Per­ma­nent im Wan­del

Mo­di­sches Pro­bier­me­nü sorgt für fun­dier­ten Über­blick

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Patri­cia Klatt

Mo­de ist ver­gäng­lich, Stil bleibt“, sag­te Ga­b­ri­el­le „Co­co“Cha­nel. Die Mo­de­schöp­fe­rin stand wie kei­ne an­de­re für die mo­der­ne Frau des 20. Jahr­hun­derts, „die im­stan­de war, sich selbst neu zu er­fin­den und ei­nen per­sön­li­chen Stil zu ent­wi­ckeln“. Ähn­lich er­folg­reich wie Cha­nel ver­mark­tet sich Ralph Lau­ren: „Ich ent­wer­fe kei­ne Klei­der, son­dern Träu­me“. Yoh­ji Ya­ma­mo­to da­ge­gen gilt als Phi­lo­soph un­ter den De­si­gnern, der „Mo­de in ei­nem grö­ße­rem Kon­text be­trach­tet“und Hus­sein Cha­la­y­an ist ei­ner der „vi­sio­närs­ten De­si­gner des 21. Jahr­hun­derts“. In ih­rem Hand­buch der Mo­de prä­sen­tie­ren Ali­cia Ken­ne­dy und Emi­ly Ba­nis Sto­eh­rer in Zu­sam­men­ar­beit mit Jay Cal­de­rin ei­nen Über­blick über die Mo­de­welt, wie er um­fas­sen­der kaum sein könn­te. Rund 100 Sei­ten sind den De­si­gnern ge­wid­met, die die Autoren in „Stil­bil­den­de Mo­de­schöp­fer“und in „Hand­wer­ker und Pio­nie­re“ein­tei­len. Die De­si­gner ste­hen am En­de ei­ner lan­gen Mo­de­ge­schich­te, die bis in das spä­te Mit­tel­al­ter zu­rück­reicht. Mo­de wur­de im Lau­fe der Jahr­hun­der­te mehr­fach neu de­fi­niert, sie er­leb­te In­dus­tria­li­sie­rung, De­mo­kra­ti­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung und un­ter­liegt auch heu­te ei­nem per­ma­nen­ten Wan­del. Mo­de ge­hört zu un­se­rer Kul­tur­ge­schich­te und sym­bo­li­siert viel mehr als nur ei­nen gu­ten oder schlech­ten Ge­schmack. Gan­ze Be­we­gun­gen wur­den von der Mo­de un­ter­stützt und ge­tra­gen. Im „Hand­buch der Mo­de“spannt das Au­to­ren­team den Bo­gen vom 15. Jahr­hun­dert bis in die Ge­gen­wart und greift Be­son­de­res aus je­der Epo­che her­aus. So wur­de 1837 der Trend zum wei­ßen Braut­kleid von Queen Vic­to­ria be­grün­det. 1892 er­schien die ers­te Aus­ga­be der Vo­gue in den USA, 1900 wur­de im Rah­men der Welt­aus­stel­lung die ers­te Hau­te Cou­ture Schau ver­an­stal­tet und 1924 ver­bot zum Bei­spiel die Uni­ver­si­tät Ox­ford das Tra­gen von Kni­cker­bo­ckern auf dem Cam­pus. Selt­sa­mes, Skur­ri­les und In­ter­es­san­tes aus der Mo­de­ge­schich­te wird vor­ge­stellt und durch vie­le Zeich­nun­gen un­ter­malt. Es folgt ein Ka­pi­tel über das „Sys­tem Mo­de“, was ge­hört da­zu und was ist un­ver­zicht­bar? Be­gin­nend mit dem Schnei­der­hand­werk über das Cou­tureHaus, die Man­ne­quins und Ein­käu­fer, die An­fän­ge der Kon­fek­ti­on bis hin zu Ak­teu­ren, den La­bels und den Ac­ces­soires – auf span­nen­de Art und Wei­se wird auf­ge­zeigt, wie sich das gan­ze Sys­tem Mo­de ent­wi­ckelt hat. Wer nie so ge­nau wuss­te, was man un­ter Hau­te Cou­ture wirk­lich ver­steht – hier kann er es nach­le­sen. Man er­fährt zu­dem, wie das Wa­ren­haus sich ent­wi­ckelt hat, war­um auf ein­mal die Bou­ti­quen so in­ter­es­sant für die Mas­se wur­den und wie sich Mo­de heut­zu­ta­ge ver­brei­tet. Ali­cia Ken­ne­dy un­ter­rich­tet am La­sell Col­le­ge in Mas­sa­chu­setts Mo­de­ge- schich­te des 20. Jahr­hun­derts, Emi­ly Ba­nis Sto­eh­rer lei­tet das Mo­de­pro­gramm des Fis­her Col­le­ge in Bos­ton. Ihr Blick auf die Mo­de­ge­schich­te ist um­fas­send und wohl­wol­lend. Hier schreibt je­mand über Mo­de, der das Sys­tem mit all sei­nen Stär­ken und Schwä­chen kennt. Un­ter­stützt wer­den die bei­den von Jay Cal­de­rin, dem Lei­ter der Ab­tei­lung für krea­ti­ves Mar­ke­ting an der School of Fa­shion De­sign in Bos­ton. Wer beim „Hand­buch der Mo­de“le­dig­lich ein Nach­schla­ge­werk über die neu­es­ten Trends er­war­tet, ist hier falsch, denn das Buch zeigt viel­mehr auf, wie „Mo­de im Rah­men kom­ple­xer so­zia­ler, wirt­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Sys­te­me er­dacht, pro­du­ziert und ver­trie­ben wird“. Zu solch ei­nem sol­chen Über­blick ge­hö­ren auch die Mo­de­zen­tren wie Paris, Lon­don, New York, Mai­land oder To­kio so­wie Mo­de­schu­len, die die Fach­kräf­te aus­bil­den. Da geht es um Slow Fa­shion, Bio-Cou­ture oder ka­ta­ly­ti­sche Klei­dung wie das luft­rei­ni­gen­de Kleid. Die Mo­de der Zu­kunft kann un­se­re Stim­mun­gen durch ein­ge­bau­te Sen­so­ren mit­tei­len, es gibt das LED-Kleid und fern­ge­steu­er­te, me­cha­nisch be­weg­te Klei­der. Selbst wenn ei­nem nun ein biss­chen un­be­hag­lich zu­mu­te wird, weil man ein T-Shirt ein­fach nur tra­gen möch­te, oh­ne der Um­ge­bung da­bei gleich sei­ne Emo­tio­nen mit­zu­tei­len – die Mo­de­ma­schi­ne dreht sich un­auf­halt­sam wei­ter. Ein ei­ge­nes Ka­pi­tel wid­men Ken­ne­dy und Sto­eh­rer den „al­ten“und „neu­en“Me­di­en. Li­zen­zen, Markt­recht, Lu­xus­kon­zer­ne und die Fra­ge, ob Mo­de Kunst sei, run­den die­ses Buch ab. Trend­set­ter und De­si­gner be­schlie­ßen es: Mo­de ist Klei­dung, die „den Zeit­geist um­setzt und die Fan­ta­sie an­regt“. Das sehr emp­feh­lens­wer­te Hand­buch über­lässt es den Le­se­rin­nen und Le­sern, ob sie Mo­de als ein kul­tu­rel­les Kon­strukt oder als mil­li­ar­den­schwe­res in­ter­na­tio­na­les Bu­si­ness ein­stu­fen wol­len. Ali­cia Ken­ne­dy, Emi­ly Ba­nis Sto­eh­rer und Jay Cal­de­rin se­hen ihr Hand­buch der Mo­de je­den­falls als „ein Pro­bier­me­nü an, als ei­ne Ab­fol­ge von Häpp­chen, die dem Le­ser ei­nen fun­dier­ten Über­blick bie­ten soll“. Das ist ih­nen wun­der­bar und ab­wechs­lungs­reich ge­lun­gen.

Fa­shion – das Hand­buch der Mo­de von Ali­cia Ken­ne­dy, Emi­ly Ba­nis Sto­eh­rer, Jay Cal­de­rin (Mit­ar­beit), 416 Sei­ten, Haupt-Ver­lag, 59,90 Eu­ro.

Co­co Cha­nel nimmt letz­te Än­de­run­gen an ei­nem Cock­tail-Kleid vor: Die Mo­de­ma­che­rin war ver­mut­lich die ers­te, die ih­ren ei­ge­nen Stil ver­mark­te­te. Foto von 1959: @ Getty Images/Haupt Ver­lag

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