Gra­na­ten auf dem Schiff

Li­sa-Ju­lie Rau­en und Mar­ti­na Rüg­ge­brecht zwi­schen Tra­gik und Ko­mik

Delmenhorster Kreisblatt - - REGION - Von Vi­via­ne Rei­ne­king

Zwi­schen All­tag und Angst­zu­stän­den, zwi­schen Nor­ma­li­tät und Ner­ven­zu­sam­men­bruch: Die Ko­mö­die „Gra­na­ten“der aus­tra­li­schen Dra­ma­ti­ke­rin Jo­an­na Mur­rayS­mith fei­er­te am Don­ners­tag­abend auf dem Thea­ter­schiff an der Tie­fer Pre­mie­re.

BRE­MEN Was die Zu­schau­er im Klei­nen Saal des Thea­ter­schiffs zu se­hen be­kom­men, ist kei­ne gro­ße Büh­nen­show, son­dern ein ech­tes Darstel­ler­stück (Re­gie: Knut Scha­kin­nis). Ei­nes, bei dem die bei­den Schau­spie­le­rin­nen Li­sa-Ju­lie Rau­en und Mar­ti­na Rüg­ge­brecht ihr gan­zes Kön­nen in die Waag­scha­le wer­fen. In lan­gen Mo­no­lo­gen brin­gen sie sprach­ge­wandt nach­ein­an­der fünf un­ter­schied­li­che Cha­rak­te­re auf die Büh­ne, die sich ir­gend­wo zwi­schen Ka­ri­ka­tur und Dra­ma wie­der­fin­den.

So wie die ers­te „Gra­na­te“des 2001 als „Bombs­hells“ur­auf­ge­führ­ten Stücks. Das treibt die Kli­schees müt­ter­li­cher Über­for­de­rung ra­sant auf die Spit­ze. Es ist der selbst­zer­stö­re­ri­sche Drang nach Per­fek­tio­nis­mus, der die Mut­ter an den Rand des Wahn­sinns treibt. Im schnel­len Mo­no­log mit teils ab­ge­ris­se­nen Sät­zen hetzt sie in Gestalt von Li­sa-Ju­lie Rau­en durch den All­tag. Stil­len, ein­kau­fen, Rech­nun­gen zahlen und auch noch den Ehe­mann glück­lich ma­chen – oh­ne da­bei auch nur ei­nem ih­rer An­sprü­che ge­recht zu wer­den. Re­qui­si­ten flie­gen um­her, das Ba­by lan­det un­sanft auf dem Bo­den, das Bett wird zum Au­to, die Büh­ne zum Schlacht­feld.

Sze­nen­wech­sel. Wäh­rend Til­ly Erd­manns Vor­trag vor Kak­te­en­freun­den über ih­re ge­lieb­ten „Suk­ku­len­ten“ver­schwimmt die Gren­ze zwi­schen sta­che­li­ger Pflan­ze und ih­rem un­treu­en Ha­rald. Im Kampf der Kak­te­en um An­er­ken­nung er­kennt sie ihr ei­ge­nes Leben wie­der. Das Pu­bli­kum ki­chert und gluckst.

Ei­gent­lich woll­te Me­ret, „die Li­za Min­nel­li von Sankt Hil­de­gar­dis“, bei der schul­ei­ge­nen Ta­l­ent­show „You’re the one that I want“aus „Grea­se“sin­gen. Blöd nur, dass die ärgs­te Kon­kur­ren­tin die glei­che Idee hat­te. Ver­zweif­lung pur. Be­ten, als gin­ge es um ihr Leben. Am En­de reicht es nicht zum Sieg, und auch die Sze­ne der drit­ten „Gra­na­te“reicht nicht an die der vor­he­ri­gen her­an.

Dann aber folgt das Por­trät von „Win­ni­f­red We­ber“(Rüg­ge­brecht). Als Wit­we sehnt sich die 64Jäh­ri­ge nach dem „ab­so­lut Un­er­war­te­ten“, als Vor­le­se­rin für ei­nen blin­den Stu­den­ten er­lebt sie ei­ne se­xu­el­le Ek­s­ta­se, die da­her rühr­te, „dass ich et­was Jun­ges be­rühr­te“.

Schat­ten­spie­le, pu­res Glück und das bö­se Er­wa­chen vor dem Trau­al­tar: Die Braut, „Gra­na­te“Num­mer fünf, ist „zum Schrei­en glück­lich“. Erst in der Kir­che er­kennt sie in ih­rem To­ni ei­nen „Topf­ku­chen“, und fin­det selbst den Pfar­rer se­xy­er als den Bräu­ti­gam. Ein­mal mehr schwankt die Sze­ne zwi­schen Tra­gik und Ko­mik. Mi­misch und stimm­lich un­glaub­lich ein­dring­lich bringt Rau­en die Ver­zweif­lung der jun­gen Frau auf die Büh­ne, die er­ken­nen muss: „Das Braut­kleid ist schuld.“

Die „Gra­na­ten“ste­hen bis zum 21. Ok­to­ber frei­tags bis sonn­tags auf dem Thea­ter­schiff an der Tie­fer auf der Büh­ne. Kar­ten kos­ten 28 Eu­ro.

FO­TO: THEA­TER­SCHIFF

Der selbst­zer­stö­re­ri­sche Drang nach Per­fek­tio­nis­mus treibt die Mut­ter (Li­sa-Ju­lie Rau­en) an den Rand des Wahn­sinns.

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