SPD stimmt für Ge­sprä­che mit Uni­on

Schulz mit 81,94 Pro­zent der Stim­men als Par­tei­chef wie­der­ge­wählt – Klat­sche für Scholz

Delmenhorster Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Uwe West­dörp

dpa BERLIN. Nach stun­den­lan­ger De­bat­te hat sich der SPD-Par­tei­tag mit gro­ßer Mehr­heit für er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on über ei­ne Re­gie­rungs­bil­dung aus­ge­spro­chen. Die 600 De­le­gier­ten vo­tier­ten klar da­für. Ein Ju­so-An­trag schei­ter­te.

Nun al­so doch: Nach­dem die SPD zu­nächst in die Op­po­si­ti­on ge­hen woll­te, will sie jetzt er­geb­nis­of­fe­ne Ge­sprä­che mit der Uni­on füh­ren. Der Par­tei­tag hat das mit gro­ßer Mehr­heit be­schlos­sen und den Vor­sit­zen­den Mar­tin Schulz mit 81,94 Pro­zent im Amt be­stä­tigt.

BERLIN. Die Uni­on hat ei­nen neu­en Ge­sprächs­part­ner für Re­gie­rungs­son­die­run­gen: Der SPD-Par­tei­tag hat grü­nes Licht für die Auf­nah­me er­geb­nis­of­fe­ner Ge­sprä­che mit CDU und CSU ge­ge­ben. Der An­trag der Par­tei­füh­rung er­hielt nach ei­ni­gen Än­de­run­gen ei­ne deut­li­che Mehr­heit. Neu ist, dass über ei­ne et­wai­ge Auf­nah­me von Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen im kom­men­den Jahr auf je­den Fall ein Son­der­par­tei­tag ent­schei­den muss.

Da­mit ist ne­ben der To­le­rie­rung ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung und Neu­wah­len auch ei­ne Neu­auf­la­ge der um­strit­te­nen Gro­ßen Ko­ali­ti­on mög­lich. Die Jung­so­zia­lis­ten schei­ter­ten mit dem An­trag, ein er­neu­tes schwarz-ro­tes Bünd­nis als mög­li­ches Er­geb­nis der Ge­sprä­che mit der Uni­on aus­zu­schlie­ßen.

Nach der his­to­ri­schen Bun­des­tags­wahl­nie­der­la­ge hat­te SPD-Chef Mar­tin Schulz ur­sprüng­lich den Gang in die Op­po­si­ti­on an­ge­kün­digt. Nach dem Schei­tern der Ja­mai­ka-Son­die­run­gen von Uni­on, FDP und Grü­nen be­kräf­tig­te die SPD-Spit­ze die­sen Kurs zu­nächst, voll­zog nun aber die Wen­de.

Der Par­tei­tags­be­schluss legt auch ei­ne Rei­he in­halt­li­cher Punk­te fest, die die SPD in den Vor­der­grund stel­len will: So­li­d­ar­ren­te, Bür­ger­ver­si­che­rung, Fa­mi­li­en­geld und Ent­las­tun­gen für Be­zie­her klei­ner und mitt­le­rer Ein­kom­men so­wie das Recht auf Fa­mi­li­en­nach­zug für Flücht­lin­ge mit dem ein­ge­schränk­ten sub­si­diä­ren Schutz.

Die Uni­on be­grüß­te die Ent­schei­dung der SPD für Ge­sprä­che. „Es wer­den har­te Ver­hand­lun­gen, aber klar ist: Deutsch­land braucht ei­ne sta­bi­le Re­gie­rung“, so CSUGe­ne­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er. Der CDU-Vor­stand wol­le Sonn­tag und Mon­tag über das wei­te­re Vor­ge­hen be­ra­ten, er­klär­te Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Klaus Schü­ler.

Schulz hat­te vor der Ab­stim­mung ein­dring­lich für Ge­sprä­che mit der Uni­on ge­wor­ben. In der De­bat­te gab es aber mas­si­ve Kri­tik am Leit­an­trag – vor al­lem we­gen der Mög­lich­keit ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on.

Bei der Wie­der­wahl zum Par­tei­vor­sit­zen­den er­hielt Schulz als ein­zi­ger Kan­di­dat 81,94 Pro­zent der Stim­men, nach­dem er auf ei­nem Son­der­par­tei­tag im März noch 100 Pro­zent Zu­stim­mung er­hal­ten hat­te.

Ei­ne her­be Schlap­pe er­litt der Ham­bur­ger Re­gie­rungs­chef Olaf Scholz bei der Wahl der sechs stell­ver­tre­ten­den Par­tei­vor­sit­zen­den. Scholz, der zu­letzt Kri­tik an Schulz ge­äu­ßert hat­te, be­kam nur 59,2 Pro­zent – vor zwei Jah­ren wa­ren es noch 80,2 Pro­zent.

Schulz for­der­te aber auch ei­ne grund­le­gen­de Er­neue­rung der Par­tei und be­ton­te: „Wir ha­ben nicht nur die­se Bun­des­tags­wahl ver­lo­ren, son­dern die letz­ten vier. Wir ha­ben nicht nur die­ses Mal 1,7 Mil­lio­nen Stim­men ver­lo­ren, son­dern zehn Mil­lio­nen seit 1998 – die Hälf­te un­se­rer Wäh­ler­schaft.“

In die Op­po­si­ti­on ge­hen? Oder er­geb­nis­of­fen mit der Uni­on über Re­gie­rungs­mög­lich­kei­ten re­den? Die­se Fra­ge spal­tet die SPD. Ei­ne Mehr­heit ist gleich­wohl der An­sicht, man sol­le es auf ei­nen Ver­such an­kom­men las­sen – ein heik­ler Auf­trag für den al­ten und neu­en Vor­sit­zen­den Schulz.

BERLIN. Ma­lu Drey­er bringt es, freund­lich lä­chelnd, auf den Punkt. „De­mo­kra­tie“, so sagt die rhein­land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin am Ran­de des SPD-Par­tei­ta­ges in Berlin, „ist ein an­stren­gen­des Ge­schäft“. Wie wahr: St­un­den­lang rin­gen die rund 600 De­le­gier­ten am Don­ners­tag um Kurs und Hal­tung der Par­tei nach dem Schei­tern der Ja­mai­ka-Son­die­run­gen.

Der Dis­kus­si­ons­be­darf der zwi­schen Selbst­zwei­feln und Auf­bruch­stim­mung schwan­ken­den De­le­gier­ten ist groß. Ein Ge­schäfts­ord­nungs­an­trag be­en­det schließ­lich am Abend die lei­den­schaft­li­che De­bat­te, die sonst noch st­un­den­lang wei­ter­ge­gan­gen wä­re. Und die Par­tei­füh­rung kann auf­at­men: Die Par­tei eb­net ihr den Weg zu er­geb­nis­of­fe­nen Ge­sprä­chen mit der Uni­on. Soll hei­ßen: Die Ge­nos­sen schau­en mal, was geht – mög­lich sind ei­ne Neu­auf­la­ge der un­ge­lieb­ten Gro­ßen Ko­ali­ti­on, die To­le­rie­rung ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung, aber auch Neu­wah­len.

Par­tei­chef Mar­tin Schulz sieht das so: „Wir müs­sen nicht um je­den Preis re­gie­ren. Aber wir dür­fen auch nicht um je­den Preis nicht re­gie­ren wol­len. Ent­schei­dend ist, was wir durch­set­zen kön­nen“, mahnt der Par­tei­chef.

Das zielt auf das zwei­te gro­ße The­ma des Par­tei­tags: die Er­neue­rung der SPD. Der Vor­sit­zen­de ver­spricht ei­nen um­fas­sen­den Neu­be­ginn. „Die SPD muss wie­der die Par­tei des Mu­tes wer­den“, sagt er. Mit wel­chen The­men das ge­lin­gen soll? Schulz hat da vie­le Vor­schlä­ge: Eu­ro­pa stär­ken, die Zu­kunft der Ar­beit im di­gi­ta­len Zeit­al­ter ge­stal­ten, Bil­dung und Qua­li­fi­zie­rung vor­an­trei­ben, die Um­welt schüt­zen, die so­zia­len Net­ze si­chern, die Wür­de der Men­schen im Al­ter ga­ran­tie­ren. Am En­de gibt es freund­li­chen, aber kei­nes­wegs über­schwäng­li­chen Ap­plaus. Schulz würgt ihn ab, als er sagt, jetzt sei es Zeit, über In­hal­te und An­trä­ge zu dis­ku­tie­ren.

„Wir wer­den aus­lo­ten, ob und wie ei­ne Re­gie­rungs­bil­dung mög­lich ist. Es gibt für uns kei­ne Vor­fest­le­gung und kei­nen Au­to­ma­tis­mus. Neu­wah­len sind erst dann er­for­der­lich, wenn sich aus die­sen Ge­sprä­chen kei­ne an­de­ren Lö­sun­gen er­ge­ben“, heißt es im kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Leit­an­trag. Vor al­lem die Jung­so­zia­lis­ten kri­ti­sie­ren den An­trag und for­dern, ei­ne Wie­der­auf­la­ge der Gro­ßen Ko­ali­ti­on aus­zu­schlie­ßen. Der Vor­sit­zen­de Ke­vin Küh­nert hat da das Wahl­de­sas­ter der SPD und das Schei­tern der Ja­mai­ka-Son­die­run­gen im Blick. Die SPD ist nach sei­nen Wor­ten nicht da­zu da, „die Denk­faul­heit an­de­rer Par­tei­en zu ka­schie­ren“. Sein Ap­pell an den Par­tei­tag: „Lasst uns Zeit für Er­neue­rung. Ich will, dass von die­sem La­den noch et­was üb­rig bleibt, ver­dammt noch mal.“

Küh­nerts rhe­to­risch bril­lant vor­ge­tra­ge­ne Bi­lanz der SPD-Re­gie­rungs­be­tei­li­gun­gen fällt düs­ter aus. In 16 Gro­ßen Ko­ali­tio­nen in Bund und Län­dern mit der SPD als klei­ne­rem Part­ner ha­be man nur vier­mal da­nach Wah­len ge­win­nen kön­nen. Ge­sprä­che mit der Uni­on kann man füh­ren, mei­nen die Jung­so­zia­lis­ten, „aber wir brau­chen kei­ne neue Gro­ße Ko­ali­ti­on“.

„Angst darf kein Maß­stab sein“

Et­was an­ders se­hen das Par­tei­pro­mis wie Bun­des­tags­frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les und Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil. „Mich springt hier Angst an vorm Re­gie­ren. Aber Angst darf kein Maß­stab sein“, er­ei­fert sich Nah­les. Laut­stark wen­det sie sich auch ge­gen die Aus­sa­ge, Op­po­si­ti­on sei der ehr­li­che­re Weg. „Das Um­set­zen un­se­rer Zie­le kann je­den­falls nicht un­ehr­li­cher sein.“

Ei­ne kla­re An­sa­ge kommt auch aus Nie­der­sach­sen. „Par­tei ist kein Selbst­zweck. Zehn Mil­lio­nen Men­schen ha­ben uns ge­wählt. De­ren La­ge zu ver­bes­sern ist die Auf­ga­be der SPD“, mahnt Ste­phan Weil, der in Nie­der­sach­sen ei­ne Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung mit der CDU führt. Für ihn steht fest: Wenn es mög­lich ist, zum Bei­spiel die La­ge in der Pfle­ge zu ver­bes­sern und Eu­ro­pa zu stär­ken, „dann kann uns das nicht egal sein“. Und um her­aus­zu­fin­den, was mög­lich sei, müs­se man mit der Uni­on re­den.

Um der Ba­sis den Leit­an­trag schmack­haft zu ma­chen, hat die Par­tei­spit­ze For­de­run­gen hin­ein­ge­schrie­ben, die sie ge­gen­über CDU und CSU im Fall ei­ner Re­gie­rungs­bil­dung durch­set­zen will: die Ein­füh­rung ei­ner Bür­ger­ver­si­che­rung et­wa, ein hu­ma­ni­tä­rer Fa­mi­li­en­nach­zug bei Flücht­lin­gen und ein ge­setz­li­ches Rück­kehr­recht von Teil- auf Voll­zeit.

Die SPD voll­zieht mit den neu­en Ge­sprä­chen ei­ne Kehrt­wen­de. Nach dem his­to­risch schlech­ten Wah­l­er­geb­nis von 20,5 Pro­zent hat­te Schulz ur­sprüng­lich den Gang in die Op­po­si­ti­on an­ge­kün­digt. Doch dann schei­ter­ten die Son­die­run­gen von Uni­on, FDP und Grü­nen über ein Ja­mai­ka-Bünd­nis. Und Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er mahn­te al­le Par­tei­en, sich nicht vor Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung zu drü­cken. St­ein­mei­er, des­sen SPD-Mit­glied­schaft als Bun­des­prä­si­dent ruht, hat da­mit auch sei­ne bis­he­ri­gen Par­tei­freun­de in die Pflicht ge­nom­men.

Für Schulz ha­ben Wahl­schlap­pe und an­schlie­ßen­de Wen­de­ma­nö­ver auch per­sön­lich Fol­gen. Bei sei­ner ers­ten Wahl zum SPD-Vor­sit­zen­den im März hat­te er auf ei­nem Son­der­par­tei­tag sa­gen­haf­te 100 Pro­zent der Stim­men er­hal­ten. Das war bis da­hin in der Nach­kriegs­zeit noch nie ei­nem SPDVor­sit­zen­den ge­lun­gen. Jetzt, nach sei­ner Ent­zau­be­rung, sind es noch 81,94 Pro­zent.

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Er­leich­te­rung an­ge­sichts ei­nes ak­zep­ta­blen Er­geb­nis­ses: Mar­tin Schulz nach sei­ner Wie­der­wahl als SPD-Chef.

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Erns­te Ge­sich­ter: Par­tei­chef Mar­tin Schulz, Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les und Ham­burgs Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz (vor­ne, von links).

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