Ro­man: Bes­ser spät als nie .......................................

Schon mehr­fach hat Bea­te ih­ren Nach­barn auf ein Glas Wein ein­ge­la­den, aber je­des Mal ließ er sie ab­blit­zen. In­zwi­schen fühlt sie sich nur noch ge­kränkt. Trotz­dem fragt sie ihn, ob er beim Hof­fest da­bei sein möch­te. Und er­fährt dar­auf­hin den wah­ren Grund f

DAS NEUE BLATT - - Inhalt -

Als Pe­ter Fi­scher vor zwei Jah­ren ne­ben ihr ein­ge­zo­gen war, hat­te Bea­te sich ge­freut. Der Mann wirk­te sym­pa­thisch, des­halb hat­te sie ihn ein paar Mal auf ein Glas Wein ein­ge­la­den. Doch im­mer hat­te er ab­ge­lehnt. Ir­gend­wann fühl­te Bea­te sich zu­tiefst ge­kränkt durch sei­ne Zu­rück­wei­sung und mur­mel­te jetzt nur noch ei­nen lei­sen Gruß im Haus­flur, wenn sie ihm zu­fäl­lig be­geg­ne­te. Aber nun stand das Hof­fest vor der Tür – ein­mal im Jahr fand es im Spät­som­mer statt. Bea­te ge­hör­te zur Pla­nungs­grup­pe und war da­für zu­stän­dig, al­le Nach­barn per­sön­lich ein­zu­la­den und sie zu fra­gen, was sie zum Ge­lin­gen des Fes­tes bei­tra­gen könn­ten. Meh­re­re hat­ten schon ver­spro­chen, sich um Es­sen und Ge­trän­ke zu küm­mern, der Stu­dent aus dem Erd­ge­schoss woll­te mit sei­ner Band auf­tre­ten, und die al­te Frau Han­sen über­nahm die De­ko­ra­ti­on. Nur Pe­ter Fi­scher hat­te Bea­te noch nicht ge­fragt, es fiel ihr schwer, bei ihm zu klin­geln. Aber als sie heu­te von der Ar­beit kam, gab sie sich ei­nen Ruck.

„Frau Strunz?“Er wirk­te über­rascht. „Viel­leicht ha­ben Sie es schon mit­be­kom­men …“, be­gann Bea­te ver­le­gen. „Wir or­ga­ni­sie­ren wie­der ein Hof­fest. Und wür­den uns freu­en, wenn Sie da­bei sind.“Er run­zel­te die Stirn. „Sie müs­sen na­tür­lich nicht.“Schon wie­der lässt er mich ab­blit­zen, dach­te Bea­te, das durf­te doch nicht wahr sein! „Aber falls doch, wä­re es schön, wenn Sie ei­ne Klei­nig­keit bei­tra­gen könn­ten.“„Möch­ten Sie ei­nen Kaf­fee?“, frag­te er un­ver­mit­telt. Bea­te war kurz ver­sucht, ihm nun ih­rer­seits ei­ne Ab­fuhr zu er­tei­len. An­de­rer­seits woll­te sie im­mer noch wis­sen, was für ein Mensch sich ei­gent­lich hin­ter ih­rem rät­sel­haf­ten Nach­barn ver­barg. Al­so folg­te sie ihm in die Kü­che. „Wie Sie wahr­schein­lich schon ge­merkt ha­ben …“, setz­te er an, als bei­de am Tisch sa­ßen. „ … ha­be ich es nicht so mit Fes­ten. Oder mit Ein­la­dun­gen über­haupt.“Bea­te nick­te. „Aber das liegt nicht an Ih­nen.“Er seufz­te. „Ich wer­de Ih­nen jetzt et­was er­zäh­len. Und ich bit­te Sie, das dis­kret zu be­han­deln.“„Selbst- ver­ständ­lich", ver­si­cher­te Bea­te. „Ich bin Al­ko­ho­li­ker.“Sprach­los starr­te sie ihn an. „Seit drei Jah­ren tro­cken. Vor­her hat der Al­ko­hol mein gan­zes Le­ben rui­niert. Ich ha­be mei­nen Job ver­lo­ren und mei­ne Fa­mi­lie.“„Das tut mir sehr leid“, flüs­ter­te Bea­te. Nie im Le­ben wä­re sie dar­auf ge­kom­men! Und sie hat­te dem ar­men Mann im­mer wie­der Wein an­ge­bo­ten … „Des­halb hal­te ich mich von Fei­er­lich­kei­ten fern“, fuhr er fort. „Nicht, weil es mir kei­nen Spaß macht, un­ter Men­schen zu sein. Aber ich möch­te nicht je­des Mal, wenn man mir et­was zu trin­ken an­bie­tet, mei­ne Ge­schich­te er­zäh­len.“Bea­te schwieg ei­ne Wei­le. „Müs­sen Sie denn im­mer gleich die gan­ze Ge­schich­te er­zäh­len?“, wand­te sie dann ein. „Kön­nen Sie nicht ein­fach sa­gen, dass Sie ein tro­cke­ner Al­ko­ho­li­ker sind? Das wür­de doch je­der re­spek­tie­ren.“Nach­denk­lich sah er sie an. „Das ha­be ich noch nie ver­sucht“, mein­te er. „Eben“, er­wi­der­te sie. „Statt­des­sen hal­ten Sie sich fern von al­lem. Das ist doch auch kei­ne Lö­sung.“Er lä- chel­te ein weh­mü­ti­ges Lä­cheln. „Ich fand es nett, dass Sie mich im­mer wie­der ein­la­den woll­ten“, er­klär­te er dann. „Und ich ha­be mich scheuß­lich ge­fühlt, weil Sie mich im­mer ha­ben ab­blit­zen las­sen“, ent­geg­ne­te sie. „Das woll­te ich nicht.“Er seufz­te. „Gut, ich kom­me zu dem Fest“, ver­sprach er. „Und ich ma­che ei­ne gro­ße Schüs­sel Mous­se au Cho­co­lat. Aber Sie müs­sen mir ver­spre­chen, dass Sie mit mir tan­zen. Ob­wohl ich der lang­wei­li­ge Typ mit der Ap­fel­saft­schor­le sein wer­de.“Bea­te strahl­te ihn an. „Sehr gern!“

Lan­ge hat­te sie sich nicht mehr so über et­was ge­freut wie über sei­ne Zu­sa­ge. Gleich­zei­tig stimm­te sei­ne Ge­schich­te sie nach­denk­lich. Gan­ze zwei Jah­re hat­te sie ge­braucht, um zu be­grei­fen, was wirk­lich mit ih­rem Nach­barn los war. War­um wuss­te man so we­nig von den Men­schen, die um ei­nen her­um leb­ten?

Es war ein war­mer Abend und das Hof­fest im vol­len Gang. Al­le hat­ten Spaß und un­ter­hiel­ten sich blen­dend. Zwei Mal be­kam Bea­te mit, dass Pe­ter Fi­scher ein Bier an­ge­bo­ten wur­de. Zwei Mal sag­te er: „Nein dan­ke, ich bin tro­cke­ner Al­ko­ho­li­ker.“Nie­mand re­agier­te blöd, nie­mand stell­te wei­te­re Fra­gen. Und Pe­ter wirk­te ent­spannt und ver­gnügt. Die Band be­gann zu spie­len, Pe­ter kam zu ihr. „Zeit, das Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen“, mein­te er. Nur zu gern folg­te sie ihm auf die Tanz­flä­che. „Es ist viel leich­ter, als ich es mir vor­ge­stellt ha­be“, sag­te er. „Ei­nen sol­chen An­schub­ser ha­be ich of­fen­bar ge­braucht.“„Wol­len wir uns nicht du­zen?“, schlug Bea­te vor. „Gern.“Jetzt spiel­te die Band ein lang­sa­mes Stück. Pe­ter zog sie en­ger an sich. Und plötz­lich spür­te Bea­te, was für ei­ne Sehn­sucht die­ser Mann in sich trug. Sehn­sucht nach Nä­he, nach Ge­bor­gen­heit, nach Lie­be. Ihr wur­den die Knie weich, sie ku­schel­te sich an ihn. „Dass das hier gan­ze zwei Jah­re ge­dau­ert hat, ist ei­gent­lich ei­ne Schan­de“, flüs­ter­te er ihr ins Ohr. „Aber bes­ser spät als nie.“Und dann küss­ten sie sich.

War­um hat­te er ihr das bloß nicht frü­her er­zählt? Die­ser Mann trug so viel Lie­be in sich!

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