Das ABC des Fahr­rads

Fünf Ta­ge lang gibt sich Karls­ru­he bei den Hei­mat­ta­gen „Ganz schön Drais“

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Die Region - Zu­sam­men­ge­stellt von Wolf­gang We­ber

Awie akro­ba­ti­sches Ge­schick. Be­nö­tigt man heut­zu­ta­ge nicht mehr zwin­gend, wenn man ein Fahr­rad be­steigt. In der Epo­che des Hoch­rads um das Jahr 1870 war das noch an­ders: Wer da­mals sein Zwei­rad be­stei­gen woll­te, muss­te sehr wohl akro­ba­ti­sches Ge­schick be­wei­sen. Und dies nicht nur beim Auf- und Ab­stieg, son­dern auch bei Brems­ma­nö­vern.

Bwie Bo­nan­za­rad. Die­ses coo­le Ge­fährt mit dem Ba­na­nen­sat­tel und dem Hirsch­ge­weih-Len­ker woll­te da­mals, in den 70ern, je­der ha­ben. Und die Glück­li­chen, die ei­nes fah­ren durf­ten, ver­schö­ner­ten es meist noch durch Wim­pel, be­son­de­re Lam­pen, ei­nen Fuchs­schwanz oder – ganz ein­falls­reich – durch in die Spei­chen ge­steck­te Spiel­kar­ten.

Cwie Cri­ti­cal Mass (auf deutsch: Kri­ti­sche Mas­se). Die Be­we­gung wur­de am 25. Sep­tem­ber 1992 in San Fran­cis­co ge­bo­ren: Ein paar Dut­zend Rad­fah­rer fuh­ren klin­gelnd und hu­pend durch die Stra­ßen der Stadt. Heu­te ma­chen Rad­fah­rer in über 300 Städ­ten welt­weit am letz­ten Frei­tag im Mo­nat auf ih­re Be­dürf­nis­se auf­merk­sam – auch in Karls­ru­he.

Dwie Drais. Karl Fried­rich Chris­ti­an Lud­wig Frei­herr Drais von Sau­er­bronn, 1785 in Karls­ru­he ge­bo­ren, war nicht nur Forst­be­am­ter, son­dern auch Er­fin­der. Weil er 1817 ei­ne Lauf­ma­schi­ne er­fand, dür­fen wir heu­te, 200 Jah­re spä­ter, das Ju­bi­lä­um „200 Jah­re Fahr­rad“fei­ern. Nach Drais be­nannt ist die Drai­si­ne (oder Lauf­ma­schi­ne), ein von Men­schen­kraft be­trie­be­nes Fahr­zeug oh­ne Pe­da­le, das als Ur­form des heu­ti­gen Fahr­rads gilt. So­eben ist im In­foVer­lag ein schö­nes Buch von Chris­ti­ne Beil er­schie­nen. „Karl von Drais“wid­met sich auf 112 Sei­ten dem Le­ben des Frei­herrn.

Ewie E-Bike. Wer ein­mal von ei­ner lä­cheln­den und wie­sel­flin­ken Oma beim Berg­auf-Ra­deln über­holt wur­de, der weiß, wie an­ge­nehm ein E-Bike sein kann. An­fangs tat­säch­lich noch als „Rent­ner­rad“be­lä­chelt, hat sich das Fahr­rad mit Elek­tro­mo­tor längst zu ei­nem Zwei­rad für Al­le ent­wi­ckelt. Vie­le Ex­per­ten glau­ben so­gar, dass es in ein paar Jah­ren völ­lig nor­mal und selbst­ver­ständ­lich sein wird, ein E-Bike zu be­sit­zen.

Fwie Fahr­rad. Wird, wie be­reits er­wähnt, 200 Jah­re alt. Das Be­son­de­re am Fahr­rad sind sei­ne zwei Rä­der. Im Eng­li­schen heißt es des­halb „bi­cy­cle“, al­so Zwei­rad. Die Er­fin­dung des Fahr­rads er­mög­lich­te es den Men­schen, sich je­der­zeit aus ei­ge­ner Kraft in schnel­lem Tem­po fort­zu­be­we­gen. Für län­ge­re Stre­cken brauch­te man frü­her Kut­schen oder zu­min­dest ein Pferd oder ei­nen Esel. Ei­ner der Vor­tei­le des Fahr­rads: Es muss­te nicht ge­füt­tert wer­den.

Gwie Gleich­be­rech­ti­gung. En­de des 19. Jahr­hun­derts ent­stan­den über­all in Eu­ro­pa Fahr­rad­clubs. Wer Mit­glied wer­den woll­te, muss­te die Kos­ten für Rad und die Uni­form auf­brin­gen und ei­nen Mit­glied­bei­trag be­zah­len. Zu­dem brauch­te man ei­ne per­sön­li­che Emp­feh­lung. Frau­en wur­den nicht auf­ge­nom­men. Fahr­rad­clubs wa­ren rei­ne Her­ren­clubs.

Hwie Hoch­rad. Das Hoch­rad ist ein Fahr­rad, das sich durch ei­ne be­son­de­re Hö­he des Vor­der­ra­des aus­zeich­net. Es wur­de in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts aus der kurz vor­her ent­bei­spiels­wei­se stan­de­nen Drai­si­ne (sie­he „D“) mit Pe­dalan­trieb des Vor­der­ra­des ent­wi­ckelt. Das Hoch­rad über­zeug­te vor al­lem durch Schnel­lig­keit. Und es er­for­der­te sport­li­ches Ge­schick beim Auf- und Ab­stei­gen. Heu­te ist der Durch­mes­ser ei­nes 28-Zoll-Ra­des (üb­li­che Grö­ße ei­nes Er­wach­se­nen-Rads) nicht grö­ßer als 73 Zen­ti­me­ter, wäh­rend er beim Hoch­rad über 150 Zen­ti­me­ter be­trug.

Iwie In­dex­schal­tung. So be­zeich­net man Schal­tun­gen, bei de­nen der Schalt­he­bel beim Gang­wech­sel ein­ras­tet. So kön­nen prä­zi­se die ver­schie­de­nen Gän­ge ein­ge­legt wer­den. Sie ist ne­ben der Rei­bungs­schal­tung (hier wer­den die Gän­ge stu­fen­los durch Ab­schät­zung ein­ge­stellt) die Stan­dard­schal­tung bei Fahr­rä­dern.

Jwie Ju­bi­lä­um. Wird in Karls­ru­he ge­fei­ert. Un­ter dem Mot­to „Ganz schön Drais“geht es vom 24. bis 28. Mai beim Schloss und im Al­ten Schlacht­hof hoch her. Tipps: An­kunft von Lauf­ma­schi­nen aus Nan­cy vor dem Schloss (Mitt­woch, 18 Uhr), Pro­be­fah­ren von Lauf­ma­schi­nen (Don­ners­tag, 14 Uhr, Schloss), Hoch­rad-Bal­lett (Don­ners­tag, 18.30 Uhr, und Frei­tag, 10.45 Uhr, Schloss).

Kwie Ka­ta­log. Er hat 322 Sei­ten, ist schwer wie ein Zie­gel­stein und lässt wirk­lich kaum noch ei­ne Fra­ge of­fen: Der reich be­bil­der­te Ka­ta­log „2 Rä­der – 200 Jah­re“, der an­läss­lich der gleich­na­mi­gen Lan­des­aus­stel­lung im Mann­hei­mer Tech­no­se­um beim Theiss-Ver­lag er­schie­nen ist. Es geht um die Phy­sik des Rad­fah­rens, um ak­tu­el­le Trends, aber auch um die so­zi­al­ge­schicht­li­che Be­deu­tung. Wer die Aus­stel­lung bis­lang nicht se­hen konn­te, soll­te sich spu­ten: Sie läuft nur noch bis zum 25. Ju­ni.

Lwie Las­ten­rad. Vom Groß­ein­kauf in­klu­si­ve Ge­trän­ke­kis­ten über den Trans­port von Kin­dern oder mit­tel­gro­ßen Haus­tie­ren bis hin zur Nut­zung als Fir­men­fahr­zeug ist mit die­sem Ve­hi­kel fast al­les mög­lich. Prak­tisch ist es al­so, aber ei­ne Au­gen­wei­de ist es nicht ge­ra­de. Und wer das Pech hat, in der Stadt mit dem Au­to hin­ter ei­nem Las­ten­rad her­fah­ren zu müs­sen, der soll­te sehr, sehr viel Ge­duld mit­brin­gen.

Mwie Mi­che­lin-Brü­der. An­dré und Édouard Mi­che­lin er­fan­den 1891 den aus­wech­sel­ba­ren Luftrei­fen. 1895 kam ih­nen dann noch die Idee für den Au­to-Luftrei­fen. Der Luftrei­fen selbst wur­de al­ler­dings nicht von den Fran­zo­sen, son­dern be­reits 1888 von dem schot­ti­schen Tierarzt John Boyd Dun­lop er­fun­den – an­geb­lich, weil das Drei­rad sei­nes Soh­nes ei­nen Rie­sen­lärm mach­te, der ihn stör­te.

Nwie Na­be. Um sie dreht sich al­les beim Fahr­rad. Es gibt die Vor­der­rad­na­be und die Hin­ter­rad­na­be. Die Vor­der­rad­na­be kann zu­sätz­lich noch mit ei­nem Na­ben­dy­na­mo und ei­ner Na­ben­brem­se aus­ge­stat­tet sein, die hin­te­re Na­ben­brem­se wird auch als Rück­tritt­brem­se ge­nutzt. Es gibt auch noch die Na­ben­schal­tungs­na­be, die Ket­ten­schal­tungs­na­be, die Schraub­kranz­na­be und die Kas­set­ten­n­a­be. Und ver­mut­lich noch ein paar wei­te­re Na­ben mehr.

Owie Olym­pi­sche Spie­le. Schon bei den ers­ten Olym­pi­schen Spie­len 1896 in At­hen wur­den sechs Wett­be­wer­be im Rad­sport aus­ge­tra­gen. Es gab fol­gen­de Dis­zi­pli­nen: 333,33-Me­ter-Zeit­fah­ren, Ren­nen über zwei, zehn und 100 Ki­lo­me­ter, ein Zwölf-St­un­den-Ren­nen (al­le im Ve­lo­drom Neo Fa­li­ro) und ein Stra­ßen­ren­nen über 87 Ki­lo­me­ter, aus­ge­tra­gen auf der Stre­cke At­hen–Ma­ra­thon und zu­rück. Der Sie­ger Aris­ti­dis Kon­stan­ti­ni­dis war nach drei St­un­den und 22 Mi­nu­ten im Ziel. Das ent­spricht ei­nem Schnitt von 25 St­un­den­ki­lo­me­tern – und dies, ob­wohl er sich nach ei­ner Pan­ne das Fahr­rad ei­nes Zu­schau­ers aus­lieh und mit die­sem ins Ziel fuhr.

Pwie Pe­dal. Vor ge­nau 150 Jah­ren, im Mai 1867, wur­de in ei­ner fran­zö­si­schen Zei­tung für ein neu­ar­ti­ges Fahr­rad ge­wor­ben. Der Schmie­de­meis­ter Pier­re Michaux hat­te die An­zei­ge auf­ge­ge­ben. Das Auf­fäl­ligs­te an sei­nem Rad wa­ren die am Vor­der­rad be­fes­tig­ten Pe­da­le. Trat man in sie, setz­te sich das Fahr­rad in Be­we­gung. Das war toll, denn nun muss­te man sich nicht mehr mit den Fü­ßen vom Bo­den ab­sto­ßen.

Qwie Quer­feld­ein. 1976 fand in Ka­li­for­ni­en das ers­te Moun­tain­bike-Ren­nen statt. Ge­star­tet wur­de auf ei­nem Berg­gip­fel, von dort ging es über en­ge Schluch­ten hin­un­ter ins Tal. Die Fahr­rad­her­stel­ler ent­wi­ckel­ten dar­auf­hin ein Fahr­rad, das sich für un­weg­sa­mes Ge­län­de pri­ma eig­ne­te: das Moun­tain­bike.

Rwie Rad­weg. Der ers­te wur­de 1895 im New Yor­ker Stadt­teil Brook­lyn für den Zwei­rad­ver­kehr frei­ge­ge­ben. Das gol­de­ne Zeit­al­ter des Fahr­rads war da­mit end­gül­tig an­ge­bro­chen.

Swie Stahl­ross. An die­ser Be­zeich­nung oder auch am eben­falls gern be­nutz­ten Wort „Draht­esel“er­kennt man, dass das Fahr­rad in vie­len Be­rei­chen Reit­tie­re ab­ge­löst hat. Brief­trä­ger wa­ren in Deutsch­land erst­mals 1896 mit dem Fahr­rad im Ein­satz.

Twie Tour de Fran­ce. Das be­rühm­tes­te Rad­ren­nen der Welt wird seit 1903 all­jähr­lich im Ju­li aus­ge­tra­gen. Nur wäh­rend der bei­den Welt­krie­ge gab’s kei­ne Tour. Ein­zel­ne Etap­pen wer­den im­mer häu­fi­ger ins Aus­land ver­legt. Auch in Karls­ru­he mach­te die Tour bis­her zwei­mal Sta­ti­on: 1987 und 2005.

Uwie Un­ter­satz, fahr­ba­rer. Die meis­ten Kin­der be­kom­men als ers­tes Fort­be­we­gungs­mit­tel ein Lauf­rad oder ein Drei­rad, auf das meist ein Rol­ler und dann – end­lich – das ers­te Fahr­rad fol­gen. Die ers­te er­folg­rei­che Fahrt mit dem Zwei­rad ist für vie­le Men­schen ei­ne be­son­de­re Er­in­ne­rung. Oft war es so, dass der Pa­pa die Hand am Ge­päck­trä­ger hat­te und plötz­lich ein­fach ste­hen blieb. Und schon fuhr man al­lei­ne: Was für ein Hoch­ge­fühl!

Vwie Ve­lo­zi­ped. So wur­de das Fahr­rad zu Zei­ten von Drais (sie­he „D“) ge­nannt. Das Wort kommt aus dem La­tei­ni­schen und ist ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus ve­lox (schnell) und pes (Fuß). In Frank­reich heißt das Fahr­rad noch heu­te „ve­lo“, die Ab­kür­zung des fran­zö­si­schen Worts vè­lo­cipè­de. In Po­len wird das Fahr­rad als „we­lo­cy­ped“be­zeich­net und in Ame­ri­ka ist mit „ve­lo­ci­pe­de“ein Kin­der­drei­rad ge­meint.

Wwie Weltent­de­cker. Ei­ner der be­kann­tes­ten deut­schen Ra­drei­sen­den war der Saar­län­der Heinz Helf­gen, der zwi­schen 1951 und 1953 die Welt auf sei­nem Fahr­rad um­run­de­te. Sein zwei­bän­di­ger, span­nen­der Rei­se­be­richt „Ich rad­le um die Welt“wur­de zu ei­nem rie­si­gen Ver­kaufs­er­folg. Helf­gen wur­de manch­mal „der mo­der­ne Karl May“ge­nannt – mit dem Un­ter­schied, dass er im Ge­gen­satz zu Karl May sei­ne Aben­teu­er tat­säch­lich selbst er­lebt hat!

Xwie X-Bei­ne. Wer wel­che hat, kann na­tür­lich trotz­dem Rad­fah­ren. Es gibt so­gar Schlau­mei­er, die ernst­haft der Mei­nung sind, dass man durchs Rad­fah­ren sei­ne X-Bei­ne „weg­trai­nie­ren“kann. Dies ist aber nur ein Ge­rücht. Im Ein­zel­fall bit­te im­mer vor­her ei­nen Or­tho­pä­den kon­sul­tie­ren.

Ywie Y-Rah­men. Sieht an­ders aus als der klas­si­sche „Dia­mant­rah­men“(bei Her­ren­rä­dern) oder der „Schwa­nen­hals­rah­men“(bei Da­men­rä­dern). Den Rah­men, der ei­nem Y äh­nelt, sieht man vor al­lem bei voll­ge­fe­der­ten Fahr­rä­dern.

Zwie Zwei­hun­dert Jah­re. Die „Jung­fern­fahrt“von Karl von Drais er­folg­te am 12. Ju­ni 1817 in Mann­heim. Nach– dem Drais lan­ge ge­tüf­telt hat­te, wag­te er an je­nem Tag ei­ne Tour von sei­nem Wohn­haus in den Mann­hei­mer Qua­dra­ten zum et­wa sie­ben Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Sch­wet­zin­ger Re­lais­haus (heu­te Mann­heim-Rhein­au). Für sei­ne Fahrt (hin und zu­rück) be­nö­tig­te er ei­ne knap­pe St­un­de, was ei­ner Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von et­wa 15 St­un­den­ki­lo­me­tern ent­spricht. Ei­ne stol­ze Leis­tung, denn im­mer­hin wog sein sper­ri­ges Lauf­rad nicht we­ni­ger als 22 Ki­lo­gramm.

„Ganz schön Drais“geht’s in der kom­men­den Wo­che in Karls­ru­he zu, wenn der 200. Ge­burts­tag des Fahr­rads ge­fei­ert wird (hier ei­ne vor dem Schloss auf­ge­nom­me­ne 360-Grad-Fo­to­gra­fie). Das ge­sam­te Pro­gramm fin­det sich im In­ter­net auf www.ganz­scho­en­d­rais.de. Fo­to: Ar­tis

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