ten Schritt ge­macht hat – das hat mich ge­freut. Sehr so­gar. Ich über­le­ge noch, was ich ant­wor­te.

RUF MICH NICHT AN! Manch­mal tut ei­ne län­ge­re Aus­zeit der Be­zie­hung gut. Weil man sich an die po­si­ti­ven Sei­ten des an­de­ren er­in­nert

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.