Le­cker und be­kömm­lich

Der Wie­sen-Cham­pi­gnon: In Karlsruhe ist der „Pilz des Jah­res“sel­ten ge­wor­den

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Die Region - Patri­cia Klatt

Der Wie­sen­cham­pi­gnon ist für mich der ,Pilz mei­ner Kind­heit‘. Wir sind frü­her über die Wie­sen ge­lau­fen und es gab dort so vie­le Cham­pi­gnons, dass wir sie qua­si in un­se­ren T-Shirts ge­sam­melt ha­ben und da­nach wur­den dann im­mer rie­si­ge Pilz­pfan­nen zu­be­rei­tet, die mit dem Ge­schmack der Zucht­cham­pi­gnons über­haupt nicht zu ver­glei­chen wa­ren.“Durch den Cham­pi­gnon sei ei­gent­lich erst sei­ne Lie­be zu den Pil­zen ent­stan­den, er­zählt Diet­mar Blaß, Pilz-Sach­ver­stän­di­ger aus Ras­tatt. Heu­te hät­te er wohl nicht mehr so viel Er­folg bei der Su­che nach die­sem Cham­pi­gnon, denn die in­ten­si­ve Land­wirt­schaft raubt dem Wie­sen-Cham­pi­gnon und vie­len an­de­ren Le­be­we­sen ih­re Exis­tenz­grund­la­ge. „Na­tur­na­he Wie­sen wer­den um­ge­bro­chen und zur Er­zeu­gung von Ener­giepf lan­zen wie Mais ge­nutzt. Nähr­stoff­ar­me, na­tur­schutz­fach­lich

Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit Knol­len­blät­ter­pilz

wert­vol­le Bö­den wer­den als Bau­land aus­ge­wie­sen und über­mä­ßi­ges Aus­brin­gen von Gül­le be­las­tet nicht nur un­ser Trink­was­ser mit Ni­trat“, so die Deut­sche Ge­sell­schaft für My­ko­lo­gie (DGfM), die den Wie­sen­cham­pi­gnon (Aga­ri­cus cam­pes­tris) zum Pilz des Jah­res 2018 kür­te. Die DGfM wünscht sich ei­nen ernst­haf­ten po­li­ti­schen Dia­log mit Kon­se­quen­zen zur Agrar­po­li­tik, der zu ei­ner spür­ba­ren Ver­rin­ge­rung der Stick­stof­f­e­in­trä­ge in un­se­re Land­schaf­ten führt, um die Le­bens­räu­me nicht nur des Cham­pi­gnons zu er­hal­ten und zu be­wah­ren. „Nie­mand möch­te die Land­wirt­schaft ,ver­teu­feln‘“, be­tont Diet­mar Blaß, aber es sei ein­fach die Fra­ge, wie man da­mit um­ge­he. In al­ten Pilz­bü­chern wird noch be­schrie­ben, „dass Vieh­wei­den und Pfer­de­kop­peln Mas­sen­ern­ten des Wie­sen-Cham­pi­gnons lie­fern. Ei­ne Herbst-Ne­bel­nacht ge­nügt, um Tau­sen­de her­vor­zu­zau­bern“, das fin­det man heut­zu­ta­ge lei­der im­mer we­ni­ger. „In Ba­den-Würt­tem­berg gibt es 46 ver­schie­de­ne Cham­pi­gnon-Ar­ten, 21 da­von wie der Wie­sen-Cham­pi­gnon sind auch aus Karlsruhe be­kannt“, er­klärt Mar­kus Schol­ler, pro­mo­vier­ter Bio­lo­ge und Ku­ra­tor für Pil­ze und Al­gen am dor­ti­gen Na­tur­kun­de­mu­se­um. De fac­to sei die­se Art aber in der Stadt selbst ei­ne Ra­ri­tät, so Schol­ler, sie kom­me hier ak­tu­ell ei­gent­lich nur noch im Na­tur­schutz­ge­biet „Al­ter Flug­platz“vor, wo das Pil­ze­sam­meln nicht er­laubt sei. „Dort wer­den Die Kin­der mei­ner 6. Klas­se in der Re­al­schu­le be­han­deln gera­de die Ein­heit „Mit­ein­an­der Christ­sein“und ler­nen da­bei (hof­fent­lich) et­was über die ei­ge­ne evan­ge­li­sche Kir­che und die ka­tho­li­sche Kon­fes­si­on. Da­zu tau­sche ich mit den ka­tho­li­schen Kol­le­gen die Grup­pen aus: nach ei­nem Kir­chen­be­such bei uns ge­hen in ei­ner Fol­ge­stun­de die evan­ge­li­schen Kin­der in die ka­tho­li­sche Kir­che, wo­hin­ge­gen die ka­tho­li­schen Kin­der zu uns kom­men. Nach dem Be­such er­zäh­len „mei­ne“mir sehr ir­ri­tiert: „Die be­ten da ei­nen Schrank an, in dem Brot ist.“Sie mei­nen das Ta­ber­na­kel, in dem die Hos­ti­en auf­be­wahrt die Le­bens­grund­la­gen des Wie­sen-Cham­pi­gnons vor al­lem durch Nähr­stof­fent­zug durch die re­gel­mä­ßi­ge Mahd ge­si­chert.“Auch Schol­ler macht für den Rück­gang des Pil­zes „die in­ten­si­ve Land­wirt­schaft und Luft­schad­stof­fe ver­ant­wort­lich, die dem Wie­sen-Cham­pi­gnon nicht gut be­kom­men“. Karls­ru­hes Klein­gärt­ner könn­ten aber et­was da­ge­gen tun: Wer sei­ne Wie­se im Gar­ten nicht dün­ge und hin und wie­der mä­he, was die Nähr­stoff­über­ver­sor­gung ver­hin­de­re, wer­de vi­el­leicht durch das Auf­tre­ten des Wie­sen-Cham­pi­gnons be­lohnt, ganz si­cher aber durch an­de­re schö­ne Pilz­ar­ten, be­tont der Bio­lo­ge. Beim Sam­meln muss man, wie bei al­len Pilz­ar­ten, Sorg­falt wal­ten las­sen, denn grund­sätz­lich be­steht ei­ne Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit dem Knol­len­blät­ter­pilz oder auch mit dem gif­ti­gen Kar­bol-Cham­pi­gnon, der sich al­ler­dings durch die chrom­gel­be Fär­bung des Fleischs der Sti­el­ba­sis beim An­schnei­den und dem Ge­ruch nach Des­in­fek­ti­ons­mit­tel vom Wie­sen-Cham­pi­gnon un­ter­schei­det. Das kön­ne man sich, ver­rät Schol­ler, auch je­den Mon­tag von 17 bis 19 Uhr von Pilz­be­ra­tern des Na­tur­kun­de­mu­se­ums de­mons­trie­ren las­sen. Und Diet­mar Blaß hat ei­nen be­son­de­ren Tipp pa­rat, der auch mit Zucht­cham­pi­gnons schmeckt: „Die Pil­ze in But­ter leicht an­düns­ten, To­ma­ten­schei­ben da­zu und das mit Brot zum Früh­stück es­sen, ei­nen bes­se­ren Start in den Tag kann man sich gar nicht wün­schen.“

Der Wie­sen-Cham­pi­gnon ist der Pilz des Jah­res 2018. Das hat die Deut­sche Ge­sell­schaft für My­ko­lo­gie be­kannt­ge­ge­ben. Der Wie­sen-Cham­pi­gnon – auch Feld-Eger­ling ge­nannt – wer­de im­mer sel­te­ner. Fo­to: Pe­ter Ka­rasch/DGfM

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.