Lehr­plan auf Lein­wand

Be­müh­te Päd­ago­gik: „Ju­gend oh­ne Gott“schei­tert am Ver­such ei­ner deut­schen Te­e­nie-Dys­to­pie

Delmenhorster Kreisblatt - - KULTUR - Von Da­ni­el Be­ne­dict

Alain Gs­po­ner ver­legt Ödön von Hor­váths „Ju­gend oh­ne Gott“in die na­he Zu­kunft – und kreuzt da­bei die Äs­t­he­tik der „Tribute“-Fil­me mit dem Groo­ve po­li­ti­scher Auf­klä­rungs­bro­schü­ren.

BER­LIN. Ju­gend­li­che het­zen in ei­ner Schnit­zel­jagd auf Le­ben und Tod durchs Un­ter­holz. Ka­me­ras re­gis­trie­ren je­den Fehl­tritt, fins­te­re Mäch­te tei­len die Te­enager in Ge­win­ner und Ver­lie­rer. Klingt wie „Tribute von Pa­nem“, ist aber die neue Ver­fil­mung von „Ju­gend oh­ne Gott“.

In sei­ner Schul­ge­schich­te schil­der­te Ödön von Hor­váth vor genau 80 Jah­ren, wie der Fa­schis­mus Spra­che, Men­schen­bild und Den­ken ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on ver­darb. Alain Gs­po­ner hat den Stoff ra­di­kal ak­tua­li­siert und in ei­ne na­he Zu­kunft ver­legt. Nun be­sucht die Schul­klas­se, um die sich al­les dreht, kein Wehr­sport­la­ger, son­dern ein von glo­ba­len Kon­zer­nen ge­tra­ge­nes Aus­bil­dungs­camp. Un­ter gna­den­lo­sem Kon­kur­renz­druck wett­ei­fern die Schü­ler hier um den Platz an der Son­ne: Denn ih­re schlim­me neue Welt glie­dert sich in die im Lu­xus schwel­gen­den „Leis­tungs­trä­ger“– und die „Leis­tungs­emp­fän­ger“im Get­to. Wer sich dem strom­li­ni­en­för­mi­gen Ef­fi­zi­enz­den­ken wi­der­setzt, wird aus­ge­grenzt, me­di­ka­men­tös be­han­delt oder kri­mi­na­li­siert.

Zwei­fel am Sys­tem hat nur der grüb­le­ri­sche Zach (Jan­nis Nie­wöh­ner). Sein Wi­der­spruch wird stär­ker, als er sich in Ewa (Emi­lia Schü­le) ver­liebt – ei­ne Il­le­ga­le, die aus der Un­ter­schicht de­ser­tiert ist, um in den Wäl­dern zu hau­sen. Ih­re Be­geg­nung setzt ei­ne ver­häng­nis­vol­le Dy­na­mik in Gang, die schließ­lich zum grau­sa­men Tod ei­nes Schü­lers führt.

Hor­váths Buch ist ei­ne be­lieb­te Un­ter­richts­lek­tü­re, und Gs­po­ners Ad­ap­ti­on prägt un­über­seh­bar der Wunsch, Zu­schau­er­men­gen in Jahr­gangs­stär­ke ein­zu­sam­meln. Die Schü­ler kö­dert ein Set­ting nach dem Vor­bild von Block­bus­ter-Dys­to­pi­en wie „Die Be­stim­mung“oder „Tribute von Pa­nem“. Nach­denk­li­che Päd­ago­gen um­schmei­chelt der Film mit ei­nem di­dak­ti­schen An­spruch, der mit den Bro­schü­ren der Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung mit­hält: Kei­ne Sze­ne, die nicht ve­he­ment zum Nach­den­ken an­reg­te – über den Ver­lust des Pri­va­ten im In­ter­net, die Selbst­op­ti­mie­rung in der Leis­tungs­ge­sell­schaft, über Ka­me­ra­über­wa­chung, ADHS-Me­di­ka­ti­on, so­zia­le Aus­gren­zung und die Ge­fah­ren der Glo­ba­li­sie­rung. Die­ser Film dockt ein­fach an je­de Un­ter­richts­ein­heit an. Au­ßer vi­el­leicht an die zum Fa­schis­mus, in der die Vor­la­ge sonst vor­kommt. Auf ei­ne Ana­lo­gie von Hit­lers Men­schen­ver­ach­tung und der ei­ner di­gi­ta­li­sier­ten Öko­no­mie, die in der Ak­tua­li­sie­rung ja mit­schwingt, will der Film dann zum Glück doch nicht hin­aus.

An der Ober­flä­che un­ter­tei­len die Au­to­ren Alex Bursch, Mat­thi­as Pacht die Ge­schich­te in drei Er­zähl­strän­ge, die nach­ein­an­der die Er­leb­nis­se von Zachs Te­am­part­ne­rin Na­desch (Ali­cia von Ritt­berg), von Zach selbst und vom Leh­rer (Fah­ri Yar­dim) schil­dern. Be­son­ders viel­stim­mig ist das Re­sul­tat aber nicht, denn in je­dem Mo­ment spre­chen nur die Au­to­ren selbst – in der über­deut­li­chen Sym­pa­thie­len­kung, ei­nem kom­men­tie­ren­den Schau­spiel­stil und in Dia­lo­gen, die nur da­zu die­nen, das Pu­bli­kum über Sach­ver­hal­te auf­zu­klä­ren, die den Fi­gu­ren selbst­ver­ständ­lich sein müss­ten. Die wich­tigs­ten The­sen fasst dann Zachs Ta­ge­buch zu­sam­men. Die Klas­sen­ar­beit schreibt sich da von selbst.

„Ju­gend oh­ne Gott“ist ei­ne Ko­pro­duk­ti­on der Constantin, die Schu­le mehr und mehr zu ih­rem The­ma macht – am er­folg­reichs­ten na­tür­lich mit der „Fack ju Göh­te“-Rei­he, de­ren Ab­schluss im Herbst an­läuft. Schü­ler, die sich im Ki­no nicht be­leh­ren las­sen wol­len, müs­sen al­so nur ein paar Wo­chen war­ten. Im „Fi­nal Fack“wer­den sie statt­des­sen wie­der ver­al­bert.

„Ju­gend oh­ne Gott“. D 2017. R: Alain Gs­po­ner. D: Jan­nis Nie­wöh­ner, Fah­ri Yar­dim, Emi­lia Schü­le. 114 Mi­nu­ten. Ab 12 Jah­ren.

FO­TO: CONSTANTIN

Dis­kre­te Sym­bo­lik: In „Ju­gend oh­ne Gott“op­fert ei­ne Ge­sell­schaft ih­re Ju­gend. Sze­ne mit Fah­ri Yar­dim und Jan­nik Schü­mann.

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