Die Heim­kehr

Zwei­ter und letz­ter Teil des Mär­chens „Lin im Rie­sen­land“von Li­lith Di­rin­ger

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Vor ei­ner Wo­che ha­ben wir den ers­ten Teil des Mär­chens „Lin im Rie­sen­land“von Li­lith Di­rin­ger aus Wald­bronn ver­öf­fent­licht. Lin war plötz­lich mit­ten in der Na­tur auf­ge­wacht und merk­te, dass sie win­zig klein war. Sie freun­de­te sich mit ei­ner Ma­ri­en­kä­f­er­fa­mi­lie und mit der En­te Gina an. Gina hat­te sich am Fuß ver­letzt und am En­de des ers­ten Teils half Lin der En­te, in­dem sie ihr den Fuß ver­band. „Kann ich jetzt auch et­was für dich tun?“, frag­te Gina. Hier kommt der zwei­te und letz­te Teil des Mär­chens.

Lin er­zähl­te, dass sie ger­ne über den Teich wol­le. „Na ja, so lang­sam, wie ich nur schwim­men kann, bist du nicht sehr schnell, aber du könn­test das hier als Floß be­nut­zen!“Gina setz­te mit ih­rem Schna­bel ein klei­nes Holz­stück aufs Was­ser. Sie rupf­te noch ein Stück von ei­ner Schilfpflan­ze aus, das Lin als Ru­der be­nut­zen konn­te. Die­se setz­te sich nun auf das Holz­stück und be­gann kräf­tig zu pad­deln. Lin war schnel­ler als ge­dacht auf der an­de­ren Sei­te des Tei­ches. Nach­dem sie sich bei der En­te be­dankt hat­te, ging sie wei­ter. Nach ei­ner Wei­le fröh­li­chen Wan­derns kam sie an ei­ne gro­ße Wie­se. Die Blu­men blüh­ten in vol­ler Pracht und in al­len denk­ba­ren Far­ben. Es war schon fast ei­ne Traum­wie­se. Lin hüpf­te her­um und ge­noss den herr­li­chen Duft. Sie klet­ter­te an Gras­hal­men hoch und spiel­te mit Schmet­ter­lin­gen. Sie hat­te ganz ver­ges­sen, dass sie zu­vor noch so ei­lig nach Hau­se ge­wollt hat­te. Plötz­lich wur­de sie durch ein lau­tes Brum­men auf­ge­schreckt. Sie schau­te sich um und ent­deck­te ein gro­ßes Et­was mit rie­si­gen Mes­sern. Sie sprang auf und rann­te. Dann wag­te sie ei­nen Blick nach hin­ten. Die Mör­der­ma­schi­ne kam im­mer nä­her. „Jetzt muss ich ster­ben“, dach­te sie. Doch in die­sem Mo­ment pack­te sie ein Schna­bel von oben und ihr wur­de der Bo­den un­ter den Fü­ßen weg­ge­ris­sen. Ein Storch hat­te sie ge­packt. Im ers­ten Mo­ment war sie er­leich­tert, doch dann be­kam sie wie­der Angst, da sie nicht wuss­te, was der Storch mit ihr vor­hat­te. Mo­men­tan hing sie zwar noch si­cher in des­sen Schna­bel, aber wer weiß, wo er sie hin­brin­gen wür­de!? Vor al­lem war die Hö­he, in der Lin bau­mel­te, doch ziem­lich be­acht­lich und sie ver­such­te es zu ver­mei­den, nach un­ten zu schau­en. Als der Storch et­was hö­her flog, wag­te es Lin aber doch noch ein­mal kurz und sie er­kann­te, dass es sich bei der „Mör­der­ma­schi­ne“um ei­nen Ra­sen­mä­her han­del­te. Die­ser schnitt ge­ra­de die schö­nen Blu­men ab. Es blie­ben nur noch kurz ge­schnit­te­ne Gras­s­tum­mel üb­rig. Lin wur­de ganz trau­rig, als sie an all die schö­nen Le­be­we­sen in der Wie­se dach­te, die der Ra­sen­mä­her ge­ra­de zer­stör­te. Der Storch flog im­mer hö­her und der grü­ne Fleck, auf dem ge­ra­de noch die Blu­men um die Wet­te ge­leuch­tet hat­ten, wur­de im­mer klei­ner, bis sie schließ­lich in ei­nem Nest auf ei­nem hoch ge­le­ge­nen Dach an­ka­men. Dort wur­de Lin un­s­anft ne­ben zwei klei­ne schrei­en­de Stor­chen­ba­bys ge­wor­fen. „Pa­pi, Pa­pi, ich ha­be Hun­ger!“„Ich auch!!!“, schrien die bei­den. Lin dreh­te sich zu dem gro­ßen Storch um. Die­ser schau­te sie et­was ver­wun­dert an. „Na­nu, du bist ja gar kein Frosch!“, stell­te er fest. „Nein, was ha­ben sie denn ge­dacht! Ich bin ein ge­schrumpf­ter Mensch!“, er­wi­der­te Lin et­was ver­är­gert. Wie ein Frosch sah sie nun wirk­lich nicht aus! Die Stor­chen­kin­der hat­ten in­zwi­schen auf­ge­hört zu schrei­en, und be­trach­te­ten die­sen „selt­sa­men Men­schen“in­ter­es­siert. „Tut mir leid Kin­der! Ich ha­be ge­dacht ich hät­te ei­nen Frosch ge­fan­gen. Ei­nen Men­schen könnt ihr aber wirk­lich nicht essen! Ich muss noch ein­mal los!“„Oh Mann, Pa­pa! Wir ha­ben aber so­oo Hun­ger!“„Ich geh ja gleich wie­der los.“Lin schau­te zwi­schen dem Storch und des­sen Kin­dern hin und her. Als der er­wach­se­ne Storch jetzt aber An­stal­ten mach­te, wie­der weg­zu­flie­gen, wur­de ihr klar, dass sie sich be­merk­bar ma­chen muss­te, wenn sie nicht mit die­sen bei­den ver­rück­ten Tie­ren in ei­nem Nest war­ten woll­te. Und das war ihr auf die­ser Hö­he nun wirk­lich zu ge­fähr­lich. „Stopp! Was ist mit mir?“„Oh! Dich ha­be ich jetzt ganz ver­ges­sen. Wo­hin musst du denn?“, frag­te der Storch freund­lich. Lin er­zähl­te in Kurz­fas­sung ih­re Ge­schich­te und mein­te, dass sie am liebs­ten wie­der nach Hau­se wol­le. Sie be­schrieb ihr Haus und da der Storch die ge­sam­te Um­ge­bung von oben kann­te, mein­te er zu wis­sen, wo sich ihr Haus be­fand. Lin war über­glück­lich, dass sie jetzt wahr­schein­lich wie­der nach Hau­se kom­men wür­de. Der Storch pack­te sie und hob ab. Wäh­rend des Flu­ges er­fuhr Lin, dass der Storch Al­f­red hieß. Dies­mal konn­te sie den Flug wirk­lich ge­nie­ßen und als sie ihr Haus von oben sah, war sie zwar et­was trau­rig, dass das Flie­gen nun vor­bei war, aber auch über­glück­lich dar­über, bald wie­der bei ih­rer Fa­mi­lie zu sein. Als Al­f­red auf den Gar­ten des klei­nen Häu­schens zu­steu­er­te, be­merk­te Lin, wie sie zu wach­sen be­gann. Al­f­red fing nun auch an, un­ter dem stei­gen­den Ge­wicht zu stöh­nen und als er Lin dann schließ­lich auf dem Bo­den ab­setz­te, war sie fast wie­der so groß wie vor ih­rem Aus­flug. Sie be­dank­te sich noch ein­mal und wünsch­te Al­f­red viel Glück bei der Nah­rungs­su­che. Be­vor er aber weg­flog, flocht sie noch ei­ne klei­ne Ket­te aus Gän­se­blüm­chen, die sie um sei­nen Fuß band. Lin ging um das Haus und klopf­te an die ihr so wohl­be­kann­te Tür. Ihr Bru­der öff­ne­te und als er sei­ne Schwes­ter sah, fiel er ihr um den Hals. „Lin! Du bist wie­der da! Wo warst du denn? Wir ha­ben dich über­all ge­sucht!“Lin woll­te ge­ra­de zu ei­ner Er­klä­rung an­set­zen, als ih­re El­tern aus dem Haus stürz­ten und sie über­schwäng­lich um­arm­ten. Sie wa­ren eben­falls über­glück­lich, dass sie ih­re Toch­ter nun end­lich wie­der hat­ten. Nach­dem sie sich erst ein­mal al­le zu­sam­men in das Wohn­zim­mer ge­setzt hat­ten, er­fuhr Lin, dass seit ih­rem Ver­schwin­den ei­ne Wo­che ver­gan­gen war. Da­nach wur­de sie mit Fra­gen nur so bom­bar­diert. Sie er­zähl­te aber nicht die wirk­li­che Ge­schich­te, da sie wuss­te, dass nie­mand ihr die­se glau­ben wür­de. Al­so mein­te sie nur, dass sie sich im Wald ver­lau­fen und nicht mehr nach Hau­se ge­fun­den hät­te. Seit die­sem Er­leb­nis ach­te­te Lin sehr auf die Na­tur. Sie schmiss nie mehr Müll ein­fach weg und be­stand auch dar­auf, nicht mehr den Ra­sen zu mä­hen. Sie bau­te Ro­sen im Gar­ten an, da­mit die dar­auf le­ben­den Läu­se den Ma­ri­en­kä­fern als Nah­rung dien­ten. Au­ßer­dem ging sie gleich am nächs­ten Tag mit ei­nem Verbandskasten los und such­te den Teich, in dem sie Gina ken­nen­ge­lernt hat­te. Die­se war im­mer noch dort und freu­te sich sehr, dass sie Lin, wenn auch in groß, wie­der­traf. Die­se hob Gina vor­sich­tig aus dem Was­ser und ver­arz­te­te ih­ren Fuß. Nach­dem sie ihn mit ei­nem gro­ßen Ver­band um­wi­ckelt hat­te, nahm sie Gina hoch und trug sie zu dem Bach, in dem ih­re Freun­de schwam­men. Ab die­sem Zeit­punkt schau­te Lin re­gel­mä­ßig nach den En­ten. Au­ßer­dem säu­ber­te sie den Bach und freu­te sich, als be­reits im nächs­ten Jahr end­lich wie­der Blu­men an des­sen Ufer wuch­sen. Lins El­tern wun­der­ten sich zwar dar­über, dass ih­re Toch­ter seit ih­rer Wie­der­kehr manch­mal ei­nem Storch zu­wink­te und je­den Müll auf­sam­mel­te, den sie beim Spa­zie­ren­ge­hen ent­deck­ten, freu­ten sich aber ein­fach dar­über ih­re Toch­ter wie­der­zu­ha­ben. Au­ßer­dem sa­hen sie es ger­ne, dass sich Lin mit der Na­tur be­schäf­tig­te und ver­ant­wor­tungs­voll mit ihr um­ging.

Der Storch ver­wech­sel­te Lin mit ei­nem Frosch

Al­f­red, der Storch, nahm Lin mit auf die Rei­se und brach­te sie wie­der nach Hau­se. Spä­ter wun­der­ten sich Lins El­tern, dass ih­re Toch­ter manch­mal ei­nem Storch zu­wink­te. Sie konn­ten ja nicht wis­sen, was Lin al­les er­lebt hat­te. Foto: Joa­chim Ne­u­mann@fo­to­lia

Ei­nen Frosch woll­te der Storch fan­gen – aber er er­wisch­te die klei­ne Lin. Foto: avs

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