„Kitt für die Ge­sell­schaft“

WDR-Fern­seh­spiel­chef Geb­hard Hen­ke ist der mäch­tigs­te Mann im „Tat­ort“-Uni­ver­sum

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen -

Geb­hard Hen­ke ist der mäch­tigs­te Mann im „Tat­ort“-Uni­ver­sum. Der WDR-Fern­seh­spiel­chef zeich­net für drei Er­mitt­ler­teams ver­ant­wort­lich und ist zu­dem ARD-„Tat­ort“-Ko­or­di­na­tor. Im Interview er­klärt er, war­um sich The­men und Schau­spie­ler mit­un­ter doch nicht ko­or­di­nie­ren las­sen und war­um man man­che Schau­plät­ze aus dem Müns­ter-„Tat­ort“in Köln su­chen muss.

Ist der „Tat­ort“das neue „Wet­ten, dass..?“

Geb­hard Hen­ke: Es ist je­den­falls ei­ne Sen­dung, von der man sa­gen kann, dass das Volk sie am La­ger­feu­er guckt. Und über die man dann am nächs­ten Mor­gen spricht und strei­tet. Das ist Kitt für die Ge­sell­schaft. Und wenn Sie mich jetzt fra­gen, war­um das so ist, dann muss ich Ih­nen sa­gen: Weiß ich nicht.

Sie wis­sen auch nicht, war­um so vie­le Jün­ge­re ein­schal­ten?

Hen­ke: Das fing an mit Müns­ter, dass Jün­ge­re sag­ten: Das ist wit­zig, das ist cool. Dann hat man an­ge­fan­gen, in der Ge­mein­schaft zu gu­cken, und ir­gend­wann ha­ben sie sich dar­auf ver­stän­digt: Das gu­cken wir jetzt je­den Sonn­tag.

Wenn es nur nicht so vie­le ver­schie­de­ne Er­mitt­ler­teams wä­ren.

Hen­ke: Ach, das mer­ken ei­gent­lich im­mer nur Jour­na­lis­ten und Kri­ti­ker an. Ich ha­be noch nie er­lebt, dass das Zu­schau­er sa­gen.

Doch, vie­le sa­gen zum Bei­spiel: Müns­ter soll­te öf­ter kom­men.

Hen­ke: Das ist ein biss­chen wie das Kind, das im­mer nur Nach­tisch essen will. Aber da­von kriegt man Bauch­schmer­zen. Schau­spie­ler wie Til Schwei­ger oder Jan Jo­sef Lie­fers wol­len au­ßer­dem gar nicht mehr als zwei „Tat­or­te“im Jahr ma­chen.

Die an­de­ren Darstel­ler sieht man da­für um­so öf­ter: Ar­min Roh­de zum Bei­spiel. Und Uwe Bohm so­gar zwei Wo­chen hin­ter­ein­an­der, ein­mal am Bo­den­see, dann in Leip­zig.

Hen­ke: Ja, ich lei­de da auch. Aber auch hier gilt: Die Zu­schau­er stört’s nicht.

Wä­re das denn nicht ei­ne Auf­ga­be für Sie als ARD„Tat­ort“-Ko­or­di­na­tor?

Hen­ke: Das zu kon­trol­lie­ren, ist sehr schwie­rig. Die Rol­len wer­den oft sehr kurz­fris­tig be­setzt. Und es gibt ja kei­ne Zen­tral­re­dak­ti­on, son­dern je­de ARDAn­stalt or­ga­ni­siert das sel­ber.

Vi­el­leicht muss man ge­ne­rell mehr auf Schau­spie­ler set­zen, die noch nicht so be­kannt sind.

Hen­ke: Tun wir doch, es kann eben aber nicht je­der. Es hat ja ei­nen Grund, war­um die­se Schau­spie­ler so be­kannt sind.

Bei den The­men – Kin­des­miss­brauch zum Bei­spiel – gibt’s hin und wie­der auch ei­nen Dopp­ler.

Hen­ke: Auch das ist lei­der nicht im­mer zu ver­hin­dern. Bei­spiel: Die Cha­rité ver­öf­fent­lich­te ei­ne in­ter­es­san­te Stu­die zu Pä­do­phi­len, und zwei Jah­re spä­ter sind drei, vier, fünf Fil­me ent­stan­den, die auf die­ser Re­cher­che be­ru­hen. Man­che Aspek­te er­fährt man lei­der erst so spät, dass man nur noch bei den Sen­de­ter­mi­nen et­was ge­gen­steu­ern kann.

Wich­tig für den „Tat­ort“ist die Ver­an­ke­rung in der Re­gi­on. Ist das nicht ir­gend­wie ei­ne Täu­schung? Die Müns­ter- und Dort­mund-„Tat­or­te“wer­den aus Kos­ten­grün­den groß­teils in Köln ge­dreht. Die Schau­spie­ler, Dreh­buch­au­to­ren und Re­gis­seu­re le­ben fast al­le in Berlin.

Hen­ke: Mich sprach mal ein äl­te­rer Herr an, der sah aus wie ein ade­li­ger Pfer­de­züch­ter und sag­te zu mir: „Jun­ger Mann, Sie sind doch vom West­deut­schen Rund­funk! Ich bin ein ge­bür­ti­ger Müns­te­ra­ner, und Sie zei­gen hier im ,Tat­ort‘ Ecken, die kenn’ nicht mal ich.“Da hab’ ich gesagt: „Ja, die sind auch in Köln.“Film ist nun mal Il­lu­si­on. Man darf es nur nicht spü­ren.

Wer im­mer bloß Müns­ter-„Tat­ort“gu­cken will, ist wie ein Kind, das nur Nach­tisch essen möch­te, meint der Ko­or­di­na­tor der ARD-Kri­mi-Rei­he, Geb­hard Hen­ke. Foto: avs

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.