Un­beug­sam trotz der Qua­len

Al­le Stu­fen der Fol­ter durch­lit­ten: Ei­ne Frau aus Ba­den-Ba­den über­leb­te zwei He­xen­pro­zes­se

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Es ge­schah im Jahr 1626. Meh­re­re Ta­ge lang durch­litt An­na Wein­hag al­le Stu­fen der Fol­ter. Zu­letzt kam der „Wach­stuhl“: 52 St­un­den ver­brach­te die der He­xe­rei an­ge­klag­te Ba­denBa­de­ne­rin dar­in – mit zer­quetsch­ten und aus den Ge­len­ken ge­ris­se­nen Glie­dern. Aber An­na Wein­hag leg­te we­der ein Ge­ständ­nis ab noch be­schul­dig­te sie an­de­re Men­schen, ei­nen Pakt mit dem Teu­fel ein­ge­gan­gen zu sein. Ih­re Pei­ni­ger muss­ten sie schließ­lich frei­las­sen – doch schon ein hal­bes Jahr spä­ter ge­riet die Ge­würz­händ­lers­frau er­neut in die Fän­ge der Jus­tiz. Sie war ein zwei­tes Mal als He­xe de­nun­ziert wor­den. „An­na Wein­hag war das ein­zi­ge Op­fer des He­xen­wahns in der Mark­graf­schaft Ba­den-Ba­den, das zwei Pro­zes­se über­lebt hat“, schreibt Dag­mar Ki­che­rer in dem Buch „Klei­ne Ge­schich­te der Stadt Ba­den-Ba­den“. An­na Wein­hag war ei­ne von min­des­tens 82 Frau­en und zwölf Män­nern, die in den Jah­ren 1627 bis 1631 al­lein in der Stadt Ba­den-Ba­den und in Beu­ren, dem heu­ti­gen Stadt­teil Lich­ten­tal, der He­xe­rei an­ge­klagt wor­den wa­ren. Die weit- aus meis­ten von ih­nen „ge­stan­den“un­ter der Fol­ter und büß­ten ihr „Ver­bre­chen“auf dem Schei­ter­hau­fen. Sie wa­ren die Op­fer ei­ner zwei­ten Wel­le von He­xen­ver­fol­gun­gen in der Mark­graf- schaft Ba­den-Ba­den. Das Länd­chen wur­de nach ei­ner Pha­se der re­li­giö­sen Un­ent­schie­den­heit un­ter Mark­graf Wil­helm (1593 – 1677) mit har­ter Hand re­ka­tho­li­siert. In Ba­den-Ba­den wa­ren auf­fäl­lig vie­le „He­xen“als frü­he­re An­hän­ger des evan­ge­li­schen Glau­bens be­kannt. An­na Wein­hag hat­te, wie Dag­mar Ki­che­rer be­rich­tet, so­gar ei­ne Bitt­schrift an den Mark­gra­fen ge­rich­tet, in­dem sie dar­um bat, nicht zur ka­tho­li­schen Kon­fes­si­on über­tre­ten zu müs­sen. Der Ver­dacht, dass die Ob­rig­keit mit der Angst Po­li­tik mach­te, liegt na­he. Al­ler­dings wa­ren He­xen­ver­fol­gun­gen kei­nes­wegs ein Phä­no­men, das auf ka­tho­li­sche Ter­ri­to­ri­en be­schränkt war. Auch wenn es an­ge­sichts der bru­ta­len Ver­hör­me­tho­den der da­ma­li­gen Zeit fast un­glaub­lich er­scheint, gab es im­mer wie­der ein­zel­ne An­ge­klag­te, die un­ter der Fol­ter stand­haft blie­ben und – frei­lich mit blei­ben­den Schä­den an ih­rer Ge­sund­heit – der Hin­rich­tung ent­gin­gen. Zu ih­nen ge­hör­te auch Ag­nes Gotts, ge­nannt die „Got­ter Nes“, die in dem 2006 er­schie­nen Büch­lein „Mar­kan­te Frau­en“der Ge­schichts­werk­stadt Of- fen­burg vor­ge­stellt wird. Ag­nes Gotts, ei­ne zwei­fa­che Wit­we und Mut­ter meh­re­rer Kin­der, wur­de 1629 un­ter dem Ver­dacht der He­xe­rei ver­haf­tet. Bei ihr kam der so­ge­nann­te „Ha­cker­stuhl“zum Ein­satz – das be­son­ders bru­ta­le Fol­ter­in­stru­ment galt als letz­tes Mit­tel, wenn die Be­schul­dig­ten bei an­de­ren Tor­tu­ren „ver­stockt“blie­ben. Dass die Got­ter Nes sich trotz al­ler Qua­len kein Ge­ständ­nis ent­lo­cken ließ, soll die Fol­ter­knech­te re­gel­recht scho­ckiert ha­ben. Die Bä­cke­rin durf­te schließ­lich in ih­re Woh­nung zu­rück­keh­ren, wur­de al­ler­dings rund ein Vier­tel­jahr­hun­dert – bis zu ih­rem Tod – un­ter Haus­ar­rest ge­stellt. Im­mer­hin ver­zich­te­ten die Stadt­rats­her­ren fort­an dar­auf, Ver­däch­tig­te auf den Ha­cker­stuhl zu set­zen – das moch­te es an­de­ren An­ge­klag­ten er­leich­tern, bei ih­ren Un­schulds­be­teue­run­gen zu blei­ben. Zwar gab es in der Reichs­stadt auch nach der Tor­tur der Got­ter Nees noch He­xen­pro­zes­se, doch war die Zeit der sys­te­ma­ti­schen Ver­fol­gun­gen vor­bei. Das heu­ti­ge Of­fen­burg wür­digt die stand­haf­te Frau als „Über­win­de­rin des He­xen­wahns“.

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