Die Re­ha­bi­li­ta­ti­on der „He­xen“

Rott­weil will hin­ge­rich­te­ten Frau­en und Män­nern ih­re Wür­de zu­rück­ge­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Mar­ga­re­tha Par­nay­er: ver­brannt. Wil­helm Zorn: ge­rä­dert. Ag­ne­ta Pe­ter­mann: er­tränkt. Die Lis­te der Op­fer von He­xen­ver­fol­gun­gen in Rott­weil ist eben­so lang wie grau­sam. In der frei­en Reichs­stadt wur­den 115 Jah­re lang – von 1546 bis 1661 – Men­schen als He­xen oder Zau­be­rer ver­folgt. 287 Frau­en und Män­ner ge­rie­ten in ei­nen He­xen­pro­zess, min­des­tens 266 wur­den hin­ge­rich­tet. Nun will die Stadt im Re­gie­rungs­be­zirk Frei­burg die Op­fer mo­ra­lisch und ethisch re­ha­bi­li­tie­ren. Aber geht das über­haupt? Theo­re­tisch ja, heißt es in Rott­weil. „Die Re­ha­bi­li­ta­ti­on der un­schul­dig ge­quäl­ten und hin­ge­rich­te­ten Op­fer der He­xen- und Zau­be­rer­ver­fol­gung in Rott­weil wäh­rend des 16. und 17. Jahr­hun­derts ist ein Akt im Geis­te der Er­in­ne­rung und Ver­söh­nung“, heißt es in ei­nem Be­schluss des Ge­mein­de­rats. Das Gre­mi­um ver­ur­tei­le die Ge­walt, ge­den­ke der Op­fer und ge­be ih­nen im Na­men der Men­schen­rech­te ih­re Eh­re zu­rück. Prak­tisch be­deu­tet das: Die Stadt will ei­ne Ge­denk­ta­fel am his­to­ri­schen Rott­wei­ler Hoch­turm an­brin­gen. Es sei über­lie­fert, dass das Ge­bäu­de da­mals als Ge­fäng­nis für die ver­folg­ten Men­schen ge­dient ha­be, sagt ein Stadt­spre­cher. „Für mo­der­ne Men­schen ist das schwer nach­voll­zieh­bar“, meint Rai­ner Beck vom Lehr­stuhl für Neue­re Ge­schich­te an der Kon­stan­zer Uni­ver­si­tät. Vie­le Leu­te hät­ten die Ein­stel­lung: Was ge­hen uns die al­ten Ge­schich­ten an? „Der Punkt ist: Das muss man nicht ma­chen, kann man aber. Und so weit weg in Ur­zei­ten liegt das auch nicht.“Rott­weil ist nach ei­ge­nen An­ga­ben die ers­te Stadt im Süd­wes­ten, die sol­che Schrit­te zur Re­ha­bi­li­ta­ti­on der „He­xen“un­ter­nimmt. Ähn­li­che Vor­ge­hen gab es aber un­ter an­de­rem schon in Nord­rheinWest­fa­len, Hes­sen und Thü­rin­gen. Im ver­gan­ge­nen Jahr folg­te die Stadt Tri­er (Rhein­land-Pfalz): Es sei „ein Ge­bot der Men­sch­lich­keit, sich von dem nicht un­ge­sche­hen zu ma­chen­den Un­recht öf­fent­lich zu dis­tan­zie­ren“, teil­te der Trie­rer Ober­bür­ger­meis­ter Klaus Jen­sen da­mals mit. Es gab ei­ne Ge­denk­ver­an­stal­tung für die zu Un­recht Ver­ur­teil­ten. Den Hö­he­punkt der abend­län­di­schen He­xen­ver­fol­gung da­tie­ren His­to­ri­ker in die Jahr­zehn­te ab 1560 bis et­wa 1630 – sie fan­den al­so in der Frü­hen Neu­zeit statt und nicht im „fins­te­ren“Mit­tel­al­ter, wie vie­le Leu­te an­neh­men. Ziel der Ver­fol­gun­gen sei die ge­richt­li­che Ahn­dung des De­likts der He­xe­rei ge­we­sen, von des­sen Exis­tenz da­mals al­le Schich­ten der Be­völ­ke­rung über­zeugt wa­ren, schreibt der frü­he­re Tü­bin­ger Wis­sen­schaft­ler Sön­ke Lo­renz in ei­nem Es­say über „He­xen und He­xen­pro­zes­se im deut­schen Süd­wes­ten“: Den Ver­folg­ten wur­den Straf­ta­ten im Zu­sam­men­hang mit Zau­be­rei vor­ge­wor­fen. Fol­ter sei da­mals ein fes­ter Be­stand­teil des Straf­ver­fah­rens ge­we­sen, er­läu­tert Lo­renz: „Und war erst­mal der Gang in die Fol­ter­kam­mer an­ge­tre­ten, dann hat­te der Be­klag­te kaum noch ei­ne Chan­ce, mit dem Le­ben da­von­zu­kom­men.“Ex­per­ten ge­hen von rund 25 000 Hin­rich­tun­gen in Deutsch­land aus – be­zie­hungs­wei­se in den Län­dern auf dem Bo­den des heu­ti­gen Staa­tes. Da­mit liegt Deutsch­land dem His­to­ri­ker Wolf­gang Beh­rin­ger

„Da­mals gab es ein völ­lig an­de­res Recht“

Pein­li­che Ver­hö­re: Im his­to­ri­schen Rott­wei­ler Hoch­turm wur­den einst der He­xe­rei an­ge­klag­te Men­schen ge­fol­tert. Min­des­tens 266 Frau­en und Män­ner wur­den auf­grund ih­rer „Ge­ständ­nis­se“hin­ge­rich­tet. Als ers­te Stadt in Ba­den-Würt­tem­berg will Rott­weil die Op­fer der He­xen­ver­fol­gung re­ha­bi­li­tie­ren. Foto: avs

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