Die Wäh­le­ri­sche

Oh­ne Zaun­rü­be geht bei der Wild­bie­ne des Jah­res nichts

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Patri­cia Klatt

Die Zaun­rü­ben-Sand­bie­ne ist Wild­bie­ne des Jah­res 2015 – aber wer kennt die­ses In­sekt schon? Das Ku­ra­to­ri­um „Wild­bie­ne des Jah­res“möch­te mit sei­ner Wahl das Au­gen­merk auf die oft un­ter­schätz­ten Wild­bie­nen len­ken. Viel be­kann­ter sind die Ho­nig­bie­nen. Doch die stel­len ge­ra­de mal neun der welt­weit rund 20 000 Bie­nen­ar­ten. Von der Gat­tung der Sand­bie­nen hin­ge­gen sind al­lein in Deutsch­land über 100 Ar­ten be­kannt. Und die Sand­bie­nen sind die flei­ßigs­ten Bie­nen: Sie kön­nen pro Tag bis zu 8.880 Blü­ten be­stäu­ben und schaf­fen da­mit mehr als dop­pelt so vie­le Blü­ten wie ei­ne Ho­nig­bie­ne. Da­her gibt es Ver­su­che, die­se Bie­nen zu züch­ten und ge­zielt zur Be­stäu­bung ein­zu­set­zen. Sie lie­ben san­di­gen Bo­den, Son­ne und Tro­cken­heit. So wie auf ei­nem Ber­li­ner Spiel­platz in Berlin, wo sich un­er­war­tet Sand­bie­nen ein­fan­den. Die Stadt Berlin sperr­te den Be­reich vor­über­ge­hend – um die Sand­bie­nen zu schüt­zen. Raum für Wild­bie­nen schaf­fen, dar­an liegt auch der Stadt Karls­ru­he. Sie hat in der Win­gert­gas­se in Grün­wet­ters­bach die Bö­schung steil ab­ge­sto­chen, um Raum für Wild­bie­nen zu schaf­fen. „Wir ha­ben bis­her aber noch nicht ge­zielt nach­ge­schaut was sich an der Bö­schung an­ge­sie­delt hat“, sagt Vol­ker Hahn vom Um­welt- und Ar­beits­schutz der Stadt Karls­ru­he. „Wir wol­len da­mit auch noch ein bis zwei Jah­re war­ten, weil sol­che An­sti­che erst nach und nach an­ge­nom­men wer­den. Wir rech­nen aber nicht mit der Zaun­rü­ben-Sand­bie­ne weil die­se eben­er­di­ge Stel­len für die An­la­ge des Nes­tes be­vor­zugt“. Auf dem ehe­ma­li­gen Mi­li­tär­ge­län­de Puy­sé­gur bei Ba­den-Ba­den-Sandwei­er, das schon vor Jah­ren von den fran­zö­si­schen Streit­kräf­ten ver­las­sen wur­de, fin­det man die Sand­bie­nen. „Die­se Flä­chen wa­ren der in­ten­si­ven Nut­zung durch den Men­schen ent­zo­gen und des­we­gen konn­ten dort vie­le Ar­ten trotz Mi­li­tär­übun­gen über­le­ben“, er­läu­tert Arno Scha­now­ski vom In­sti­tut für Land­schafts­öko­lo­gie und Na­tur­schutz des Na­bu in Bühl-Vim­buch. „Das war al­ler­dings wirk­lich kei­ne Fol­ge be­son­de­rer Ein­sicht, son­dern eher ei­ne zu­fäl­li­ge Be­gleit­erschei­nung“, sagt der Bio­lo­ge. Das Puy­sé­gur-Ge­län­de ist heu­te als Na­tur­schutz­ge­biet „Sand­hei­den und Dü­nen bei Sandwei­er und If­fez­heim“ein­ge­stuft. Die „Wild­bie­ne des Jah­res 2015“kann man üb­ri­gens auch ge­zielt in den ei­ge­nen Gar­ten lo­cken. Die Zaun­rü­benSand­bie­ne ge­hört näm­lich zu den Ar­ten, die bei der Wahl der be­such­ten Blü­ten ex­trem wäh­le­risch sind. Sie be­sucht aus­schließ­lich die Blü­ten der Zaun­rü­be und man fin­det das In­sekt nur dort, wo die Zaun­rü­be re­gel­mä­ßig blüht. Man soll­te die­se al­te Heil­pflan­ze, die vie­ler­orts als Un­kraut gilt, al­so an ei­ni­gen Stel­len im Gar­ten to­le­rie­ren. Da­bei ist al­ler­dings ei­ne ge­wis­se Vor­sicht an­ge­bracht, be­son­ders, wenn Kin­der im Haus sind, denn von der Zaun­rü­be sind al­le Tei­le gif­tig. Sie blüht von Ju­ni bis Sep­tem­ber. „Ihr Nest baut die Zaun­rü­ben-Sand­bie­ne im Som­mer gut ge­tarnt in ziem­lich fes­tem Erd­bo­den und im dar­auf­fol­gen­den Früh­jahr schlüp­fen dar­aus in kur­zem Ab­stand die Jung­bie­nen“, er­läu­tert Scha­now­ski. Wenn man dann plötz­lich knapp über dem Gar­ten­bo­den ein „un­ge­heu­res Bie­nen-Ge­wim­mel“be­ob­ach­tet, kann das ei­nen un­be­darf­ten Gar­ten­be­sit­zer schon be­un­ru­hi­gen. Aber da die Männ­chen der Sand­bie­nen nicht ste­chen und die al­ler­meis­ten Sand­bie­nenWeib­chen mit ih­rem St­a­chel die mensch­li­che Haut nicht durch­drin­gen kön­nen, muss man sich da kei­ne Sor­gen ma­chen. Man soll­te sich im Ge­gen­teil freu­en, wenn sich Wild­bie­nen im Um­feld wohl­füh­len. Denn die in­ten­si­ve land­wirt­schaft­li­che Nut­zung und die rie­si­gen Mais­fel­der in der Ober­rhein­ebe­ne be­dro­hen die Le­bens­räu­me vie­ler Ar­ten. Ho­nig­bie­nen be­stäu­ben zwar auch die­se Mo­no­kul­tu­ren, aber für vie­le Wild­bie­nen rei­chen sie als Le­bens­grund­la­ge nicht aus. Sie sind auf Ar­ten­viel­falt für ih­re Nah­rung und Nist­plät­ze an­ge­wie­sen. Und der wach­sen­de Pes­ti­zid­ein­satz ver­gif­tet nicht nur die Ho­nig­bie­ne, son­dern glei­cher­ma­ßen vie­le Wild­bie­nen. Es ist dort nur nicht so of­fen­sicht­lich. Lang­fris­tig wird die Be­dro­hung der Bie­nen auch ein Wirt­schafts­fak­tor wer­den. Öko­no­men und Öko­lo­gen ha­ben aus­ge­rech­net, dass der Wert der durch die Be­stäu­bung von den Bie­nen er­brach­ten „öko­lo­gi­schen Di­enst­leis­tung“im Jahr 2009 bei rund 350 Mil­li­ar­den US-Dol­lar lag. Nimmt die An­zahl der Bie­nen wei­ter aber ab, müss­te die Be­stäu­bung mit an­de­ren, sehr teu­rem Me­tho­den über­nom­men wer­den.

Mun­te­res Le­ben auf frü­he­rem Mi­li­tär­ge­län­de

Wild­bie­ne des Jah­res 2015: Wenn von Ju­ni bis Sep­tem­ber die Zaun­rü­be blüht, bricht die gro­ße Zeit der Zaun­rü­ben-Sand­bie­ne an. Foto: M. Klatt

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