Wo liegt der Mit­tel­punkt Ba­dens?

Spu­ren­su­che mit der Hoch­schu­le Karls­ru­he führt nach Op­penau und – ins Schwä­bi­sche!

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Tho­mas Liebs­cher

Der Mit­tel­punkt Deutsch­lands be­fin­det sich im Thü­rin­ger Dorf An­ro­de. Dar­auf kommt man, wenn der geo­me­tri­sche Schwer­punkt von Deutsch­lands Staats­ge­biet er­mit­telt wird, ein­schließ­lich des Mee­res. In Thü­rin­gen und Hes­sen lie­gen noch wei­te­re Or­te, die sich zen­tra­ler deut­scher La­ge rüh­men und mit an­de­ren Me­tho­den er­mit­telt wur­den. Den geo­gra­fi­schen Mit­tel­punkt Ba­denWürt­tem­bergs kennt man eben­falls. Er wur­de 1980 vom Lan­des­ver­mes­sungs­amt er­mit­telt und ist mar­kiert durch ei­ne ke­gel­för­mi­ge Skulp­tur im Kä­sen­bach­tal nörd­lich von Tü­bin­gen. Wo aber liegt ei­gent­lich der Mit­tel­punkt von Ba­den? Al­so vom ba­di­schen Land in sei­nen his­to­ri­schen Gren­zen, die von 1806 bis zum En­de des Zwei­ten Welt­kriegs be­stan­den. Selbst die bull­do­zer­för­mi­ge Ge­biets­re­form der 1970er Jah­re mit ih­ren be­ab­sich­ti­gen his­to­ri­schen Rück­sichts­lo­sig­kei­ten konn­te das Ge­spür für ba­di­sche Tra­di­tio­nen und Gren­zen nicht ein­eb­nen.

Ers­te Spur nach Achern

Bei der Spu­ren­su­che nach dem Mit­tel­punkt Ba­dens lan­det man zu­nächst in Achern. Auf dem Ad­ler­platz in der Stadt am Fu­ße der Hor­nis­grin­de steht das Leo­polds­denk­mal. Es soll gleich­zei­tig das Zen­trum Ba­dens mar­kie­ren. So steht es auf ei­ner In­fo­ta­fel. Und Achern ge­hört schließ­lich zu Mit­tel­ba­den. Aber hält die Be­haup­tung ei­ner Über­prü­fung stand? Was sa­gen die Ver­mes­sungs-Fach­leu­te, al­so die heu­ti­gen Geo­ma­tik-In­ge­nieu­re? An der Karls­ru­her Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft, der frü­he­ren Fach­hoch­schu­le, wa­ren Wis­sen­schaft­ler gern be­reit, den SONN­TAG bei der Lö­sung die­ser Ba­den­fra­ge zu un­ter­stüt­zen. An der Fa­kul­tät für In­for­ma­ti­ons­ma­nage­ment und Me­di­en si­gna­li­sier­te Pro­de­kan Pe­ter Freck­mann: Wir wer­fen un­se­re Na­vi­ga­ti­ons­sys­te­me da­für an. Denn, so der Pro­fes­sor, sol­che und ähn­li­che Fra­ge­stel­lun­gen sind im All­tag des In­ge­nieurs­be­rufs ak­tu­ell und kei­nes­wegs nur Spie­le­rei. Kar­to­gra­fie und Geo­mar­ke­ting ge­hö­ren an der Molt­ke­stra­ße zur Aus­bil­dung in den Stu­di­en­gän­gen Geo-In­for­ma­ti­ons­ma­nage­ment oder Geo­dä­sie und Na­vi­ga­ti­on. Ei­ne Kar­te von Ba­den in den Gren­zen bis zu den 1930er Jah­ren dient als Aus­gangs­punkt. Durch­ge­spielt wur­den ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, ei­nen Mit­tel­punkt zu be­stim­men.

Der geo­me­tri­sche Schwer­punkt

Man stel­le sich vor, die Flä­che ei­nes Lan­des im ver­klei­ner­ten Maß­stab wird auf ei­ne Holz­plat­te pro­ji­ziert. An der Stel­le, wo man mit dem Fin­ger dar­un­ter die Holz­plat­te im Gleich­ge­wicht ba­lan­cie­ren kann, da liegt der Schwer­punkt. So­zu­sa­gen der ru­hen­de Mit­tel­punkt. Bei Ge­bie­ten mit ei­ner eher run­den oder recht­ecki­gen Flä­che hat man es nicht schwer mit dem Schwer­punkt. An­ders im Fall Ba­den. Weil das Land, zu­min­dest zwi­schen Em­men­din­gen und Wert­heim, ziem­lich schmal und ge­krümmt ist, gibt es kei­nen Punkt zum Aus­ba­lan­cie­ren, da die­ser au­ßer­halb Ba­dens lä­ge. Bei Be­rech­nung mit dem Com­pu­ter kommt man auf ei­nen geo­me­tri­schen Schwer­punkt, der im Würt­tem­ber­gi­schen liegt. Ge­nau­er beim Bar­fuß­park in Hall­stet­ten, Ge­mein­de Dorn­stet­ten, Kreis Freu­den­stadt. So hat es In­ge­nieur Chris­ti­an Stern an der Hoch­schu­le Karls­ru­he aus­ge­rech­net. Nun ge­hört die­ser Land­kreis zwar zum Re­gie­rungs­be­zirk Karls­ru­he, aber er ist his­to­risch ein­deu­tig schwä­bisch. Ob man dort dem ba­di­schen Schwer­punkt ein Denk­mal set­zen woll­te?

Ver­bin­dung von Ex­trem­punk­ten

Ei­ne wei­te­re Mög­lich­keit, den Mit­tel­punkt zu fin­den, be­steht dar­in, die Ex­trem­punk­te ei­nes Lan­des zu ver­bin­den und den Schnitt­punkt zu er­mit­teln. Wo sich die Li­ni­en zwi­schen dem nörd­lichs­tem und süd­lichs­ten so­wie dem öst­lichs­ten und west­lichs­ten ba­di­schen Punkt kreu­zen, liegt die­ser Mit­tel­punkt. Wie­der lan­det der Kar­to­graf in Würt­tem­berg, dies­mal auf der Ge­mar­kung Al­ten­steig. Und dann gä­be es noch den rech­ne­risch er­mit­tel­ten Ko­or­di­na­ten-Mit­tel­wert der Ex­trem­punk­te in der Ge­mein­de Neu­bu­lach. Wie­der nicht im Ba­di­schen zu fin­den. Klar ist in­zwi­schen, dass Achern aus­ge­schie­den ist bei der Rei­se zum Mit­tel­punkt der ba­di­schen Welt. Aber es gibt noch ei­ne Me­tho­de.

Zen­tra­ler Ort: Op­penau-Mai­sach

Rein geo­gra­fisch ist der zen­trals­te Ort de­fi­niert als der­je­ni­ge Ort mit dem ge­rings­ten Ab­stand zu ge­setz­ten Punk­ten auf der Lan­des­gren­ze. Chris­ti­an Stern hat für die Be­rech­nung an je­den Ki­lo­me­ter ent­lang der al­ten ba­di­schen Gren­zen Punk­te ge­setzt und per Com­pu­ter Ent­fer­nun­gen be­rech­net. Wo die Sum­me der Ver­bin­dungs­li­ni­en in­ner­halb der Lan­des­flä­che am ge­rings­ten ist, da stößt man auf den zen­tra­len Ort. Dies­mal muss­te der In­ge­nieur in­ner­halb Ba­dens fün­dig wer­den. Er lan­de­te auf der Hö­he zwi­schen Op­penau und Grieß­bach, im Op­pe­nau­er Stadt­teil Mai­sach im Or­ten­au­kreis. Der Ort liegt im Rench­tal, das seit 1803 ba­disch ist. Dem klei­nen Mai­sach ge­bührt so­mit die Eh­re, zen­trals­ter Ort in Ba­den zu sein. Wir rech­nen trotz­dem nicht da­mit, dass die Tou­ris­ten nun, statt nach Hei­del­berg zu zie­hen, die 267 Ein­woh­ner von Mai­sach be­hel­li­gen. Man kann im Mit­tel­punkt lie­gen, oh­ne im Mit­tel­punkt zu ste­hen. Wer sich üb­ri­gens ori­en­tie­ren will, ob er sich ge­ra­de im his­to­ri­schen Ba­den be­fin­det, kann ei­ne kar­to­gra­fi­sche Hil­fe in die Hand neh­men. Ei­ne ge­naue neue ba­di­sche Land­kar­te mit den al­ten Gren­zen ist dan­kens­wer­ter Wei­se in ei­nem Stutt­gar­ter Ver­lag er­schie­nen. Die Kar­te ist un­ter an­de­rem er­hält­lich im Shop des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums, in Wal­lis Fan­shop beim Karls­ru­her Kro­nen­platz oder als Stick über die Home­page „Ba­den-Fan“. Noch wich­ti­ger als die Gren­zen sind frei­lich die Men­schen des Lan­des. Als der Schrift­stel­ler Ste­fan Zweig 1925 in Frei­burg war, be­rich­te­te er sei­ner Frau in ei­nem Brief von „sehr sym­pa­thi­scher Be­völ­ke­rung“. Auf der Wei­ter­fahrt per Zug hielt er sich ei­ni­ge Ta­ge in Ba­den-Ba­den und Hei­del­berg auf. An­schlie­ßend schrieb der bis heu­te be­rühm­te ös­ter­rei­chi­sche Au­tor an sei­ne Frie­de­ri­ke: „Die­ser ba­di­sche Teil ist si­cher der bes­te Deutsch­lands und ich ha­be mich bis­her sehr wohl ge­fühlt...“

Land­kar­te Ba­dens in his­to­ri­schen Gren­zen Fa­kul­tät für In­for­ma­ti­ons­ma­nage­ment und Me­di­en (IMM) Hoch­schu­le für Karls­ru­he – Tech­nik und Wirt­schaft Da­ten­quel­len: © Es­ri Da­ta & Maps 2004, GeoBa­sis-DE/BKG 2013 Die Su­che nach dem geo­gra­fi­schen Mit­tel­punkt Ba­dens: Der SONN­TAG woll­te wis­sen, wo die­ser Ort liegt. Schließ­lich gibt es Mit­tel­punk­te Deutsch­lands und Ba­den-Würt­tem­bergs. Geo­ma­tik-In­ge­nieu­re der Hoch­schu­le Karls­ru­he grif­fen die­se Ba­den­fra­ge auf und rech­ne­ten. Li­ni­en und Drei­ecke auf der Kar­te zei­gen, dass es ver­schie­de­ne Me­tho­den gibt. Der geo­me­tri­sche Schwer­punkt lä­ge in Würt­tem­berg, weil Ba­den so schmal ist. Der zen­tra­le Ort Op­penau hat den ge­rings­ten Ab­stand zu al­len Gren­zen. Zen­trals­ter Ort: Op­penau-Mai­sach Geo­me­tri­scher Schwer­punkt: Dorn­stet­ten Ko­or­di­na­ten Mit­tel­wert der Ex­trem­punk­te Schnitt­punkt ver­bun­de­ner Ex­trem­punk­te Ex­trem­punkt (z. B. nörd­lichs­ter Punkt Ba­dens)

Op­penau

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.