War­ten auf „Ir­ma“

Mil­lio­nen Men­schen in Flo­ri­da sind auf der Flucht

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Aktuell - Avs Wolf­gang We­ber

Im US-Bun­des­staat Flo­ri­da ha­ben sich die Men­schen auf ei­ne bei­spiel­lo­se Zer­stö­rung durch den Hur­ri­kan „Ir­ma“vor­be­rei­tet. Der Sturm ver­lor bei sei­nem Zug über den Nor­den Ku­bas zwar et­was an Kraft, blieb aber ex­trem ge­fähr­lich. Der US-Wet­ter­dienst warn­te vor sint­flut­ar­ti­gen Re­gen­fäl­len, Sturz­flu­ten und Tor­na­dos. Flo­ri­das Gou­ver­neur Rick Scott er­klär­te, „Ir­ma“sei grö­ßer als der Bun­des­staat. „Das ist ein töd­li­cher Sturm.“Nach den Vor­her­sa­gen könn­te das Zen­trum von „Ir­ma“am frü­hen Sonn­tag­mor­gen Orts­zeit (Sonn­tag­mit­tag MESZ) auf der In­sel­grup­pe der Flo­ri­da Keys an Land tref­fen, be­vor er wei­ter in Rich­tung des Fest­lan­des zieht (Flo­ri­da liegt in ei­ner Zeit­zo­ne sechs St­un­den hin­ter Deutsch­land). Den jüngs­ten Pro­gno­sen zu­fol­ge könn­te der Sturm dann nach Nord­wes­ten ab­schwen­ken, an der West­küs­te ent­lang­zie­hen und da­mit die Me­tro­pol­re­gi­on Mia­mi vom Schlimms­ten ver­scho­nen. Al­ler­dings galt auch dort kei­ne Ent­war­nung. Me­teo­ro­lo­gen rech­ne­ten mit or­kan­ar­ti­gen Bö­en und Sturm­flu­ten. Auf bei­den Sei­ten der Halb­in­sel Flo­ri­da be­rei­te­ten sich die Men­schen auf ein Ka­ta­stro­phen­sze­na­rio vor. Mehr als 5,6 Mil­lio­nen Men­schen – et­wa ein Vier­tel der Be­völ­ke­rung – wur­den von den Be­hör­den auf­ge­for­dert, sich in Si­cher­heit zu brin­gen. In der Nacht zu Sams­tag war das Zen­trum von „Ir­ma“auf das Ca­ma­güey-Ar­chi­pel an der Nord­küs­te Ku­bas ge­trof­fen. Da­bei leg­te der Hur­ri­kan noch ein­mal an Stär­ke zu und wur­de vom Warn­zen­trum vor­über­ge­hend auf die höchs­te Ka­te­go­rie 5 hin­auf­ge­stuft. Da­nach zog „Ir­ma“als Sturm der Ka­te­go­rie 4 an Ku­ba ent­lang. Auf Fern­seh­bil­dern wa­ren ho­he Wel­len, star­ke Re­gen­güs­se, um­ge­stürz­te Bäu­me und be­schä­dig­te Ge­bäu­de zu se­hen. Die Par­tei­zei­tung „Gr­an­ma“be­rich­te­te von Über­schwem­mun­gen und Sach­schä­den. Mel­dun­gen über To­te la­gen nicht vor. Zehn­tau­sen­de Men­schen wur­den in Si­cher­heit ge­bracht. Am Sams­tag­mor­gen (Orts­zeit) ver­lor der Sturm et­was an Kraft. Das US-Hur­ri­kanZen­trum warn­te aber da­vor, dass der Hur­ri­kan vor sei­nem Ein­tref­fen auf der In­sel­grup­pe der Flo­ri­da Keys wie­der an Stär­ke ge­win­nen könn­te. Auf den In­seln ap­pel­lier­ten die Be­hör­den ein­dring­lich an die ver­blie­be­nen Men­schen, die Ge­gend zu ver­las­sen. Nach den Vor­her­sa­gen könn­te das Zen­trum von „Ir­ma“dort mit Wind­stär­ken von bis zu 250 Ki­lo­me­tern pro St­un­de an Land tref­fen. „Noch gibt es ein klei­nes Fens­ter, um her­aus­zu­kom­men, aber es schließt sich schnell“, er­klär­te der Kri­sen­ma­na­ger von Mon­roe Coun­ty, Mar­tin Sen­ter­fitt, am Sams­tag in ei­nem Face­book-Auf­ruf. Nach An­ga­ben des Be­zirks wur­den al­le Kran­ken­häu­ser und Not­auf­nah­men auf der In­sel­grup­pe ge­schlos­sen. Not­un­ter­künf­te gibt es auf den In­seln nicht. Die Be­hör­den rich­te­ten aber vor­über­ge­hen­de Zuflucht­stät­ten ein. Auf der In­sel­grup­pe le­ben rund 70 000 Men­schen. „Das ist der gro­ße Hur­ri­kan, vor dem wir uns al­le auf den Flo­ri­da Keys ge­fürch­tet ha­ben“, sag­te Be­zirks­ver­wal­ter Ro­man Gas­te­si. Gou­ver­neur Scott mo­bi­li­sier­te 7 000 Mit­glie­der der Na­tio­nal­gar­de. Die Ret­tungs­kräf­te sei­en in Alarm­be­reit­schaft, sag­te er. Er schätz­te aber, dass in Not­un­ter­künf­ten rund 1000 Kran­ken­schwes­tern und Pfle­ger ge­braucht wür­den. Er rief Frei­wil­li­ge auf, sich zu mel­den. Für die ge­sam­te Süd­küs­te Flo­ri­das, vom At­lan­tik bis in den Golf von Me­xi­ko, galt ei­ne War­nung vor bis zu drei Me­ter ho­hen Wel­len. Im Os­ten er­streck­te sich die Ge­fah­ren­zo­ne bis fast nach Mel­bourne, im Wes­ten bis nach Tam­pa. Auch in den be­nach­bar­ten Bun­des­staa­ten wur­de der Not­stand aus­ge­ru­fen. An Kat­zen und Hun­de wer­den sie wohl nie­mals her­an­rei­chen, aber viel­leicht sind Fi­sche doch ir­gend­wann zu­min­dest das dritt­liebs­te Haus­tier der Deut­schen. An­geb­lich kön­nen sie ja so­gar ihr Frau­chen (oder Herr­chen) am Ge­sicht er­ken­nen. Bis sie ih­ren Be­sit­zer freu­de­strah­lend an der Haus­tür ab­ho­len, wird aber wohl noch ei­ni­ge Zeit ins Land ge­hen. Sehr be­liebt sind Fi­sche üb­ri­gens auch in En­g­land, was wo­mög­lich mit der In­sel­la­ge des Kö­nig­reichs zu­sam­men­hängt (viel­leicht aber auch nicht). Ein En­g­län­der je­den­falls hat un­längst sei­nen un­ter Ver­stop­fung lei­den­den Gold­fisch für um­ge­rech­net 380 Eu­ro ope­rie­ren las­sen. Die Tier­ärz­tin ha­be fast ei­ne St­un­de für den Ein­griff be­nö­tigt, be­rich­te­ten bri­ti­sche Me­di­en. Zwei Tier­arzt­hel­fe­rin­nen sei­en ihr da­bei zur Hand ge­gan­gen. Zur Be­täu­bung des sie­ben Zen­ti­me­ter lan­gen Fi­sches sei­en Anäs­the­sie-Ga­se in das Was­ser ge­lei­tet wor­den. „Letzt­lich sind es al­les Haus­tie­re und je­der fühlt sich für sei­ne Liebs­ten ver­ant­wort­lich“, sag­te die Ärz­tin im ost­eng­li­schen Ort North Wals­ham der BBC. Doch auch Klein­kin­der schei­nen schon ih­ren Ge­fal­len an Fi­schen ge­fun­den zu ha­ben, wie wir vor we­ni­gen Ta­gen ei­ner Po­li­zei­mel­dung ent­neh­men durf­ten.

„Gold­fisch to go“

Dem­nach war ei­ne Drei­jäh­ri­ge im nie­der­säch­si­schen Ve­chel­de in ei­nen Bus ins et­wa zehn Ki­lo­me­ter ent­fern­te Braun­schweig ge­stie­gen, um dort, wie sie zu­gab, „Fisch zu kau­fen“. Ob sie nun eher an Fisch­stäb­chen oder an ei­nen le­ben­di­gen Gold­fi­sche ge­dacht hat­te, wur­de lei­der nicht über­mit­telt. Der auf­merk­sa­me Bus­fah­rer han­del­te üb­ri­gens um­sich­tig und ver­stän­dig­te die Po­li­zei, noch be­vor es zum Fisch-Shop­ping kam. Ein Nach­teil, wenn man ei­nen Fisch als Haus­tier hält, ist die Tat­sa­che, dass man ihn nicht – wie et­wa ei­nen Hund – mit in den Ur­laub neh­men kann. Aus die­sem Grund kam ein pfif­fi­ger Ho­tel­be­sit­zer in Bel­gi­en auf die Idee, Gold­fi­sche an ein­sa­me Gäs­te zu ver­mie­ten. „Ne­mo“„Hei­ne­ken“und „Prinz Charles“kön­nen für je­weils 3,50 Eu­ro die Nacht ge­mie­tet wer­den. In den so­zia­len Me­di­en wa­ren die Fi­sche in­ner­halb kür­zes­ter Zeit der Knül­ler. Neu­lich hat­te sich ein klei­nes Mäd­chen aus Hol­land in ei­nen der put­zi­gen Fi­sche ver­liebt und nahm ihn – mit­samt Fisch­glas – nach dem Ho­tel­auf­ent­halt ein­fach mit. Der Va­ter ent­deck­te das Tier we­nig spä­ter und rief im Ho­tel an. Doch dort ließ man Mil­de wal­ten: Der Fisch darf jetzt für im­mer bei dem Mäd­chen blei­ben.

Die Ru­he vor dem ganz gro­ßen Sturm: Mia­mi (Fo­to) und an­de­re zu gro­ßen Tei­len eva­ku­ier­te Städ­te in Flo­ri­da be­rei­ten sich auf „Ir­ma“vor. Die Na­tio­nal­gar­de steht be­reit, Ret­tungs­kräf­te hal­ten sich in Alarm­be­reit­schaft. Der Sturm gilt als ex­trem ge­fähr­lich. Fo­to: AFP

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