Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

„Der Mark­graf be­lus­tig­te sich einst im Hardtwald mit der Jagd, ge­riet aber zu tief ins Ge­hölz hin­ein und ver­irr­te sich ... Er muss­te sich end­lich ent­schlie­ßen, so fremd es ihm auch sein moch­te, mit ei­nem La­ger auf dem be­ras­ten Bo­den des Wal­des vor­lieb zu neh­men. Sei­ne Be­glei­ter, die ihn die gan­ze Nacht um­sonst ge­sucht hat­ten, fan­den ihn am fol­gen­den Mor­gen beim Er­wa­chen von ei­nem sanf­ten Schla­fe. Aus Dank­bar­keit für die­se ge­hab­te Er­qui­ckung er­klär­te der Fürst, dass er die­sen Platz künf­tig Karls Ru­he ge­nannt wis­sen woll­te ...“Ja, es klingt sehr er­quick­lich, was ein Haus­leh­rer na­mens Fried­rich Leo­pold Brunn ge­gen En­de des 18. Jahr­hun­derts über die Grün­dung der Fä­cher­stadt zu be­rich­ten wuss­te. Seit­her ver­kün­den Lo­kal­pa­trio­ten voll Stolz: Karls­ru­he ist ein Stadt ge­wor­de­ner Traum. Oder doch nicht? Der in Büh­ler­tal ge­bo­re­ne Schrift­stel­ler Al­bert Gei­ger mel­de­te vor 100 Jah­ren Zwei­fel an: Der Bericht vom Träu­mer im Hardtwald, so mein­te er, klin­ge „in­so­fern et­was un­glaub­haft, als Duo­dez­fürs­ten je­ner Zeit ge­wöhn­lich nicht bei der Jagd, son­dern bei Staats­ge­schäf­ten ein­zu­schla­fen pfleg­ten“. Ein Ha­gel­korn Wahr­heit Ob das auch beim Grün­der Karls­ru­hes so war? Das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um zeigt der­zeit ei­ne Aus­stel­lung über den Mark­gra­fen Karl Wil­helm. Wer dort nach­fragt, be­kommt die Ant­wort: Doch, er hat sich im Wald ver­irrt. Die Aus­stel­lungs­ma­cher be­ru­fen sich auf ei­nen Ein­trag in Karl Wil­helms Hof­ta­ge­buch, der je­den Zwei­fel be­sei­tigt. Al­ler­dings las­sen die dort fest­ge­hal­te­nen Er­eig­nis­se nicht wirk­lich auf ei­nen er­quick­li­chen Schlum­mer schlie­ßen: Es soll an je­nem Tag wie wild ge­reg­net und ge­schneit ha­ben – und „da er (der Mark­graf) sich nun ver­irrt hat­te, trös­te­te er sich un­ter die­sem Bir­ken­baum ...“. Der Schrei­ber ver­merk­te noch, dass Karl Wil­helm „ver­fro­ren“wä­re, hät­ten ihn die Waid­ge­sel­len nicht ge­fun­den. Ist Karls­ru­he et­wa die Frucht ei­nes Alp­traums? Kei­nes­wegs. Der Ein­trag des im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv auf­be­wahr­ten Hof­ta­ge­buchs ist näm­lich auf den 24. April 1721 da­tiert – und da lag die Stadt­grün­dung schon bald sechs Jah­re zu­rück. Aber ir­gend­wie ist es trotz­dem schön, dass in der Stadt­grün­dungs­le­gen­de ein Körn­chen Wahr­heit steckt. Auch wenn es wo­mög­lich ein Ha­gel­korn war.

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