Das Wort zum Sonn­tag

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

„Herr Pfar­rer, ha­ben Sie es schon ge­merkt? Ih­re Kirch­turm­uhr steht.“Die Frau ist nicht die ers­te, die mich dar­auf hin­weist. Die Uhr steht schon seit Wo­chen. „Bei uns ti­cken die Uh­ren an­ders!“, bin ich ver­sucht zu sa­gen. Aber die Uhr tickt ja nicht ein­mal mehr. Be­vor wir sie an­hiel­ten, ging sie im­mer lang­sa­mer. Täg­lich ver­lor sie ein paar Mi­nu­ten. „Wie scha­de, dass die Uhr die Zeit nur an­zeigt, und sie nicht be­stimmt“, den­ke ich. „Das wä­ren täg­lich ein paar ge­schenk­te Au­gen­bli­cke.“Der Turm der Lu­kas­kir­che steht gut sicht­bar an der schö­nen Sel­den­eck­stra­ße, der Ver­län­ge­rung der Hilda­pro­me­na­de. Ich selbst schaue auch im­mer auf die Uhr, wenn ich vor­bei­kom­me. Und doch bin ich über­rascht, wie vie­le Men­schen sich an un­se­rer Uhr ori­en­tie­ren. Was, wenn wir uns nicht nur an der ti­cken­den Uhr ori­en­tie­ren wür­den, son­dern auch an der ste­hen­den? Was, wenn die Men­schen ein­fach ste­hen blie­ben – wie die Uhr? Den Takt un­ter­bre­chen, die Ge­wohn­heit, den All­tag? Das wä­re wohl ei­ne viel pas­sen­de­re Bot­schaft un­se­res Kirch­turms: Statt die Men­schen in den All­tag ein­zu­tak­ten, wür­de er sie aus dem Takt brin­gen. Er wür­de sie dar­an er­in­nern, dass es noch an­de­re Zei­ten gibt, ei­nen an­de­ren Takt: die­se Mo­men­te, in de­nen die Zeit still zu ste­hen scheint. Hei­li­ge Mo­men­te: Um mich her­um tickt das Le­ben wie im­mer, ich selbst aber tau­che ein in ei­nen Mo­ment Ewig­keit. Er­ha­be­ne Mo­men­te sind das, aber sie schre­cken mich auch auf. Denn jetzt erst spü­re ich wie­der, was Le­ben heißt, und wo ich es an mir vor­bei­ti­cken las­se. „Bei uns ti­cken die Uh­ren an­ders!“, sa­ge ich nun doch und hof­fe, dass es noch dau­ert, bis die Re­pa­ra­tur­an­ge­bo­te durch die Zahn­rä­der un­se­rer Ver­wal­tung ti­cken.

von Pfar­rer Walter Bo­ës, evan­ge­li­sche Lu­kas­ge­mein­de Karls­ru­he

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