Ganz gro­ßes Theater

Lan­des­aus­stel­lung über den Grün­der Karls­ru­hes / „Der Mark­graf und ich“fürs Fa­mi­li­en­al­bum

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Die Na­tur, die un­schlüs­sig war, ob sie ei­nen Her­ku­les oder ei­nen Sohn der Ve­nus her­vor­brin­gen soll­te, tat bei­des“– so be­schrieb ein His­to­ri­ker des 18. Jahr­hun­derts den Grün­der Karls­ru­hes. Der Mark­graf Karl Wil­helm, der die Be­su­cher der Gro­ßen Lan­des­aus­stel­lung bis 18. Ok­to­ber im Karls­ru­her Schloss emp­fängt, wirkt frei­lich nicht ganz so hübsch und kraft­voll, wie man aus die­sen Wor­ten schlie­ßen könn­te. Aber er ist ja nicht mehr der Jüngs­te. Zu­dem ha­ben fet­tes Essen, Wein, Weib und Ge­sang am „durch­lauch­tigs­ten Fürs­ten“ih­re Spu­ren hin­ter­las­sen. Doch wie vor 300 Jah­ren ge­währt er auch Leu­ten „aus dem Volk“Au­di­enz – man darf ihm so­gar die Si­li­kon­hand schüt­teln oder an sei­ner Sei­te po­sie­rend ein Sel­fie schie­ßen: „Der Mark­graf und ich“fürs Fa­mi­li­en­al­bum. Die le­bens­gro­ße Karl-Wil­helm-Fi­gur, die als ein­zi­ges Ob­jekt in der Aus­stel­lung des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums fo­to­gra­fiert wer­den darf, ist his­to­ri­schen Darstel­lun­gen nach­emp­fun­den. Auf ei­nem klei­nen Po­dest plat­ziert kommt „Se­re­nis­si­mus“mit sei­ner Al­lon­ge­pe­rü­cke recht thea­tra­lisch rü­ber – und das ist ge­wollt. Denn ei­ne schil­lern­de Per­sön­lich­keit wie Karl Wil­helm von Ba­den-Dur­lach (1679–1738) lässt sich nur aus ih­rer Zeit her­aus ver­ste­hen – dem Ba­rock mit all sei­nem Glanz, all sei­nem Elend und all sei­nem Be­dürf­nis nach Selbst­dar­stel­lung. „Es ist ei­ne Epo­che, die ge­wis­se Be­rüh­rungs­ängs­te aus­löst“, weiß Ku­ra­to­rin Jac­que­line Malt­zahn-Red­ling. Um in den nüch­tern-funk­tio­na­len Mu­se­ums­räu­men des Karls­ru­her Schlos­ses den Geist des Ba­rock wie­der auf­le­ben zu las­sen, wur­de die Aus­stel­lungs­flä­che im Stil der Epo­che in Sze­ne ge­setzt: Der Be­su­cher be­tritt ein ba­ro­ckes Theater. Das Büh­nen­bild wirkt al­ler­dings recht be­droh­lich, denn die Re­si­denz­stadt Dur­lach steht in Flam­men: Das Schau­spiel von Karl Wil­helms Le­ben setzt in ei­ner Zeit der Krie­ge und der Kri­sen ein. Ein ein­drucks­vol­les Büh­nen­bild, ganz gro­ßes Theater – nur: Wo sind die Ori­gi­na­le? Es über­rascht schon sehr: Da be­tritt man ei­ne Aus­stel­lung und sieht erst ein­mal – kei­ne Ex­po­na­te. Die wol­len zwi­schen den Ku­lis­sen ent­deckt wer­den. Vie­le Por­traits, ein Ka­va­liers- de­gen und Schrei­b­übungs­hef­te des jun­gen Erb­prin­zen sind da­bei. Karl Wil­helm hat­te, mit Ver­laub, ei­ne Sau­klaue. An­hand von rund 250, zum Teil noch nie in der Öf­fent­lich­keit ge­zeig­ten Ex­po­na­ten, zeich­net die Aus­stel­lung ein fa­cet­ten­rei­ches Por­trait des klei­nen süd­west­deut­schen Lan­des­herrn, der ganz im Zei­chen des Ab­so­lu­tis­mus stand und sich als zeit­ge­mä­ße Büh­ne sei­ner Herr­lich­keit ein Schloss und ei­ne Stadt im Hardtwald bau­en ließ. So ge­lan­gen auch die Be­su­cher über die Ins­ze­nie­rung ei­nes dunk­len Wald­stü­ckes ins Zen­trum der Aus­stel­lung, das dem Strah­len­sys­tem der vor 300 Jah­ren ge­grün­de­ten Plan­stadt Karls­ru­he nach­emp­fun­den ist. In die­sem Be­reich fin­det sich auch ei­ne ganz in Grün (der Lieb­lings­far­be Karl Wil­helms) ge­hal­te­ne Schatz­kam­mer, in der Leih­ga­ben des Hau­ses Ba­den zu se­hen sind. Pre­zio­sen wie das Or­dens­kreuz des Stadt­grün­ders kann man hier be­wun­dern – aber auch das Frag­ment ei­nes Bret­tes, das ein Or­dens­rit­ter bei ei­ner feucht-fröh­li­chen Fei­er in die Luft spreng­te. In ei­nem sti­li­sier­ten Gar­ten schließ­lich prä­sen­tiert sich der mark­gräf­li­che Blu­men- und Frau­en­lieb­ha­ber als Ba­rock­fürst zwi­schen Lust und Last. Es ist die ers­te Aus­stel­lung über­haupt, die dem Grün­der Karls­ru­hes ge­wid­met ist – und ein „Wunsch­kind“von Eck­art Köh­ne, der seit Som­mer ver­gan­ge­nen Jah­res Chef des Lan­des­mu­se­um ist. Die Schau zum Karls­ru­her Stadt­ge­burts­tag, für die Köh­ne be­reits die Wei­chen stell­te, als noch sein Vor­gän­ger Ha­rald Sie­ben­mor­gen am­tier­te, ent­larvt man­che über den Mark­gra­fen ver­brei­te­te Vor­stel­lung als Ge­rücht. Doch gibt es kei­nen Grund, den ent­zau­ber­ten Karls­ru­her My­then nach­zu­trau­ern, denn die Aus­stel­lung zeigt ei­ne Fül­le von bis­lang kaum be­kann­ten Fak­ten auf, die da­für mehr als nur ent­schä­di­gen. Nicht zu­letzt, weil auch ein be­gna­de­ter Schau­spie­ler wie Karl Wil­helm von Ba­den-Dur­lach bis­wei­len aus der Rol­le fiel.

Ganz der künf­ti­ge Herr­scher: Das um 1686 ent­stan­de­ne Fa­mi­li­en­por­trait zeigt Erb­prinz Karl Wil­helm von Ba­den-Dur­lach mit sei­ner Mut­ter und ei­nem Bild­nis sei­nes Va­ters. Bild: © Haus Ba­den, Sa­lem

Ganz pri­vat: Im Haus­man­tel konn­te es sich ein Fürst auch mal ge­müt­lich ma­chen. © Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg Foto: Fran­ken­stein/Zwie­t­asch

Ganz of­fi­zi­ell: Ein Karl Wil­helm zum An­fas­sen emp­fängt die Be­su­cher im Schloss. Foto: BLM/ONUK

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