Das letz­te Spiel für „Mer­te“

Per Mer­te­sacker war auch bei Wer­der stets der et­was an­de­re Fuß­ball-Pro­fi – ein Por­trät

Delmenhorster Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Björn Knips

BRE­MEN Von 2006 bis 2011 war Per Mer­te­sacker ei­ner der prä­gen­den Spie­ler von Wer­der Bre­men. Kein Wun­der al­so, dass am Sams­tag vie­le Bre­mer Au­gen gen Han­no­ver ge­rich­tet sind.

Im Sta­di­on sei­nes Hei­mat­ver­eins ab­sol­viert der heu­te 34-Jäh­ri­ge sein Ab­schieds­spiel von der ak­ti­ven Kar­rie­re. Au­ßer für Han­no­ver 96 und Wer­der war Mer­te­sacker im Pro­fi­be­reich nur für Ar­senal Lon­don in En­g­land tä­tig. Dort hat er mitt­ler­wei­le die Ju­gend­aka­de­mie über­nom­men. Am Sams­tag geht es aber ein­mal noch auf den Ra­sen.

Er kam im blau­en Klein­wa­gen und hat­te es sehr ei­lig. Per Mer­te­sacker woll­te an die­sem 7. Sep­tem­ber 2011 nur schnell sei­nen Spind im We­ser­sta­di­on aus­räu­men und sich von den Kol­le­gen ver­ab­schie­den, ehe es von Bre­men zum FC Ar­senal nach Lon­don ging.

BRE­MEN/HAN­NO­VER Doch Cle­mens Fritz und Co. wa­ren gar nicht mehr da, hat­ten schon am Vor­mit­tag trai­niert. Da­für war­te­ten zahl­rei­che Fans und Me­di­en­ver­tre­ter, sie woll­ten „Mer­te“ver­ab­schie­den. Der zier­te sich erst ein we­nig, aber dann wur­de es ei­ne rich­tig herz­li­che An­ge­le­gen­heit. So war es bei Mer­te­sacker fast im­mer. Heu­te steigt in Han­no­ver sein Ab­schieds­spiel, sei­ne be­ein­dru­cken­de Kar­rie­re hat der 34-Jäh­ri­ge im Som­mer be­en­det.

„Tschüss, ihr Lie­ben!“, sag­te er da­mals in Bre­men nach zahl­rei­chen Au­to­gram­men, Fo­tos und In­ter­views. Dann fuhr er fort. Das Ka­pi­tel Wer­der war nach fünf Jah­ren ge­schlos­sen – zu ei­nem ei­gent­lich ziem­lich un­glück­li­chen Zeit­punkt. Mer­te­sacker hat­te erst we­ni­ge Wo­chen zu­vor das Ka­pi­tän­s­amt be­kom­men – als Nach­fol­ger von Tors­ten Frings, dem Wer­der kei­nen neu­en Ver­trag ge­ge­ben hat­te. Ganz über­ra­schend kam Mer­te­sackers Ab­schied al­ler­dings nicht. Schon ein Jahr zu­vor hät­te er zum FC Ar­senal wech­seln kön­nen, aber Wer­der bat ihn zu blei­ben. Der In­nen­ver­tei­di­ger gab, oh­ne zu mur­ren, nach. Loya­li­tät war ihm im­mer wich­tig ge­we­sen, Ver­trau­en auch. Wer­ders Zu­sa­ge, beim nächs­ten Mal ge­sprächs­be­reit zu sein, hat­te ein Jahr spä­ter tat­säch­lich Be­stand – so­gar ganz am En­de der Trans­fer­pe­ri­ode. Am 31. Au­gust wur­de der Wech­sel per­fekt ge­macht, die Bre­mer kas­sier­ten elf Mil­lio­nen Eu­ro. Das Geld wur­de nach Ver­pas­sen des in­ter­na­tio­na­len Ge­schäfts drin­gend be­nö­tigt.

2006 war das noch ganz an­ders ge­we­sen. Als Vi­ze­meis­ter und Dau­er­gast in der Cham­pi­ons Le­ague konn­te Wer­der ent­spannt auf Ein­kaufs­tour ge­hen. Die­ser Mer­te­sacker soll­te es un­be­dingt sein. „Wer in so jun­gen Jah­ren ein so star­kes WM-Tur­nier spielt, kann für uns von Be­ginn an ei­ne Ver­stär­kung sein. Er hat gro­ßes Po­ten­zi­al“, schwärm­te der da­ma­li­ge Coach Tho­mas Schaaf. Es gab nur zwei Pro­ble­me: Han­no­ver woll­te den 21Jäh­ri­gen nicht zie­hen las­sen, und Mer­te­sacker war nach ei­ner Fer­sen­ope­ra­ti­on di­rekt nach der WM im ei­ge­nen Land noch gar nicht fit. Die Ver­hand­lun­gen zo­gen sich hin und wur­den erst durch Frank Fah­ren­horst ge­löst. 96Coach Pe­ter Neur­u­rer woll­te den Ver­tei­di­ger un­be­dingt als Er­satz für Mer­te­sacker ha­ben. Nach lan­gem Zö­gern wil­lig­te Fah­ren­horst ein, was sei­ner Kar­rie­re letzt­lich nicht ge­ra­de för­der­lich war. Aber das ist ei­ne an­de­re Ge­schich­te.

Für Mer­te­sacker über­wies Wer­der fünf Mil­lio­nen Eu­ro an die Lei­ne, 1,5 Mil­lio­nen folg­ten spä­ter noch als Bo­nus­zah­lun­gen. Da Han­no­ver Fah­ren­horst um­sonst be­kam, wur­de Mer­te­sacker 2006 zum teu­ers­ten Ein­kauf der Bre­mer Ver­eins­ge­schich­te. In­zwi­schen ha­ben ihn längst an­de­re über­holt, zu­letzt Da­vy Klas­sen (13,5 Mil­lio­nen Eu­ro).

Nach sei­ner of­fi­zi­el­len Vor­stel­lung in Bre­men An­fang Au­gust reis­te Mer­te­sacker so­fort zu­rück nach Do­n­aus­t­auf, ei­nen Ort, an dem er noch häu­fi­ger mal sei­ne Re­ha ma­chen soll­te. Erst En­de Sep­tem­ber fei­er­te er sei­ne Wer­der-Pre­mie­re, das al­ler­dings stan­des­ge­mäß in der Cham­pi­ons Le­ague ge­gen den FC Bar­ce­lo­na (1:1). Der Lan­ge, wie der 1,98 Me­ter Hü­ne auch ger­ne ge­nannt wur­de, konn­te gleich über­zeu­gen. Dar­an soll­te sich fort­an kaum et­was än­dern. Ge­mein­sam mit Nal­do bil­de­te er na­tio­nal und in­ter­na­tio­nal ei­ne der stärks­ten In­nen­ver­tei­di­gun­gen.

Doch Mer­te­sacker war nicht nur sport­lich ein Ge­winn. Nur am An­fang sei der Neue noch et­was zu­rück­hal­tend ge­we­sen, er­in­nert sich Team­kol­le­ge und Freund Cle­mens Fritz: „Per hat­te aber den An­spruch, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und vor­an­zu­ge­hen. Und ge­nau das hat er ge­macht.“Mer­te­sacker wur­de schnell zum Füh­rungs­spie­ler, phi­lo­so­phier­te durch­aus mal in ab­so­lu­ter Nicht-Fuß­bal­ler-Spra­che vor den dann et­was ver­dutz­ten Me­di­en­ver­tre­tern – und sah sich ge­le­gent­lich auch als Leh­rer ei­ni­ger Wer­der-Fans ge­for­dert. Ein­mal die Wo­che nahm sich der Pro­fi ganz viel Zeit nach dem Trai­ning, schrieb dann stun­den­lang ge­dul­dig Au­to­gram­me. An­fäng­lich noch et­was zu­rück­hal­tend und den Blick zum Bo­den ge­senkt. Aber mit der Zeit un­ter­hielt er sich mit vie­len Fans, lach­te und flachs­te. Aber we­he, es mach­te ihn ei­ner von der Sei­te an: „Ey, Mer­te­sacker, Au­to­gramm!“Da gab es dann ei­nen kos­ten­lo­sen Ben­imm­kurs. „Du kannst Per, Mer­te oder Herr Mer­te­sacker zu mir sa­gen – und ei­ne Bit­te wä­re auch schön.“Die­se Lek­ti­on ver­ga­ßen die Au­to­gramm­jä­ger nie.

Per Mer­te­sacker war kein ge­wöhn­li­cher Pro­fi. Im No­vem­ber 2006 grün­de­te er ei­ne Stif­tung, die bis heu­te sei­nen Na­men trägt und sich für vie­le so­zia­le Pro­jek­te in sei­ner Hei­mat, dem Raum Han­no­ver, ein­setzt. Er schau­te im­mer auch über den Tel­ler­rand hin­aus, oh­ne ab­zu­he­ben oder sein Kern­ge­schäft zu ver­nach­läs­si­gen. Er ging auch mal mit den Kol­le­gen fei­ern – nicht oft, aber wenn dann rich­tig.

Mit Wer­der hol­te Mer­te­sacker 2009 den DFB-Po­kal, war nach der WM 2006 auch bei al­len wei­te­ren gro­ßen Tur­nie­ren der Na­tio­nal­mann­schaft da­bei – mit dem WM-Ti­tel 2014 als Krö­nung. Sein Ver­ein hieß da schon lan­ge FC Ar­senal, mit den Lon­do­nern ge­wann er drei­mal den FACup. Ein Jahr vor En­de sei­ner Kar­rie­re be­schrieb er ein­drucks­voll, wie sehr er un­ter dem Druck im Fuß­ball ge­lit­ten hat. Er mach­te das, oh­ne sich zu be­schwe­ren, es soll­te nur ein Hin­weis sein, ei­ne Er­klä­rung, ein Hof­fen auf ein biss­chen mehr Ver­ständ­nis für die Pro­fi-Fuß­bal­ler – und vor al­lem die, die es noch wer­den wol­len. De­nen wid­met sich der 34-Jäh­ri­ge nun als Lei­ter der Nach­wuchs­aka­de­mie des FC Ar­senal.

Viel­leicht wird er sei­nen Jungs auch sa­gen, dass die Grö­ße nur auf dem Platz ent­schei­dend ist. Mer­te­sacker je­den­falls wähl­te in sei­ner Bre­mer Zeit nicht wie sei­ne Kol­le­gen den größt­mög­li­chen Schlit­ten von Wer­ders Au­to­mo­bil­part­ner, son­dern zwäng­te sich mit sei­nen fast zwei Me­tern Tag für Tag in ei­nen viel zu klei­nen Golf. So wie auch an sei­nem letz­ten Wer­der-Tag, dem 7. Sep­tem­ber 2011.

Ab­schied: Per Mer­te­sacker be­en­det sei­ne Kar­rie­re.

FO­TO: WIT­TERS (VALERIAWITTERS/2, POOL, MARCATKINS, UWESPECK)

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