Wie ein al­ter Ste­din­ger

Boll­tjalk „Ma­ri­art“in der Lyns­bra­ke: Vor­fah­ren des Schiffs­typs im Mit­tel­al­ter

Delmenhorster Kreisblatt - - VON HUS UN HEIMAT - Von Dirk Hamm

Mit der mit­tel­al­ter­li­chen Sied­lungs­ge­schich­te im Nor­den der Stadt be­fasst sich An­dré Ma­du­ra mit „in­tui­ti­ver Archäo­lo­gie“. Da­zu dient ihm ein Schiff, des­sen Vor­gän­ger schon ab 1100 be­nutzt wur­den.

DEL­MEN­HORST. An­dré Ma­du­ra wan­delt ein Stück weit auf den Spu­ren der al­ten Ste­din­ger, wenn er auf sei­ner Boll­tjalk „Ma­ri­art“weilt. Das Platt­bo­den­schiff liegt seit drei Jah­ren im Pri­el der Lyns­bra­ke, die im äu­ßers­ten Nor­den des Del­men­hors­ter Stadt­ge­biets in die Och­tum mün­det. Mit ein­fa­che­ren, aber nach dem­sel­ben Prin­zip ge­bau­ten Käh­nen wa­ren die Men­schen be­reits im Mit­tel­al­ter auf den fla­chen Was­ser­läu­fen in den Wat­ten und Mar­schen des Nord­wes­tens un­ter­wegs, um et­wa Sand zum Deich­bau, Brenn­holz und Ge­trei­de zu trans­por­tie­ren.

Mit ei­nem Ka­nu schaut der 69-Jäh­ri­ge re­gel­mä­ßig auf sei­nem Schiff nach dem Rech­ten. Die Boll­tjalk – oder Praam – hat schon sicht­bar mehr als ein Jahr­hun­dert auf dem Bu­ckel, 1911 ist das 24 Me­ter­lan­ge Schiff mit dem cha­rak­te­ris­ti­schen ge­rin­gen Tief­gang nach al­ter hol­län­di­scher Schiffs­bau­kunst ge­baut wor­den. Ein Ort der Kunst soll sei­ne „Ma­ri­art“wer­den, und ein Ort, wo Schü­ler et­was über die Le­bens­wei­se der Men­schen in frü­he­rer Zeit in die­ser Re­gi­on ler­nen kön­nen – von die­ser Vi­si­on lässt sich der in Ber­lin auf­ge­wach­se­ne ehe­ma­li­ge Ge­schichts- und Kunst­leh­rer auch von ei­ni­gen Rück­schlä­gen nicht ab­brin­gen.

Es herrscht Eb­be, flach liegt das Schiff im mo­ras­ti­gen Bett der Lyns­bra­ke. Ein ähn­li­ches Bild ha­be sich vor vie­len Jahr­hun­der­ten auch in Bre­men dar­ge­bo­ten, er­klärt Ma­du­ra. Ei­ne Bal­je, ein strom­be­ru­hig­ter Sei­ten­arm der We­ser, dien­te dem­nach hin­ter dem Sch­noor als Vor­läu­fer des Ha­fens. Wenn die Flut kam, wur­den die Last­käh­ne wie­der flott. Ab cir­ca 1250 kam die Kog­ge als mo­der­ner Schiffs­typ auf, mit mehr La­de­flä­che und Tief­gang. Nun wur­de an der Schlach­te ei­ne St­ein­mau­er zum Be- und Ent­la­den der Schif­fe an­ge­legt, die Bal­je wur­de zu­ge­schüt­tet und be­baut.

Aus der Zeit vor 1600 ist laut Ma­du­ra nichts an Do­ku­men­ten vor­han­den, aus de­nen sich ein kon­kre­tes Bild ab­lei­ten lässt vom Ein­satz der Praa­men im Ste­din­ger­land nörd­lich von Del­men­horst und west­lich der We­ser. Wie konn­te es den Ste­din­ger Bau­ern in re­la­tiv kur­zer Zeit ab et­wa 1100 ge­lin­gen, die da­mals von über­spül­ten Flä­chen, Mo­rast und Un­weg­bar­keit ge­präg­te Land­schaft er­folg­reich zu kul­ti­vie­ren?

Ma­du­ra be­zeich­net die Her­an­ge­hens­wei­se bei der Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge als „in­tui­ti­ve Archäo­lo­gie“. An­hand der Er­fah­run­gen, die er in der Hand­ha­bung der „Ma­ri­art“ge­won­nen hat, ver­sucht der 69-Jäh­ri­ge ei­ne Vor­stel­lung da­von zu ge­win­nen, wie die Ste­din­ger mit ih­ren Praa­men vor 850 Jah­ren den be­nö­tig­ten Sand und an­de­re Ma­te­ria­li­en her­an­schaff­ten, um Dei­che zu bau­en. „Es ist be­legt, dass die Ste­din­ger hier an der Och­tum sie­del­ten, am Pri­el an­leg­ten und links und rechts ih­re Dei­che zo­gen“, sagt Ma­du­ra. Et­wa 1160/70 sei gro­ßer Neid der Nach­barn auf die um ih­re Ei­gen­stän­dig­keit be­dach­ten Ste­din­ger Bau­ern auf­ge­kom­men. Kon­flik­te wa­ren die Fol­ge, die im ein­zi­gen Kreuz­zug auf deut­schem Bo­den und der Un­ter­wer­fung der Ste­din­ger in der Schacht bei Al­te­nesch 1234 gip­fel­ten.

Pri­el der Lyns­bra­ke liegt seit drei Jah­ren die Boll­tjalk „Ma­ri­art“.

FO­TOS: DIRK HAMM

Ort der Kunst als Vi­si­on: And­re Ma­du­ra.

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