Nur Va­ter des Kom­mu­nis­mus?

Die neu­en Bio­gra­fi­en: Ga­reth Sted­man Jo­nes und Jür­gen Nef­fe er­klä­ren Marx als Kind sei­ner Zeit

Delmenhorster Kreisblatt - - KULTUR - Von Ste­fan Lüd­de­mann und Oli­ver Schmidt

Wer ist Karl Marx – Kind sei­ner Zeit oder po­li­ti­scher Pro­phet? Neue Marx-Bio­gra­fi­en von Ga­reth Sted­man Jo­nes und Jür­gen Nef­fe schla­gen un­ter­schied­li­che Deu­tun­gen vor.

TRIER. Karl Marx lässt sich als Klas­si­ker le­sen, ein­ge­bun­den in den Kon­text sei­ner Zeit. Oder aber man öff­net neue In­ter­pre­ta­ti­ons­räu­me, stellt Per­son und Werk dem Hier und Jetzt ge­gen­über. Ga­reth Sted­man Jo­nes be­zieht klar Po­si­ti­on. Der bri­ti­sche His­to­ri­ker will das Bild von Karl Marx ent­rüm­peln und den ver­meint­li­chen Ur­va­ter des Kom­mu­nis­mus aus dem Kon­text sei­ner ei­ge­nen Zeit her­aus ver­ste­hen. Ei­ne kla­re The­se. Das Pro­blem: Sted­man Jo­nes macht nichts dar­aus. So klar er auch sei­ne Kri­tik ge­gen die „zu­neh­men­de Auf­blä­hung von Marx’ Ruf“ar­ti­ku­liert, so we­nig ent­deckt der Au­tor ihn als ei­ne Fi­gur wie­der, die we­nig mit dem zu tun hat, was das 20. Jahr­hun­dert aus ihr ge­macht hat.

Da­bei steigt der His­to­ri­ker, der Lehr­stüh­le in Lon­don und Cam­bridge be­klei­det, stark ein. Sted­man Jo­nes lässt sich von An­fang an nicht auf die Eng­füh­rung ei­nes iso­lier­ten Le­bens­we­ges ein. Der Au­tor ent­wirft statt­des­sen ein ko­los­sa­les Zeit­ge­mäl­de. Ob Na­po­le­on als Ver­brei­ter re­vo­lu­tio­nä­rer Ide­en in ganz Eu­ro­pa, die Frei­heits­be­stre­bun­gen des deut­schen Bür­ger­tums oder die Eman­zi­pa­ti­on der Ju­den: Wer die Darstel­lung von Sted­man Jo­nes liest, be­kommt ein neu­es Ge­fühl von der Schub­kraft der Um­wäl­zun­gen, die das Le­bens­ge­fühl von Karl Marx be­stimmt ha­ben. Schon sei­ne Vor­vä­ter sind selbst­be­wuss­te Bür­ger, die ih­ren ei­ge­nen Weg su­chen und sich eta­blie­ren wol­len. Sie zeich­nen ein Be­we­gungs­mus­ter vor, das Marx über­neh­men wird.

Sted­man Jo­nes über­zeugt da, wo er pa­ckend zu be­schrei­ben ver­mag, wie sich die Ge­ne­se von Marx’ Den­ken voll­zieht. Im Um­kreis der Phi­lo­so­phen der Jung­he­ge­lia­ner sucht Marx nach sei­nem Weg zu ei­ner neu­en Ana­ly­se der Ge­sell­schaft und Ge­schich­te. Es kos­tet zer­mür­ben­de Kon­tro­ver­sen und Rich­tungs­kämp­fe, um sich zu je­nem Ge­sichts­punkt durch­zu­rin­gen, der das Den­ken von Marx be­stim­men wird – der Ori­en­tie­rung an den tat­säch­li­chen Be­dürf­nis­sen der Men­schen und ih­rer Le­bens­pra­xis. Sted­man Jo­nes dis­ku­tiert die Wer­ke von Marx als kom­ple­xe Re­ak­tio­nen auf die po­li­ti­schen und öko­no­mi­schen Ana­ly­sen sei­ner Zeit. Das al­les liest sich de­tail­liert und in­struk­tiv. Die Per­son von Karl Marx ge­rät dar­über al­ler­dings aus dem Blick. Wie sieht das kon­kre­te Le­ben von Marx selbst aus? Da­von er­fährt der Le­ser auf rund 700 Sei­ten Text ver­blüf­fend we­nig. Sted­man Jo­nes mag ein Spe­zia­list der Geis­tes­ge­schich­te sein, ein be­gna­de­ter Er­zäh­ler ist er nicht.

Jür­gen Nef­fe ge­lingt dies in sei­ner Marx-Bio­gra­fie hin­ge­gen bei­spiel­haft. Er ver­knüpft die bei­den oft ge­trenn­ten Aspek­te von Marx’ Per­sön­lich­keit, den jün­ge­ren spon­ti­haft an­mu­ten­den Jung­he­ge­lia­ner und den spä­ten gut ge­reif­ten Öko­no­men, der in sei­nem Werk in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on und so­zia­le Fra­ge ge­schickt mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen ver­moch­te. Jür­gen Nef­fe hebt die­se un­na­tür­li­che Tei­lung auf. Was er be­tont, sind lan­ge Kon­ti­nui­täts­li­ni­en an­stel­le der Brü­che im Den­ken des Trie­rers.

Da­bei ist Nef­fes Marx ein Ge­trie­be­ner. Ei­ner, der rausch­haft an sei­nen The­sen feil­te und da­bei am Schreib­tisch den ei­ge­nen dro­hen­den fi­nan­zi­el­len Zu­sam­men­bruch aus­zu­blen­den ver­moch­te. Vor al­lem ei­nes ist ihm wich­tig: Die un­se­li­ge Ver­kür­zung des Theo­re­ti­kers Marx als Ver­ur­sa­cher spä­te­rer to­ta­li­tä­rer Sys­te­me möch­te er be­en­den.

Die­ser po­li­ti­schen Ver­ein­nah­mung, von Po­li­ti­kern in Pan­kow über Jahr­zehn­te eben­so wie von sol­chen in Pe­king be­trie­ben, stellt Nef­fe das Marx’sche Theo­rie­ge­bäu­de ge­gen­über. Es bräuch­te heu­te, so klingt es in sei­ner Bio­gra­fie trot­zig, ein In­sti­tut mit Hun­der­ten von Wis­sen­schaft­lern ver­schie­dens­ter Fach­rich­tun­gen, um ein Werk wie das Marx’sche her­vor­zu­brin­gen. Da­bei ge­lingt es Nef­fe, so schil­lern­de Be­grif­fe wie „Mehr­wert“und „in­dus­tri­el­le Re­ser­ve­ar­mee“zu er­klä­ren, oh­ne da­bei das kom­ple­xe Ge­dan­ken­ge­bäu­de zu ei­nem so­zio­lo­gisch schmuck­lo­sen Flach­dach­bun­ga­low ein­zu­damp­fen.

Marx, so schluss­fol­gert er, hät­te sich durch den Aus­bruch der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se 2008 be­stä­tigt ge­fühlt. Und es hät­te ihn ge­freut, sein Den­ken als Fo­lie für die Deu­tung ge­sell­schaft­li­cher und öko­no­mi­scher Um­brü­che, wie sie nicht zu­letzt ei­ne so­ge­nann­te Wirt­schaft 4.0 mit sich brin­gen, an­ge­wen­det zu wissen. Al­lein Nef­fes Ver­wei­se, un­ter an­de­rem auf Tho­mas Pi­ket­tys Best­sel­ler „Das Ka­pi­tal im 21. Jahr­hun­dert“, ma­chen deut­lich, wie we­nig Marx an Ak­tua­li­tät ein­ge­büßt hat. ■ Ga­reth Sted­man Jo­nes: Karl Marx. Die Bio­gra­phie. S. Fi­scher. 896 Sei­ten. 32 Eu­ro; Jür­gen Nef­fe: Marx. Der Un­voll­ende­te. C. Ber­tels­mann , 656 Sei­ten, 28 Eu­ro.

FO­TO: DPA

Fer­ne Fi­gur oder Idol für das Heu­te? Das Bild von Karl Marx 2014 das Karl-Marx-Denk­mal in Chem­nitz (Sach­sen) ver­ziert. ist um­strit­ten. Im Bild: Mit Fan­be­ma­lung, deut­schen Flag­gen auf den Ba­cken, ist

SE­RIE 200 Jah­re Karl Marx

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