Für im­mer rät­sel­haft

Aman­da Kn­ox will wie­der Nor­ma­li­tät / Rück­kehr nach Ita­li­en?

Der Sonntag (Karlsruhe) - - Tipps & Themen - Avs

Das Haus im Grü­nen in ei­ner hüb­schen ita­lie­ni­schen Uni­ver­si­täts­stadt ist im­mer noch An­zie­hungs­punkt für Sen­sa­ti­ons­lus­ti­ge: Hier in Peru­gia wohn­ten die bri­ti­sche Aus­tausch­stu­den­tin Meredith Ker­cher und die US-Stu­den­tin Aman­da Kn­ox. Ker­cher wur­de in der Nacht vom 1. auf den 2. No­vem­ber vor zehn Jah­ren ver­ge­wal­tigt und halb nackt mit durch­schnit­te­ner Keh­le ge­fun­den. Kn­ox wur­de für den Mord vier Jah­re in ein ita­lie­ni­sches Ge­fäng­nis ge­sperrt. Nach ei­nem acht Jah­re lan­gen Jus­tiz­dra­ma un­ter ma­xi­ma­ler Welt­öf­fent­lich­keit wur­de Kn­ox 2015 end­gül­tig frei­ge­spro­chen. Bis heu­te ist nicht ge­klärt, wer Ker­cher um­ge­bracht hat. Denn der ein­zi­ge, der in dem Fall noch in Haft sitzt, weist die An­schul­di­gun­gen von sich. Kn­ox war von An­fang an im Zen­trum des In­ter­es­ses. Zehn Jah­re spä­ter hat die heu­te 30in Jäh­ri­ge ei­nen Weg ge­wählt, der nicht oh­ne Fal­len ist: Den der größt­mög­li­chen Öf­fent­lich­keit. Die Ge­schich­te von ih­rer Ver­ur­tei­lung soll übe­r­all ge­hört wer­den. Sie en­ga­giert sich nicht nur für Op­fer von Jus­tiz­irr­tü­mern, gibt In­ter­views und hat ein Buch und ei­ne Do­ku über ihr Schick­sal ver­öf­fent­licht. In so­zia­len Netz­wer­ken pos­tet sie zu­dem mas­sen­haft pri­va­te Fo­tos von sich, ih­rem Freund Chris­to­pher Ro­bin­son und ih­ren Kat­zen. Man sieht Kn­ox als Rot­käpp­chen ver­klei­det im Schwarz­wald, Kn­ox im Zoo und Kn­ox beim Es­sen und Le­sen. Wie passt das zu­sam­men, wenn je­mand jah­re­lang der Sen­sa­ti­ons­gier der Öf­fent­lich­keit aus­ge­setzt war und dies auch im­mer wie­der an­ge­pran­gert hat und sein Pri­vat­le­ben nun für je­den sicht­bar in Sze­ne setzt? Sie wol­le end­lich wie­der ein Le­ben wie je­der an­de­re Mensch auch le­ben, sag­te Kn­ox, die wie­der den USA wohnt, dem Ma­ga­zin „Peop­le“. „Lang­sam kann ich wie­der zum Rest der Mensch­heit ge­hö­ren, weil ich nicht mehr ge­jagt wer­de.“Sie hät­te nach dem Mord auch ver­schwin­den kön­nen, „und nie­mand hät­te mehr von Aman­da Kn­ox er­fah­ren“, sag­te sie. „Aber ich den­ke, das ist der fal­sche Weg.“Mit ih­rem Freund, ei­nem Schrift­stel­ler, wohnt Kn­ox in Se­at­tle und ar­bei­tet als Jour­na­lis­tin. Sie freue sich dar­auf, mit ihm ein Ba­by zu ha­ben, er­zähl­te sie. Hin­ter Git­tern hät­te sie die­sen Wunsch fast auf­ge­ge­ben. In ei­nem an­de­ren In­ter­view sag­te sie, dass sie auch To­des­dro­hun­gen be­kom­me. Sie kön­ne nichts dar­an än­dern, wenn Men­schen sie für ei­ne „Fem­me fa­ta­le“hiel­ten. Auch wenn sich das Schein­wer­fer­licht vor al­lem auf Kn­ox kon­zen­triert hat: An der Ge­schich­te sind vie­le Per­so­nen be­tei­ligt, die mit dem Fall auch zehn Jah­re da­nach noch nicht ab­ge­schlos­sen ha­ben. Raf­fae­le Soll­eci­to, der da­ma­li­ge Freund von Kn­ox, wur­de zu­sam­men mit ihr ver­ur­teilt und frei­ge­spro­chen. Er kämpft in Ita­li­en im­mer noch um Ent­schä­di­gung und sei­nen Ruf. Es blei­be ei­ne „of­fe­ne Wun­de, die sich wahr­schein­lich nie schlie­ßen wird“, sag­te zu­letzt sein Va­ter Fran­ces­co Soll­eci­to der Nach­rich­ten­agen­tur An­sa. Und dann ist da Ru­dy Gue­de, der ein­zi­ge, der we­gen Bei­hil­fe zum Mord noch in Haft sitzt. Bei­hil­fe be­deu­tet aber, dass noch je­mand an­de­res be­tei­ligt ge­we­sen sein muss­te - aber wer? Am Tat­ort wur­den Gue­des DNASpu­ren ge­fun­den, spä­ter wur­de der Ivo­rer in Deutsch­land fest­ge­nom­men und sitzt mitt­ler­wei­le ei­ne 16 Jah­re lan­ge Ge­fäng­nis­stra­fe ab. Er hält sich für den Sün­den­bock. Ei­ne Re­vi­si­on lehn­te das Be­ru­fungs­ge­richt in Flo­renz je­doch die­ses Jahr ab. Sei­ne An­wäl­te ver­su­chen es den­noch wei­ter beim Obers­ten Ge­richts­hof, der am 17. No­vem­ber ent­schei­den soll. „Nach der Ent­schei­dung des Kas­sa­ti­ons­ge­richts wis­sen wir, ob der Schul­di­ge - der si­cher we­der Soll­eci­to noch Kn­ox ist - al­lei­ne Ru­dy ist, ob­wohl er si­cher nicht der Haupt­tä­ter der Straf­tat ist“, sag­te sein An­walt Tom­ma­so Pie­tro­car­lo. In Peru­gia wur­de das Haus, in dem der Mord pas­sier­te, mitt­ler­wei­le ver­kauft. Die Men­schen sind froh, dass ih­re Stadt aus dem Schein­wer­fer­licht ver­schwun­den ist. Der zu­letzt von Kn­ox ge­äu­ßer­te Wunsch, ei­nes Tages in die Stadt in Um­bri­en zu­rück­zu­keh­ren, um das Ka­pi­tel end­gül­tig zu schlie­ßen, kam in Ita­li­en nicht gut an. Auch nicht bei der Fa­mi­lie des Op­fers: „Die Tat hat star­ke Spu­ren in Peru­gia hin­ter­las­sen. Spu­ren, die im­mer noch nicht ver­schwun­den sind“, sag­te der Fa­mi­li­en­an­walt Fran­ces­co Ma­re­sca, „des­halb wä­re ei­ne Rück­kehr von Aman­da Kn­ox un­an­ge­mes­sen.“

Aman­da Kn­ox (hier bei ei­ner Ge­richts­ver­hand­lung im Sep­tem­ber 2011 in Peru­gia) möch­te zehn Jah­re nach dem Mord an Meredith Ker­cher wie­der ein nor­ma­les Le­ben füh­ren. Fo­to: avs

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