War­um die Angst vor De­menz de­ment macht

Wie ge­lingt es mir als pfle­gen­der An­ge­hö­ri­ger ei­nes an De­menz Er­krank­ten, nicht aus­zu­bren­nen? Wie blei­be ich trotz be­las­ten­der Um­stän­de selbst ge­sund und jung im Kopf? Prof. Dr. Gio­van­ni Maio er­läu­tert, wie man Kraft aus in­ten­si­ver Zu­wen­dung und ei­ge­nen F

Das Neue - - PRAXIS VITA -

De­menz, al­so der Ver­lust des Geis­tes, trifft nie­mals nur ei­nen Men­schen. In den al­ler­meis­ten Fäl­len ste­hen An­ge­hö­ri­ge und die Fa­mi­lie dem­je­ni­gen zur Sei­te. Aus An­teil­nah­me, um zu hel­fen, spä­ter wo­mög­lich zu pfle­gen. Doch ge­nau hier be­gin­nen sich die Pro­ble­me und so­gar die Sym­pto­me der Krank­heit aus­zu­wei­ten, so­dass ei­ni­ge der Ri­si­ko­fak­to­ren be­reits kurz nach Dia­gno­se­stel­lung auch auf An­ge­hö­ri­ge ei­nes Er­krank­ten zu­tref­fen: fi­nan­zi­el­le Sor­gen, Zu­kunfts­ängs­te, der Stress und die har­te kör­per­li­che Ar­beit der Pfle­ge. All das führt da­zu, dass ein sol­ches ge­teil­tes Schick­sal in­zwi­schen als ein wei­te­rer Ri­si­ko­fak­tor für De­menz gilt. Das ha­ben Stu­di­en ein­deu­tig er­wie­sen. Die Krank­heit ver­erbt sich ge­wis­ser­ma­ßen – oh­ne den Ein­fluss der Ge­ne. Die Angst vor De­menz macht de­ment, weil wir die ei­ge­nen Res­sour­cen zu sehr be­an­spru­chen. Ein Teu­fels­kreis. Wie kön­nen wir die­sem Teu­fels­kreis ent­kom­men, Herr Professor Maio? Man soll­te sich nicht selbst so ver­aus­ga­ben, in dem idea­li­sier­ten Sinn, im­mer da sein zu wol­len – das ist nicht rea­li­sier­bar, man muss sei­ne Gren­zen an­er­ken­nen.

Wie aber schaf­fen wir das?

Da­zu be­darf es in ei­ner sol­chen Ex­trem­si­tua­ti­on der pro­fes­sio­nel­len Hil­fe, um sich die ei­ge­ne Kraft zu be­wah­ren, für den an­de­ren da zu sein.

Vie­le Stu­di­en be­le­gen, dass sich die An­ge­hö­ri­gen oft zu sehr un­ter Druck set­zen und ein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben, wenn sie et­was de­le­gie­ren.

Und das ist grund­le­gend falsch. Die pro­fes­sio­nel­le Hil­fe – et­wa ein am­bu­lan­ter Pfle­ge­dienst – ist über­haupt erst ei­ne Be­din­gung da­für, selbst da sein zu kön­nen. Sonst ist es ei­ne Über­for­de­rung. Und da­von hat der Pa­ti­ent über­haupt nichts, weil die Über­for­de­rung um­schlägt: man hat nicht mehr die Ge­duld und die in­ne­re Kraft, um zu hel­fen.

Statt­des­sen ha­ben vie­le ein schlech­tes Ge­wis­sen, so­bald sie et­was de­le­gie­ren.

Das ist nicht nö­tig und auch nicht be­rech­tigt: Man müss­te eher ein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben, wenn man nicht auf sich auf­passt, weil man dann näm­lich nicht weit­sich­tig ist. Doch ge­nau das muss man, um zu er­ken­nen, dass man nicht im­mer da sein kann – auf Dau­er. Es wür­de vi­el­leicht ein Jahr gut ge­hen, aber im zwei­ten Jahr wer­de ich selbst krank, und dann ha­be ich der Sa­che auch nicht ge­dient. Wich­tig ist, die ei­ge­ne See­le be­hut­sam zu be­han­deln, in­dem ich mir ei­nen Wech­sel er­lau­be. Man muss hel­fen und dann aber auch hel­fen las­sen kön­nen. Die­se Dis­tanz im Sin­ne von „Ich se­he

et­was an­de­res und ge­he weg, da­mit ich auch wie­der­kom­men kann“, ist die Vor­be­din­gung da­für, wei­ter­hin hel­fen zu kön­nen. Man darf sich des­we­gen nicht für ego­is­tisch hal­ten. Das Ge­gen­teil ist der Fall: Wenn ich im­mer da bin, bin ich auch im­mer nur halb da.

Wie aber er­hal­te ich mir die Neu­gier und das In­ter­es­se am Rest der Welt?

Wich­tig sind Aus­tausch­mög­lich­kei­ten, um zu ver­ste­hen: Was ist das für ei­ne Welt, in die auch ich jetzt hin­ein­kom­me. Denn man muss sich mit die­ser frem­den Welt eben­so ver­traut ma­chen wie der De­menz­kran­ke. Das ge­lingt, wenn wir mit Men­schen in ei­ner ähn­li­chen Si­tua­ti­on spre­chen, et­wa in Selbst­hil­fe­grup­pen.

Und dann lässt sich das Le­ben und die Pfle­ge ei­nes De­menz­kran­ken leich­ter er­tra­gen?

De­menz ist ei­ne Tra­gö­die. Und al­le Ver­su­che, die­ser Krank­heit et­was Po­si­ti­ves ab­zu­ge­win­nen, sind zwei­fel­los ver­fehlt. Denn De­menz kann we­der ge­heilt noch mit der Zeit bes­ser wer­den – im Ge­gen­teil. Und doch ist ein Le­ben mit De­menz kein „Un­le­ben“. Ja, der de­men­zi­ell Er­krank­te ver­liert et­was, das ist un­be­strit­ten, doch es ist nicht der Ver­lust sei­ner Er­in­ne­rung, son­dern viel­mehr der bis­he­ri­ge Zu­gang zu ihr: Die Er­in­ne­rung ist ver­deckt, ver­bor­gen und schwer zu­gäng­lich.

In­wie­fern soll mir das hel­fen?

Als An­ge­hö­ri­ge kön­nen wir Pa­ti­en­ten da­bei un­ter­stüt­zen, auf ei­ne neue Art und Wei­se wie­der Ver­bin­dun­gen zu ih­ren Er­in­ne­run­gen zu knüp­fen. Das ge­lingt über Nä­he und Zu­wen­dung, über sinn­li­che Er­fah­run­gen, et­wa den Duft ei­ner Blu­me, das Hö­ren ei­nes Mu­sik­stücks, das Ge­strei­chelt­wer­den, das Füh­len der Son­ne oder das Schme­cken von Scho­ko­la­de. Über die­se Emp­fin­dun­gen ist es mög­lich, dass sich die an De­menz Er­krank­ten neue Zu­gän­ge zu ver­schüt­te­ten Le­ben­s­er­in­ne­run­gen bah­nen kön­nen.

Sie plä­die­ren für ei­ne Ve­rän­de­rung der Sicht­wei­se?

Ja. Um De­menz­pa­ti­en­ten wirk­lich zu hel­fen, scheint mir der ei­gent­li­che An­satz zu sein, sie nicht im­mer wie­der mit dem zu kon­fron­tie­ren, was sie nicht mehr kön­nen, sie nicht zu kor­ri­gie­ren und zu­recht­zu­wei­sen, son­dern ih­nen viel­mehr zu zei­gen, was sie noch al­les kön­nen. Die we­sent­li­che Auf­ga­be als pfle­gen­der An­ge­hö­ri­ger ist, ei­ne gu­te At­mo­sphä­re zu stif­ten – und das kann man nur aus ei­ner in­ne­ren Stär­ke her­aus. Da­für ist es wich­tig, sich im­mer wie­der selbst Frei­räu­me zu schaf­fen.

Wenn man sich ganz auf den Er­krank­ten ein­lässt, kann man auch selbst viel ge­win­nen?

Un­be­dingt. Der an De­menz er­krank­te Mensch ist ein le­ben­di­ger Mensch, der uns viel zu ge­ben hat. Er zeigt uns, dass un­ser Le­ben als Ge­sun­de häu­fig ein­sei­tig fi­xiert ist – auf Ra­tio­na­li­tät, Leis­tung, Funk­ti­on und Be­sitz. De­menz­pa­ti­en­ten spü­ren mehr, als man glaubt, und ge­ra­de das macht sie so be­son­ders: Sie spü­ren, was die nicht kran­ken Men­schen gar nicht mehr wahr­zu­neh­men fä­hig sind: Sie spü­ren die Un­ge­duld, das Des­in­ter­es­se, die Lan­ge­wei­le des Ge­gen­übers ge­nau­so wie die Mit­mensch­lich­keit, die Zart­heit ei­nes Blicks. Der Aus­tausch ver­läuft nicht mehr über Wor­te, son­dern über das Schau­en, Be­rüh­ren, Sin­gen, ge­dul­di­ge Ver­wei­len.

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