„So­zia­le Jungs“

Das Mann­hei­mer Pro­jekt will ver­mehrt jun­ge Män­ner für so­zia­le Be­ru­fe be­geis­tern

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Chris­ti­ne Cor­ne­li­us

Bis zum Bauch ver­schwin­den En­ri­co, Ne­le und Ju­le im Bäl­le­bad. Bun­te Plas­tik­ku­geln flie­gen durch den Raum, die bei­den Mäd­chen ki­chern. Dann geht es nach drau­ßen, En­ri­co Riz­zo gibt der Schau­kel Schwung und lässt die Klei­nen hoch in die Luft se­geln. Ein­mal in der Wo­che kommt der Acht­kläss­ler in das Mann­hei­mer Kin­der­haus Che­li­us­stra­ße und spielt mit den drei­bis sechs­jäh­ri­gen Kin­dern. Er macht mit bei dem Mann­hei­mer Pro­jekt „So­zia­le Jungs“. Laut Initia­tor Karl­heinz Pas­ku­da ist es das ers­te sei­ner Art in Ba­den-Würt­tem­berg. Die Idee da­hin­ter: Jun­gen für so­zia­le Be­ru­fe be­geis­tern. Ei­ni­ge von ih­nen ge­hen nun re­gel­mä­ßig in ein Se­nio­ren­heim, an­de­re wie En­ri­co in ei­nen Kin­der­gar­ten. Das Pro­jekt äh­nelt dem Kon­zept des „Boys’ Days“- ist aber viel nach­hal­ti­ger. „Die Jungs be­kom­men hier die Rea­li­tät mit und sind nicht nur ein­fach ein­mal an ei­nem schö­nen Tag da“, sagt Pas­ku­da vom Ju­gend­kul­tur­zen­trum Fo­rum. „Der Er­zie­her­be­reich ist noch sehr stark ei­ne Frau­en­do­mä­ne.“Jun­gen hät­ten viel zu we­ni­ge männ­li­che Vor­bil­der. „Das kann so nicht okay sein.“Die Er­fah­run­gen des Pro­jekts wür­den den Jun­gen auch spä­ter in an­de­ren Be- ru­fen hel­fen, glaubt Karl­heinz Pas­ku­da. „Un­ter­neh­men sind froh, je­man­den zu be­kom­men, der sol­che so­zia­len Kom­pe­ten­zen nach­wei­sen kann.“Bis­lang ha­ben sich vie­le Jun­gen mit aus­län­di­schen Wur­zeln für die Initia­ti­ve be­wor­ben. „Vi­el­leicht gibt es da we­ni­ger Vor­be­hal­te.“Pas­ku­da hofft, dass sich das Pro­jekt lan­des­weit durch­setzt und auch an­de­re Städ­te im Süd­wes­ten In­ter­es­se zei­gen. In Städ­ten wie Ham­burg und Frank­furt am Main sei „So­zia­le Jungs“schon fest eta­bliert. Die Initia­to­ren sei­en an sei­ne Schu­le ge­kom­men und hät­ten ihn und ei­ni­ge sei­ner Freun­de für das Pro­jekt be­geis­tert, er­zählt En­ri­co. „Ich ha­be ein­fach Ja gesagt. So ei­ne Ge­le­gen­heit gibt es nicht so oft.“Er ha­be nur gro­ße Schwes­tern, pas­se aber hin und wie­der auf sei­nen klei­nen Cou­sin auf. An­fangs sei er bei man­chen Si­tua­tio­nen im Kin­der­gar­ten un­si­cher ge­we­sen. „Wenn sie ge­strit­ten ha­ben, war ich pl­an­los und wuss­te nicht, was ich sa­gen soll.“In­zwi­schen fra­ge er: Was ist pas­siert? Wer ist schuld? Dann re­de er mit den Be­tei­lig­ten. „Meist ist es ein Miss­ver­ständ­nis.“En­ri­co kann sich gut vor­stel­len, spä­ter selbst als Er­zie­her zu ar­bei­ten. „Ich mag Kin­der.“Si­cher ist sich der Re­al­schü­ler aber noch nicht, was sei­ne be­ruf­li­che Zu­kunft an­geht. „Ich wür­de auch gern Ar­chi­tekt wer­den, vi­el­leicht aber auch nicht we­gen zu viel Stu­die­ren.“In dem Kin­der­gar­ten, in dem der 14-Jäh­ri­ge mit­ar­bei­tet, gibt es ne­ben ei­nem männ­li­chen Prak­ti­kan­ten und ihm aus­schließ­lich Er­zie­he­rin­nen. „Das muss sich än­dern“, sagt die stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin Jessica Ehr­mann, die den 14Jäh­ri­gen an­lei­tet. Mit En­ri­co ist sie zu­frie­den. „Er re­det ganz toll mit den Kin­dern.“Der Acht­kläss­ler sei ein ru­hi­ger Typ, das kom­me aber gut an bei den Klei­nen. „Er ist sehr selbst­stän­dig und fragt nicht dau­ernd, was er ma­chen soll.“Die Po­li­tik hat das Pro­blem der we­ni­gen Män­ner in Kin­der­gär­ten längst er­kannt. Mit der pra­xis­in­te­grier­ten Er­zie­he­r­aus­bil­dung (PIA) will das Land das Be­rufs­bild at­trak­ti­ver ma­chen und auch neue Ziel­grup­pen wie Män­ner an­spre­chen. Mit Er­folg: In­zwi­schen liegt der An­teil der männ­li­chen Aus­zu­bil­den­den nach An­ga­ben des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums hier schon bei mehr als 15 Pro­zent. Ein Grund da­für könn­te die at­trak­ti­ve­re Ver­gü­tung sein: Die PIA-Schü­ler er­hal­ten – an­ders als in der kon­ven­tio­nel­len voll­schu­li­schen Aus­bil­dung – bis zu 889 Eu­ro.

Der 14-jäh­ri­ge En­ri­co en­ga­giert sich im Pro­jekt „So­zia­le Jungs“. Hier spielt er mit den Kin­der­gar­ten­kin­dern Ne­le und Ju­le im Mann­hei­mer Kin­der­haus Che­li­us­stra­ße. Foto: avs

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