Ein Face­book mit Tanz­flä­che

Der Opern­ball im Ba­di­schen Staats­thea­ter ist ei­ne so­zia­le Platt­form

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Sibylle Kra­nich

Al­le Jah­re wie­der – pünkt­lich zum Be­ginn des be­rühm­ten Won­ne­mo­nats – zuckt es den Schna­bels mäch­tig in den Glie­dern. Vor al­lem in ei­nem: dem Tanz­bein. Seit über 50 Jah­ren be­geis­tert sich das Karls­ru­her Ehe­paar für Rum­ba, Wal­zer oder Cha-Cha-Cha und es gibt kaum ei­nen Ball im Karls­ru­her Fest­ka­len­der, zu dem die Schna­bels nicht schon min­des­tens ein­mal die Tanz­flä­che er­obert hät­ten. Doch die Ge­le­gen­hei­ten zum ge­die­ge­nen Paar­tanz sind rar ge­wor­den. „Es gibt ja lei­der nur noch den Opern­ball“, sagt Klaus Schna­bel, des­sen Smo­king – zum gro­ßen Be­dau­ern sei­nes Trä­gers – viel zu sel­ten noch das Licht der Kron­leuch­ter überm Par­kett er­blickt. Dass er und sei­ne Frau nun aus­ge­rech­net zum ein­zig ver­blie­be­nen ba­di­schen Ball­er­eig­nis des Jah­res ges­tern Abend im Ba­di­schen Staats­thea­ter nicht in Karls­ru­he sein konn­ten, wurmt den ehe­ma­li­gen Pfar­rer und Ober­kir­chen­rat a. D. schon ein klein we­nig und si­cher ist: Nächs­tes Jahr sind er und sei­ne Frau wie­der da­bei. Die Ab­we­sen­heit der bei­den Stamm­gäs­te ist im all­ge­mei­nen Ball­ge­tüm­mel ges­tern Abend si­cher nicht groß auf­ge­fal­len. Nur im Klei­nen Haus, wo sich tra­di­tio­nell die zu­sam­men­fin­den, für die beim Ball das Tan­zen und nur das Tan­zen zählt, fehl­te ei­nes der un­um­strit­te­nen Kön­ner­paa­re. Im­mer­hin fehl­ten die Schna­bels hier in 30 Jah­ren Opern­ball nur ganz, ganz sel­ten ein­mal. „Im Gro­ßen Haus ist es zum aus­gie­bi­gen Tan­zen im­mer viel zu voll. Da sind eher die Grund­schrit­te ge­fragt. Im Klei­nen Haus da­ge­gen, kann man schon mal kom­pli­zier­te­re Schritt­fol­gen oder auch ei­ne Fi­gur aus­pro­bie­ren“, sagt Schna­bel. Sei­ne Frau und er be­su­chen bis heu- te re­gel­mä­ßig Tanz­kur­se. Das En­de der gro­ßen Er­öff­nungs­ga­la im Gro­ßen Haus war­tet das Tanz­paar da­her nur sel­ten ab. Zu sehr zieht es sie auf die Tanz­flä­che. „Wir zie­hen ins Klei­ne Haus, so­bald der Tanz dort er­öff­net wird.“Ir­gend­wo zwi­schen ver­al­te­ter Tra­di­ti­on und lieb­ge­won­ne­nem ge­sell­schaft­li­chen Ri­tu­al be­wegt sich das Image des Balls, der trotz al­lem aber im­mer wie­der sei­ne zah­len­den Be­su­cher fin­det. Für die Schna­bels war er oh­ne­hin von je­her ei­ne Platt­form, auf der sich so­zia­le Netz­wer­ke knüp­fen las­sen. Ganz re­al im Hier und Jetzt. Aber selbst die Face­book-Ge­ne­ra­ti­on und die Twit­ter-Adep­ten schi­cken mitt­ler­wei­le ih­re Sel­fies vom Ball in Karls­ru­he in den vir­tu­el­len Raum, um – nicht oh­ne Stolz – zu be­kun­den: „Ich war da­bei.“Al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz: Der Thea­ter­ball lebt. Wäh­rend al­le an­de­ren gro­ßen Tan­zer­eig­nis­se Karls­ru­hes sich nach und nach sang- und klang­los ver­ab­schie­det ha­ben, dreht sich der Ball in den Foy­ers, auf den Büh­nen und so­gar in den Pro­be­räu­men des Ge­bäu­des an der Bau­meis­ter­stra­ße auch im 31. Jahr mun­ter wei­ter. Und wie in den Vor­jah­ren ver­lie­ßen auch dies­mal die letz­ten Gäs­te das Staats­thea­ter erst im Mor­gen­grau­en. Auch Klaus Schna­bel er­in­nert sich mit Schmun­zeln an durch­t­anz­te Näch­te, in de­nen sei­ne Frau und er den Ball ge­ra­de noch früh­zei­tig ge­nug ver­lie­ßen, um sich vor dem zu hal­ten­den Sonn­tags­got­tes­dienst noch ein­mal kurz aus­zu­ru­hen und frisch zu ma­chen. „Manch­mal sah dann ich in den Bän­ken auch Ge­mein­de­mit­glie­der sit­zen, die we­ni­ge St­un­den zu­vor eben­falls auf dem Ball ge­we­sen wa­ren.“Was sich in 30 Jah­ren Opern­ball ver­än­dert hat? Aus Tän­zer­sicht gibt es da kaum et­was. Ger­trud und Klaus Schna­bel, für die das Rah­men­pro­gramm und der Pro­miT­ratsch oh­ne­hin nie die gro­ße Rol­le spiel­ten, ist es im­mer noch der „gu­te al­te Thea­ter­ball.“Ei­ne Ve­rän­de­rung mei­nen die bei­den aber fest­ge­stellt zu ha­ben: „Als es noch die Aus­wahl an Bäl­len gab, tra­fen sich beim Opern­ball vor al­lem die, die auch sonst ins Theater ge­hen. Heu­te kom­men auch Tän­zer, die mit der In­sti­tu­ti­on an­sons­ten nicht so viel am Hut ha­ben.“

Mit Bal­lfie­ber in ei­ne lan­ge Nacht: Sie freu­ten sich ges­tern Abend auf ih­re Ein­sät­ze und Tanz­run­den beim „Ball“im Ba­di­schen Staats­thea­ter: Von links Opern­di­rek­tor Micha­el Fich­ten­holz, Te­nor Elea­zar Ro­d­ri­guez, Mez­zo­so­pra­nis­tin Di­la­ra Bas¸tar, Ge­ne­ral­in­ten­dant Pe­ter Sp­uh­ler und Chan­so­nier Tim Fi­scher. Foto: Ar­tis

Tän­zer der ers­ten St­un­de: Gu­drun und Klaus Schna­bel sind pas­sio­nier­te Tän­zer und ha­ben sich kaum ei­nen Opern­ball ent­ge­hen las­sen. Foto: Kra­nich

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