Dü­nen am Rhein: Die Hei­de­ler­che fühlt sich hier wohl

Am Ober­rhein fin­det man zahl­rei­che sel­te­ne Pflan­zen und Tie­re

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite -

Er ist ei­ne ab­so­lu­te Ra­ri­tät.“Jo­chen Leh­mann vom In­sti­tut für Land­schafts­öko­lo­gie in Bühl-Vim­buch ist sicht­lich fas­zi­niert. „Errr/örrrr/errr/ örrrr/errr/örrrr“– wenn man in der Abend­däm­me­rung die­sen knat­tern­den Ruf im Hü­gels­hei­mer Hardtwald hört, han­delt es sich wahr­schein­lich um den sel­te­nen Zie­gen­mel­ker. Vier Brut­paa­re die­ses vom Auss­ter­ben be­droh­ten Vo­gels ver­mu­tet man dort noch, sagt der Bio­lo­ge. Auch für an­de­re sel­te­ne Tier- und Pflan­zen­ar­ten bie­ten die Hardtplat­ten, die par­al­lel zum Rhein im Os­ten ver­lau­fen und zu de­nen auch der Hü­gels­hei­mer Hardtwald ge­hört, ein her­aus­ra­gen­des Re­fu­gi­um. Sie sind Teil der „Hots­pot­re­gi­on 10 – Nörd­li­che Ober­rhein­ebe­ne mit Hardtplat­ten“zwi­schen Bin- gen und Bühl. Bun­des­weit gibt es 30 so­ge­nann­te „Hots­pots der Bio­lo­gi­schen Viel­falt“. Aus­ge­wie­sen hat sie das Bun­des­amt für Na­tur­schutz. Auf ei­ner Flä­che von knapp 2 300 Qua­drat­ki­lo­me­tern ent­lang des Rheins fin­den sich in der Hots­pot­re­gi­on 10 hoch­wer­ti­ge Le­bens­räu­me: die Über­flu­tungs­au­en des Rheins – be­gin­nend nach der Stau­stu­fe If­fez­heim –, an­gren­zend dar­an die be­sag­ten Hardtplat­ten so­wie die Kin­zig-Murg-Rin­ne. Mit dem Pro­jekt „Le­bens­ader Ober­rhein“soll die Pfle­ge und der Er­halt die­ser be­son­de­ren Ge­bie­te di­rekt vor un­se­rer Haus­tür un­ter­stützt wer­den. Der Geo­graf Ar­min Jen­dry­sik vom Be­zirks­ver­band Rhein-Neckar-Oden­wald ist in Ba­den-Würt­tem­berg Pro­jekt­lei­ter des Ar­ten­schutz­pro­jek­tes „San­dra­sen“. Er kennt die Hardtplat­ten ganz ge­nau. „Der Rhein trans­por­tier­te nach der letz­ten Eis­zeit Schot­ter­ge­röll aus den Al­pen mit sich und la­ger­te es dann beid­sei­tig des Flus­ses ab. Durch den Wind wur­den die fei­nen San­de aus dem Ge­röll dann Rich­tung Nord­os­ten ge­weht und da­durch ent­stan­den ent­lang des Wild­stroms Flug­s­and­fel­der, San­dra­sen und Bin­nen­dünen fern­ab vom Meer“, er­klärt Jen­dry­sik. Pflan­zen sie­del­ten sich an und es bil­de­te sich die ty­pi­sche San­dra­sen­ve­ge­ta­ti­on aus. Der Mensch nutz­te gro­ße Tei­le der Flä­chen land- und forst­wirt­schaft­lich. Auch heu­te wach­sen auf den san­di­gen Bö­den Son­der­kul­tu­ren wie Spar­gel und Erd­bee­ren, zu­dem wur­de im gro­ßen Stil mit Kie­fern auf­ge­fors­tet. Der Be­zug zum Sand fin­det sich in Orts­na­men wie „Sandwei­er“oder „Sand­hau­sen“. Die Sand­ge­bie­te in der Hots­pot­re­gi­on 10 ste­hen be­reits teil­wei­se un­ter Na­tur­schutz wie die Sand­hau­se­ner Dü­nen und die „Sand­hei­den und Dü­nen bei Sandwei­er und If­fez­heim“. „Bin­nen­dünen stel­len ex­tre­me Stand­ort­an­sprü­che an die Pflan­zen, die dort wach­sen. Der Sand kann sich in der Son­ne – ver­gleich­bar mit der Wüs­te – bis zu 60/70 Grad auf­hei­zen, um dann in der Nacht wie­der stark ab­zu­küh­len. Die Be­schat­tung ist durch das Feh­len gro­ßer Pflan­zen ex­trem ge­ring, der Bo­den ist zu­dem sehr nähr­stoff­arm“, er­läu­tert Ar­min Jen­dry­sik: „Die Pflan­zen, die man dort fin­det, sind ent­spre­chend an­ge­passt, sei es durch ei­ne fil­zi­ge Be­haa­rung zum Schutz vor der Son­ne oder durch ein sehr aus­ge­dehn­tes und tie­frei­chen­des Wur­zel­werk, um das Re­gen­was­ser best­mög­lich auf­neh­men zu kön­nen“. Pflan­zen die­ser Ex­trem­stand­or­te sind et­wa Sil­ber­gras, Sand-Thy­mi­an, Step­pen­Wolfs­milch oder Sand-Stroh­blu­me. Ei­ne ab­so­lu­te Ra­ri­tät ist die in ganz Eu­ro­pa strengs­tens ge­schütz­te Sand­sil­ber­schar­te. „Tie­ri­sche“Be­woh­ner die­ses be­son­de­ren Le­bens­rau­mes sind die Dü­nen-Pelz­bie­ne, die Öd­land­schre­cke, der Sand­lauf­kä­fer, die Hei­de­ler­che oder eben auch der an­fangs er­wähn­te Zie­gen­mel­ker. „Man geht bei letz­te­rem von je zehn bis zwölf Brut­paa­ren im Karls­ru­her Hardtwald und in der Vi­ern­hei­mer Hei­de aus, ver­ein­zel­te Paa­re gibt es auch in Hü­gels­heim und Söl­lin­gen so­wie in der Sch­wet­zin­ger Hardt“, sagt Jo­chen Leh­mann. Ei­ne Be­son­der­heit ist auch der Amei­sen­lö­we, der 2010 „In­sekt des Jah­res“war. Da­bei han­delt es sich um die Lar­ve der Amei­sen­jung­fer. Die­se Lar­ven bau­en Trich­ter in den Sand, von de­ren Grund aus sie vor­bei­kom­men­de Amei­sen mit Sand­kör­nern be­wer­fen. Die Amei­sen rut­schen dann in den Trich­ter und kön­nen dort ge­fres­sen wer­den – auch „win­zig klei­ne Lö­wen“kön­nen ei­ne per­fek­te Jagd­stra­te­gie ent­wi­ckeln. Die­se of­fe­nen und son­ni­gen Flä­chen sol­len er­hal­ten blei­ben und ver­netzt wer­den. Ein Pro­blem sind die Ver­bu­schung und die ge­pflanz­ten Kie­fern- und Mi­sch­wäl­der. Man­cher­orts reicht es, dem durch Pfle­ge­ein­sät­ze ent­ge­gen­zu­wir­ken, an an­de­ren Or­ten wird schwe­res Ge­rät auf­ge­fah­ren, um die San­dra­sen wie­der her­zu­stel­len. So wur­den in der Sch­wet­zin­ger Hardt oder im Hir­schacker­wald zwi­schen Sch­wet­zin­gen und Mannheim En­de des ver­gan­ge­nen Jah­res im Rah­men des Pro­jek­tes „Le­bens­ader Ober­rhein“ers­te Bäu­me ge­fällt, da­mit sich dort wie­der of­fe­ner ma­ge­rer San­dra­sen an­stel­le von Kie­fern- und Misch­wald ent­wi­ckeln.

„Hots­pots der Bio­lo­gi­schen Viel­falt“

Die Sand­hau­se­ner Dü­nen sind so­ge­nann­te Bin­nen­dünen, ei­ne Be­son­der­heit der nörd­li­chen Ober­rhein­ebe­ne. Die Be­son­der­heit des Na­tur­schutz­ge­bie­tes ist sei­ne ein­zig­ar­ti­ge Flo­ra und Fau­na: spe­zi­ell an Hit­ze, Was­ser­man­gel und Nähr­stoff­ar­mut an­ge­pass­te Tie­re und Pflan­zen. Foto: Na­bu/K. Schol­de­rer

Auch die Hei­de­ler­che ist auf die san­di­gen Ge­bie­te an­ge­wie­sen. Foto: Na­bu/Diet­mar Nill

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