Klin­gen­de Schät­ze

His­to­risch wert­vol­le Or­geln in Ost­fries­lands Kir­chen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Ost­fries­land ist Or­gel­land: Mit über 300 his­to­ri­schen Mu­sik­ge­rä­ten gilt die Re­gi­on als reichs­te Or­gel­land­schaft der Welt. Konzerte gibt es vor al­lem im Som­mer­halb­jahr. Ein Hö­he­punkt in der Re­gi­on ist der Krumm­hör­ner Or­gel­f­rüh­ling vom 2. bis 7. Ju­ni. „Am bes­ten neh­men Sie auf ei­ner Bank in der Kir­chen­mit­te Platz“, rät Or­ga­nis­tin Jut­ta Tam­meus den Be­su­chern der Ry­su­mer Dorf­kir­che. Dort sei das Hör­er­leb­nis am bes­ten. Über en­ge, knar­ren­de Stie­gen steigt die Mu­si­ke­rin zur Or­gel hin­auf und bringt das mehr als 550 Jah­re al­te Mu­sik­in­stru­ment zum Er­klin­gen. „Mit un­se­rer Or­gel hü­ten wir ei­nen Schatz“, sagt die Mu­si­ke­rin. Die Ry­su­mer Or­gel ist die äl­tes­te un­ter den mehr als 300 Or­geln in Ost­fries­land und der be­nach­bar­ten nie­der­län­di­schen Pro­vinz Gro­n­in­gen. „Mit ih­ren sie­ben Re­gis­tern ist sie auch heu­te noch voll be­spiel­bar und da­mit so­gar ei­ne der äl­tes­ten Or­geln welt­weit“, er­klärt die Mu­si­ke­rin. Um das Jahr 1442 wur­de die Or­gel mit ih­rem go­ti­schen Pfei­fen­werk in ei­ner Gro­n­in­ger Werk­statt ge­baut, das ge­naue Bau­jahr liegt heu­te im Dun­keln. Be­legt ist nur die Be­zah­lung des In­stru­men­tes: mit „vet­te Bees­te“, al­so wohl­ge­nähr­ten Rin­dern. Die wohl­ha­ben­den Ry­su­mer Mar­schen­bau­ern ver­schiff­ten ih­re Tie­re zum Markt nach Gro­n­in­gen und konn­ten sich mit dem Ver­kaufs­er­lös ih­re Or­gel leis­ten. Rys­um ist kei­ne Aus­nah­me im frucht­ba­ren Mar­schen­land hin­ter der ost­frie­si­schen Küs­te: Vom 15. bis zum En­de des 18. Jahr­hun­derts zeig­ten die Be­woh­ner ih­ren Wohl­stand in der prunk­vol­len Aus­stat­tung ih­rer Dorf­kir­chen. „Ost­fries­land gilt als reichs­te Or­gel­land­schaft der Welt. Bei uns ist die his­to­ri­sche Or­gel in ei­ner Kir­che der Nor­mal­fall“, sagt Win­fried Dahl­ke, Di­rek­tor der Or­gel­aka­de­mie Or­ga­ne­um in Wee­ner. Mu­si­ker aus al­ler Welt kom­men zur Fort­bil­dung ins Or­ga­ne­um. Grup­pen von Or­gel­freun­den star­ten von hier aus zu mu­si­ka­li­schen Ex­kur­sio­nen in die vie­le Jahr­hun­der­te al­ten, trut­zi­gen Dorf­kir­chen. „En­g­land, Frank­reich und Ita­li­en lie­gen bei uns ganz nah bei­ein­an­der – or­gel­his­to­risch be­trach­tet. Zwi­schen Rhe­de und Jem­gum sind wir auf der klei­nen eu­ro­päi­schen Or­gel­stra­ße un­ter­wegs“, er­zählt Or­ga­nist Lu­dolf Hei­kens. Da steht in der Ge­orgs­kir­che von Wee­ner die Or­gel aus der Werk­statt des be­rühm­ten nord­deut­schen Or­gel­bau­ers Arp Schnit­ger von 1710. In der Kreuz­kir­che des Nach­bar­dor­fes Sta­pel­moor er­klingt ei­ne fran­zö­si­sche Or­gel, die nach dem Vor­bild des Or­gel­bau­ers Lou­is-Alex­and­re Clic­quot von 1734 er­baut wur­de. Im Dorf Jem­gum er­tönt ei­ne eng­li­sche Or­gel von 1844, sie ge­hör­te einst dem Bür­ger­meis­ter von Lon­don. Und nur ein paar Au­to­mi­nu­ten süd­lich, schon im Ems­land, lau­schen Or­gel­fans in der Al­ten Rhe­der Kir­che den fei­nen Klän­gen ei­ner ita­lie­ni­schen Or­gel aus dem 18. Jahr­hun­dert, die wohl von dem si­zi­lia­ni­schen Or­gel­bau­er Fa­b­ri­zio Ci­mi­no stammt.

Klei­ne Kir­che, gro­ßer Klang: Die Ry­su­mer Dorf­kir­che ist von satt­grü­nen Wie­sen um­ge­ben – ty­pisch für die Re­gi­on Krumm­hörn, die zwi­schen Em­den, Greet­siel und Nor­den liegt. Foto: mag

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