Nach­den­ken über das „Al­ler­ers­te“

„Ur­sprün­ge“: Auf Schloss Ho­hent­ü­bin­gen geht es um Mei­len­stei­ne der Mensch­heits­ge­schich­te

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Freizeit & Ausflüge - Die Aus­stel­lung „Ur­sprün­ge. Schrit­te der Mensch­heit“ist bis 3. De­zem­ber zu se­hen im Mu­se­um Al­te Kul­tu­ren auf Schloss Ho­hent­ü­bin­gen, Burg­stei­ge 11 in Tü­bin­gen. Ge­öff­net Mitt­woch bis Sonn­tag 10 bis 17 Uhr, Don­ners­tag 10 bis 19 Uhr. Der Ein­tritt kos­tet fünf

Als die Unesco vor ei­ni­gen Wo­chen sechs Höh­len der Schwä­bi­schen Alb und die dort ge­fun­de­ne Eis­zeit­kunst zum Welt­kul­tur­er­be er­klär­te, rück­te auch das Mu­se­um der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen (MUT) in den Fo­kus der in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit. Denn Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen ha­ben in den Höh­len im Ach- und Lo­ne­tal seit An­fang des 20. Jahr­hun­derts die äl­tes­ten Be­le­ge für fi­gür­li­che Kunst, Mu­sik und GlauAn­schlie­ßend bens­vor­stel­lun­gen des Men­schen ge­bor­gen und er­forscht. Die vor rund 40000 Jah­ren her­ge­stell­ten Tier­fi­gu­ren und Schmuck­stü­cke aus Mam­mut-El­fen­bein und Kno­chen, die „Ve­nus vom Hoh­le Fels“und Kno­chen-Flö­ten zäh­len zu den äl­tes­ten Zeug­nis­sen der Mensch­heits­ge­schich­te. Und: Die meis­ten Ori­gi­nal­fund­stü­cke aus den Eis­zeit­höh­len sind im Mu­se­um Al­te Kul­tu­ren auf Schloss Ho­hent­ü­bin­gen zu se­hen. Dort wird der­zeit – und noch bis 3. De­zem­ber – zu­dem die Aus­stel­lung „Ur­sprün­ge. Schrit­te der Mensch­heit“ge­zeigt. An­läss­lich des 20jäh­ri­gen Be­ste­hens des Mu­se­ums „Al­te Kul­tu­ren“auf Schloss Ho­hent­ü­bin­gen set­zen die Ver­ant­wort­li­chen des MUT gro­ße Schrit­te in der kul­tu­rel­len Ent­wick­lung des Men­schen in Sze­ne. Die Aus­stel­lung schlägt ei­nen Bo­gen von der Ent­wick­lung des auf­rech­ten Gangs vor 3,6 Mil­lio­nen Jah­ren bis hin zu di­gi­ta­len In­no­va­tio­nen un­se­rer Zeit. „In der Aus­stel­lung spü­ren wir Mei­len­stei­nen in der mensch­li­chen Ent­wick­lung nach“, er­läu­tert Ku­ra­tor Frank Du­err. „Da­für ha­ben wir ak­tu­el­le For­schung und Ex­po­na­te aus vie­len ver­schie­de­nen wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen ein­be­zo­gen. Wir möch­ten un­se­ren Be­su­chern die Mög­lich­keit ge­ben, über An­fän­ge, Wur­zeln oder das ,Al­ler­ers­te‘ nach­zu­den­ken und zu dis­ku­tie­ren.“So be­ginnt der Gang durch die Aus­stel­lung denn auch mit ei­nem Pro­log über den Ur­sprung von Ma­te­rie und Le­ben. Hier wird et­wa ein Me­teo­rit ge­zeigt, in dem Wis­sen­schaft­ler das ers­te Mal au­ßer­ir­di­sche Ami­no­säu­ren, Baustei­ne des Le­bens, nach­ge­wie­sen ha­ben. Die mensch­li­chen „Ur­sprün­ge“be­gin­nen im MUT dann vor et­wa 3,6 Mil­lio­nen Jah­ren mit dem auf­rech­ten Gang und ei­nem in der Öf­fent­lich­keit noch nie ge­zeig­ten Ober­kie­fer­frag­ment des Vor­men­schen „Aus­tra­lo­pi­the­cus afa­ren­sis (Ga­rusi)“. Der Tü­bin­ger For­scher Lud­wig Kohl-Lar­sen hat­te das Frag­ment mit zwei Vor­der­ba­cken­zäh­nen 1939 wäh­rend ei­ner Ex­pe­di­ti­on im bri­ti­schen Tan­gan­ji­ka im heu­ti­gen Tan­sa­nia am Ga­rusiFluss ent­deckt. Es ist das ers­te auf­ge­fun­de­ne Kno­chen­stück ei­nes Aus­tra­lo­pi­the­cus afa­ren­sis und das äl­tes­te von Men­schen stam­men­de Ob­jekt der Aus­stel­lung. führt die Aus­stel­lung durch die An­fän­ge von Kunst, Re­li­gi­on und Mu­sik. Ge­zeigt wird un­ter an­de­rem ei­ne 40 000 Jah­re al­te Vo­gel­kno­chen­flö­te, die aus der zum Unesco-Welt­er­be zäh­len­den Vo­gel­herd-Höh­le stammt. Das nur 42 Mil­li­me­ter lan­ge Flö­ten­frag­ment gilt als ei­nes der äl­tes­ten von Men­schen her­ge­stell­ten und ge­spiel­ten Mu­sik­in­stru­men­te. Doch das Le­ben in den Eis­zeit­höh­len war nicht nur vom fried­li­chen Zu­sam­men­sein beim Flö­ten­spiel ge­prägt, wie man von den Über­res­ten er­schla­ge­ner Fa­mi­li­en weiß. So ver­an­schau­li­chen wei­te­re Ex­po­na­te den Be­ginn des Krie­ges zwi­schen Men­schen. In wei­te­ren Sta­tio­nen geht es um die Sess­haft­wer­dung der Men­schen und schließ­lich dar­um wie in Ägyp­ten und Me­so­po­ta­mi­en ers­te Schrif­ten ent­wi­ckelt wur­den. So­kra­tes, Pla­ton und Aris­to­te­les: Die Phi­lo­so­phen ste­hen für die An­fän­ge der De­mo­kra­tie im an­ti­ken Grie­chen­land. Ei­nen wei­te­ren An­fang mar­kiert die Ent­de­ckung Ame­ri­kas: Mit dem Ko­lo­nia­lis­mus be­gann vor rund 500 Jah­ren auch die Glo­ba­li­sie­rung. Mit der In­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ab 1800 lös­ten sich die Men­schen von der Land­wirt­schaft und Selbst­ver­sor­gung. Tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen rück­ten „mo­der­ne Träu­me“wie so­zia­le Gleich­heit, aber auch die Rei­se zum Mond in greif­ba­re Nä­he. In die Ge­gen­wart führt un­ter an­de­rem ein NAO-Ro­bo­ter des Max-Planck-In­sti­tuts für In­tel­li­gen­te Sys­te­me. Die Aus­stel­lungs­ma­cher füh­ren ihn vor als Bei­spiel für di­gi­ta­le In­no­va­tio­nen, die tief grei­fen­de ge­sell­schaft­li­che Ve­rän­de­run­gen her­vor­ru­fen – und wei­ter her­vor­ru­fen wer­den. Der Epi­log schließ­lich lässt über den „Ur­sprung der Zu­künf­te“nach­den­ken. In­stal­la­tio­nen der Ta­peArt-Künst­le­rin LaMia Mich­na brin­gen in die ge­sam­te Aus­stel­lung ein künst­le­risch-re­fle­xi­ves Ele­ment ein.

bo/mt

Ur­sprung di­gi­ta­ler In­no­va­tio­nen: Ro­bo­ter NAO. Der fran­zö­si­sche Ro­bo­ter wird in Deutsch­land in Schu­len ein­ge­setzt, um nicht nur Sach­wis­sen, son­dern auch Krea­ti­vi­tät, Ko­ope­ra­ti­ons- und Team­kom­pe­ten­zen zu för­dern. Die For­scher des Cy­ber Val­ley ar­bei­ten an gro­ßen Ge­schwis­tern des klei­nen NAO (Al­de­ba­ran Ro­bo­tics, 2012, Max-Planck-In­sti­tut für in­tel­li­gen­te Sys­te­me). Fo­to: © MPI Tü­bin­gen / Wolf­ram Schei­b­le

Ur­sprung der Glo­ba­li­sie­rung: Pou­pou. Das 250 Jah­re al­te Hau­spa­neel der Ma­o­ris ist das ein­zi­ge er­hal­te­ne Ob­jekt von Ja­mes Cooks ers­ter Süd­seeRei­se. Die­ses her­vor­ra­gend ge­fer­tig­te Schnitz­werk wur­de dem Na­tur­for­scher Jo­seph Banks in Neu­see­land ge­schenkt. Über Um­we­ge kam es zu Augustin Krä­mer, dem ers­ten Di­rek­tor der eth­no­lo­gi­schen Samm­lung in Tü­bin­gen. Fo­to: © Mu­se­um der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen MUT / Va­len­tin Mar­quardt

Ur­sprung von Ma­te­rie und Le­ben: Mur­ch­i­son-Me­teo­rit (4,5 Mil­li­ar­den Jah­re alt, 234 Gramm schwer). Bei der Ab­küh­lung der Gas­wol­ke un­se­res Uni­ver­sums bil­de­ten sich Mi­ne­ra­le. Aus die­ser Ur­ma­te­rie ent­stand vor 4,567 Mil­li­ar­den Jah­ren un­ser Son­nen­sys­tem. Ne­ben sol­chen Stof­fen lie­ßen sich in die­sem Me­teo­rit au­ßer­ir­di­sche Ami­no­säu­ren, die Bau­stof­fe des Le­bens, nach­wei­sen. Fo­to: © Mu­se­um der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen MUT / Va­len­tin Mar­quardt

Ur­sprung der Schrift: Bruch­stück ei­ner Ur­kun­de aus der Uruk-III-Zeit vor rund 5 000 Jah­ren. Zei­chen, un­ter­ein­an­der in ei­nem Band ge­ord­net, ge­glie­dert durch tren­nen­de Qu­er­stri­che – es sind Zei­chen, die eher wie Bil­der wir­ken als wie Buch­sta­ben: das obers­te er­in­nert an die Um­ris­se ei­nes Fi­sches. Und doch: Es ist der Be­ginn der Schrift. (Alt­ori­en­ta­li­sche Samm­lung). Fo­to: © Mu­se­um der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen MUT / Va­len­tin Mar­quardt

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