„Mensch Lu­ther“

Zei­t­rei­se in der Mat­thä­us­kir­che Karls­ru­he

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Die Region - Bo „Mensch Lu­ther“: bis 19. No­vem­ber in der Mat­thä­us­kir­che, Vor­holz­stra­ße 49 in Karls­ru­he. Ein­tritt: 7,50 Eu­ro, Kin­der und Ju­gend­li­che vier Eu­ro. Be­such im Rah­men von Füh­run­gen und nur mit An­mel­dung un­ter Te­le­fon (0721) 91 7 53 94 oder auf www.mensch-luth

Ei­ne Zei­t­rei­se mit­ten ins Re­for­ma­ti­ons­ge­sche­hen – ab heu­te ist das in der Mat­thä­us­kir­che in Karls­ru­he mög­lich. „Mensch Lu­ther“heißt die Sin­nen­aus­stel­lung, die An­net­te und Lutz Barth im Auf­trag der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che kon­zi­piert ha­ben. Ein Knecht oder ei­ne Magd Lu­thers füh­ren die Be­su­cher in Grup­pen durch zen­tra­le Er­eig­nis­se, wie sie vor 500 Jah­ren statt­ge­fun­den ha­ben (könn­ten). Der Re­for­ma­ti­ons­zeit nach­emp­fun­de­ne Ku­lis­sen, Hör­sze­nen und in­ter­ak­ti­ve Ele­men­te spre­chen al­le Sin­ne an. Der In­nen­raum der Kir­che wur­de für die Ins­ze­nie­rung um­ge­baut. Ge­plant sind 600 Füh­run­gen für je­weils 25 Be­su­cher. Die Aus­stel­lung war be­reits in der Pforz­hei­mer Schloss­kir­che zu se­hen. Dort ha­ben sich mehr als 5 000 Frau­en, Män­ner und Kin­der auf die Zei­t­rei­se be­ge­ben. Manch­mal lie­gen die Din­ge ganz nah bei­ein­an­der. So ge­ra­de auch für mich auf ei­ner Fa­mi­li­en­fei­er, ei­ner Hoch­zeit am letz­ten Wo­che­n­en­de. Ei­ner der be­rüh­rends­ten Mo­men­te wäh­rend des Got­tes­diens­tes war ein kur­zes von der Braut­mut­ter vor­ge­tra­ge­nes Ge­den­ken an die Ver­stor­be­nen. Ihr Mann ge­hört da­zu. Und wie man­che erst jetzt rea­li­sier­ten, war es ein On­kel, der die Braut zum Al­tar ge­führt und sehr herz­lich über­ge­ben hat­te. Die Mut­ter war so klar und ge­fasst, und doch er­reich­ten zwi­schen den Zei­len gleich­zei­ti­ge Freu­de und Trau­er wie ein klei­ner Sturm die Her­zen von so ziem­lich al­len An­we­sen­den. Der Va­ter des Bräu­ti­gams hat­te vor ei­nem Jahr ei­nen Schlag­an­fall und zieht im­mer noch ein Bein nach. Er ist Afri­ka­ner, ein klu­ger Kopf und In­for­ma­ti­ker, aber seit Stu­di­en­zei­ten nur mit Zeit­ver­trä­gen im Bil­dungs­sek­tor tä­tig. Die Re­ha hat er da­her aus­ge­schla­gen, aus Exis­tenz­angst. Er ließ es sich trotz­dem nicht neh­men, ein Tänz­chen mit sei­ner Schwie­ger­toch­ter aufs Par­kett zu le­gen. Und sie, das Mäd­chen aus der ge­ho­be­nen Ge­sell­schaft, lässt durch ih­re zar­ten Ges­ten die­sen Mann und die­se Si­tua­ti­on rich­tig strah­lend aus­se­hen. Dem jün­ge­ren Bru­der des Bräu­ti­gams ist sei­ne Ver­lo­ren­heit an­zu­se­hen, je öf­ter er zur Bar um­so mehr. Al­le wis­sen, wie sehr sein Bru­der für ihn der bes­te Freund ist. Gleich­zei­tig hält der Trau­zeu­ge, eben­falls aus der schwar­zen Com­mu­ni­ty, ei­ne tol­le Re­de auf die Braut und das Paar, die er ab­schließt mit der Ver­si­che­rung, dass er im­mer ihr Bru­der blei­ben wird. Es war ein sehr zwang­lo­ses Fest, mit viel aus­ge­las­se­nem Tanz und Zeit für Ge­sprä­che. Kin­der, die drau­ßen Fuß­ball spiel­ten. Fast al­le tanz­ten mit und blie­ben bis weit nach Mit­ter­nacht. Ich kann nach­träg­lich ein­fach nur stau­nen und füh­le mich dank­bar, wie gut es tut, ge­ra­de wenn al­les so nah bei­ein­an­der ist, Arm und Reich, Tod und Le­ben, Ein­sam­kei­ten und Zu­ver­sicht. Der of­fe­ne Um­gang da­mit war ent­schei­dend, das Da­blei­ben statt Weg­tau­chen je­des ein­zel­nen, der mit dem Schick­sal kämpft, und die Ach­tung und Herz­lich­keit der­je­ni­gen, die ge­ra­de vom Glück er­füllt sind.

Bei der von Lutz und An­net­te Barth kon­zi­pier­ten Sin­nen­aus­stel­lung in Karls­ru­he tau­chen die Be­su­cher ein in die Ge­scheh­nis­se vor 500 Jah­ren. Fo­to: pr

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