Wie Spra­chen über­le­ben

Für vie­le der rund 50 Dia­lek­te in Deutsch­land wird es eng

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Un­ge­fähr zehn St­un­den dau­ert es, Deutsch­land auf kür­zes­tem Weg von Nor­den nach Sü­den mit dem Au­to zu durch­que­ren. Das ist we­nig, trotz­dem kommt es ei­nem un­ter­wegs manch­mal so vor, als sei man viel wei­ter ge­fah­ren und ganz wo­an­ders ge­lan­det, so fremd klingt der Dia­lekt. Zwi­schen dem Frie­si­schen im Nor­den, das so­gar als Re­gio­nal­spra­che an­er­kannt ist, und dem Ale­man­ni­schen im Sü­den, lie­gen Wel­ten – noch! Ni­ko­laus Him­mel­mann, Pro­fes­sor an der Uni Köln, hat nicht nur ei­nen wohl­klin­gen­den Na­men, er hat auch ei­nen span­nen­den Be­ruf: Der Sprach­wis­sen­schaft­ler be­schäf­tigt sich mit be­droh­ten Ar­ten. Ge­meint sind kei­ne Tie­re, son­dern Spra­chen. So wie Tie­re auss­ter­ben kön­nen, wenn sich ihr Le­bens­raum dra­ma­tisch ver­än­dert und sie sich nicht mehr ver­meh­ren, geht es Spra­chen, die ih­re Spre­cher ver­lie­ren. Ge­fähr­det ist ei­ne Spra­che, wenn es sie in vor­aus­sicht­lich ein bis zwei Ge­ne­ra­tio­nen nicht mehr gibt. Das be­deu­tet, die Groß­el­tern spre­chen sie noch ak­tiv, die El­tern ver­ste­hen sie noch, spre­chen sie aber nicht mehr, und die Kin­der kön­nen sie we­der ver­ste­hen noch spre­chen. Das be­trifft nicht nur Dia­lek­te in Deutsch­land, son­dern Hun­der­te Spra­chen welt­weit. Die Unesco, so heißt die Or­ga­ni­sa­ti­on bei den Ver­ein­ten Na­tio­nen, die sich mit Kul­tur und Bil­dung be­fasst, rech­net da­mit, dass bis zum Jahr 2100 die Hälf­te al­ler Spra­chen ver­schwin­det! Be­hält sie recht, wür­de sich die Zahl der Spra­chen von 7 000 auf 3 500 re­du­zie­ren. Wann Men­schen zu spre­chen be­gon­nen ha­ben, kön­chen, nen die For­scher nicht ein­deu­tig sa­gen. Die Spra­chen­viel­falt schät­zen ei­ni­ge auf 12 000 Jah­re alt, an­de­re ver­mu­ten so­gar, Spra­chen sind noch äl­ter. Die äl­tes­ten Spra­chen stam­men aus Afri­ka und wa­ren ver­wandt mit den heu­te noch exis­tie­ren­den Kho­si­an-Spra­chen, die in Na­mi­bia, Süd­afri­ka oder Bots­wa­na vor­kom­men. Ih­re Spre­cher er­kennt man dar­an, dass sie zwi­schen die Wor­te Klick- und Schnalz­lau­te schie­ben. Auf ähn­li­che Wei­se dürf­ten sich un­se­re Vor­fah­ren ver­stän­digt ha­ben. Dar­aus bil­de­ten sich ir­gend­wann Sprach­fa­mi­li­en.

Herr Him­mel­mann und die be­droh­ten Ar­ten

Mit­ein­an­der ver­wand­te Spra­chen ha­ben ei­nen er­kenn­ba­ren ge­mein­sa­men Ur­sprung. In Eu­ro­pa zum Bei­spiel ge­hö­ren die meis­ten Spra­chen der in­do­ger­ma­ni­schen Fa­mi­lie an: Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch, Spa­nisch, Pol­nisch, Nie­der­län­disch und vie­le mehr. Nur Fin­nisch und Un­ga­risch sind Aus­nah­men, die ei­ge­ne Wur­zeln ha­ben. Un­se­re Sprach­fa­mi­lie heißt in­do­ger­ma­nisch, weil auch Hin­di (In­disch) in die­se Fa­mi­lie ge­hört. Als Welt­spra­che gilt, wenn sie welt­weit mehr als 100 Mil­lio­nen Men­schen be­herr­schen. Das müs­sen nicht un­be­dingt Mut­ter­sprach­ler sein, es zählt auch, wer sie als Fremd­spra­che kann. Eng­lisch wird von 1,5 Mil­li­ar­den Men­schen in al­ler Welt ge­spro- et­wa 400 Mil­lio­nen von ih­nen sind Mut­ter­sprach­ler. Chi­ne­sisch hat 800 Mil­lio­nen Mut­ter­sprach­ler und wird von 1,3 Mil­li­ar­den Men­schen welt­weit be­herrscht. Auch Fran­zö­sisch, Por­tu­gie­sisch und Spa­nisch spricht man in vie­len Län­dern der Er­de. Der Un­ter­schied zwi­schen ei­ner Spra­che und ei­nem Dia­lekt be­steht da­rin, dass Spra­chen of­fi­zi­ell an­er­kannt und häu­fi­ger schrift­lich do­ku­men­tiert sind. Sprach­for­scher wie Ni­ko­laus Him­mel­mann ha­ben er­rech­net, dass ei­ne Spra­che 4000 ak­ti­ve Spre­cher be­nö­tigt, um zu über­le­ben. Um das (Hoch-)Deut­sche mit 78 Mil­lio­nen Mut­ter­sprach­lern muss sich da­her nie­mand sor­gen. En­ger wird es für die 50 Dia­lek­te zwi­schen Ale­man­nisch im Sü­den und Frie­sisch im Nor­den. Noch in den 1950er Jah­ren war kei­ner da­von in Ge­fahr, weil die Mehr­heit der Be­woh­ner ei­ner Re­gi­on auch dort wohnen blieb. In­zwi­schen ha­ben vor al­lem jun­ge Men­schen vie­le Mög­lich­kei­ten, Fremd­spra­chen zu ler­nen und in ein an­de­res Land oder zu­min­dest ei­ne an­de­re Re­gi­on zu zie­hen. Ih­re Mut­ter­spra­che kön­nen sie dann nur noch be­grenzt oder gar nicht an­wen­den, ih­ren Dia­lekt noch we­ni­ger. Wei­ter­ge­ge­ben wird bei­des da­durch im­mer sel­te­ner. Das wohl be­kann­tes­te Bei­spiel für ei­ne aus­ge­stor­be­ne Spra­che ist Latein. Die Spra­che der al­ten Rö­mer wird zwar noch im Va­ti­kan ge­spro­chen, ist aber an­sons­ten ei­ne to­te Spra­che. Doch aus dem La­tei­ni­schen ha­ben sich zum Bei­spiel die Spra­chen Ita­lie­nisch und Spa­nisch ent­wi­ckelt. Und die hört man ja zum Glück noch sehr oft.

Vie­le der Spra­chen auf der Er­de sind vom Auss­ter­ben be­droht. Oben se­hen wir die Be­grü­ßung „Hal­lo“in ver­schie­de­nen Spra­chen. Eng­lisch, Ita­lie­nisch, noch­mal Eng­lisch (für die USA), Spa­nisch, Rus­sisch, Deutsch und Fran­zö­sisch. Fo­to: Ado­be Stock/Ser­gey No­vi­kov

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