Aus­flü­ge in den wil­den Wald

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Avs

Als ob Rie­sen Mi­ka­do ge­spielt hät­ten, sieht es im Stür­mes­loch bei Bad Wild­bad aus – für Fa­mi­li­en mit aben­teu­er­lus­ti­gen Kin­dern ist der Weg, der zeit­wei­se an ei­nen Hin­der­nis­par­cours er­in­nert, auch ei­ne sport­li­che Her­aus­for­de­rung. Vor­ge­schla­gen wird der Aus­flug in der 44-sei­ti­gen Bro­schü­re „Den Wald mit neu­en Au­gen se­hen“, die als sechs­ter Band in der Rei­he „Na­Tou­ren“er­schie­nen ist. Der Band wur­de vom Ver­ein Na­tur­park Schwarz­wald Mit­te/Nord in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Na­bu-Kreis­ver­band Ras­tatt auf­ge­legt und stellt zehn Tou­ren für (kur­ze) Fa­mi­li­en­aus­flü­ge vor, die in Bann­wäl­der füh­ren, in Wäl­der, die vom Was­ser ge­prägt sind und in „Wäl­der mit Aus­sicht“. Klei­ne Luft­bild­kar­ten zei­gen die Wegstre­cke und den Schwie­rig­keits­grad, die kom­pak­ten Tex­te öff­nen den Blick für die Le­bens­räu­me von Pflan­zen und Tie­ren. Be­stel­len kann man den Band über die Home­page des Na­tur­parks (Shop), er kos­tet zwei Eu­ro zu­züg­lich Ver­sand.

Wie fühlt es sich an, wenn man schwer ver­letzt im Schock­raum ei­ner Kli­nik lan­det, wenn man mit Hals­krau­se es­sen muss oder we­gen ei­nes Un­falls die Zu­kunft un­ge­wiss er­scheint? „Auf gut Deutsch ist das ein Scheiß­ge­fühl“, sagt Gi­an­lu­ca, der mit vier ge­bro­che­nen Wir­beln und schwe­rer Kop­fer­schüt­te­rung im Stutt­gar­ter Ol­gahos­pi­tal liegt. Von sei­nem schwe­ren Un­fall und des­sen Fol­gen be­rich­te­te der 16-Jäh­ri­ge Schü­lern des Stutt­gar­ter Ge­schwis­terScholl-Gym­na­si­ums. Die Jun­gen und Mäd­chen neh­men am „Prevent Al­co­hol and Risk Re­la­ted Trau­ma in Youth“(PAR­TY) der Deut­schen Ge­sell­schaft für Un­fall-Chir­ur­gie teil; die­ses soll Ju­gend­li­chen die Ri­si­ken im Stra­ßen­ver­kehr vor Au­gen füh­ren. In Stutt­gart war der Auf­takt ei­ner bun­des­wei­ten Ak­ti­ons­wo­che. Bei Gi­an­lu­ca, ei­nem von jähr­lich rund 40 ins Ol­gahos­pi­tal ein­ge­lie­fer­ten schwer­ver­letz­ten Ju­gend­li­chen, ka­men al­le für sein Al­ter ty­pi­schen Ri­si­ko­fak­to­ren zu­sam­men: Er fuhr al­ko­ho­li­siert, oh­ne Helm und mit Kopf­hö­rer nachts auf ei­nem Feld­weg Fahr­rad und wur­de dort von ei­nem Au­to fron­tal er­wischt. Der Re­al­schul­ab­sol­vent, des­sen Ab­schluss­par­ty so tra­gisch en­de­te, steht für ei­ne Grup­pe jun­ger Leu­te, die be­son­ders ge­fähr­det sind. Gi­an­lu­ca ge­hört zu rund 20 000 ver­un­glück­ten 15- bis 17-Jäh­ri­gen auf deut­schen Stra­ßen, von de­nen 89 (im Jahr 2013) star­ben. Haupt­un­fall­ur­sa­che ist über­höh­te Ge­schwin­dig­keit. Die 15- bis 17-Jäh­ri­gen ver­un­glü­cken dop­pelt so häu­fig wie der Durch­schnitt der Ge­samt­be­völ­ke­rung. Nur von den 18- bis 24-Jäh­ri­gen wer­den sie noch über­trof­fen. Der Chef­arzt der Kli­nik für Un­fall­chir­ur­gie und zwei­fa­che Va­ter Chris­ti­an Knop weiß, war­um die­se Al­ters­grup­pe so ge­fähr­det ist. „Ih­nen fehlt es an Er­fah­rung, zu­gleich mei­nen sie, sie sei­en unka­putt­bar.“Hin­zu kom­me die The­ma­tik Dro­gen und Al­ko­hol. Hin­ter der zum Teil scho­ckie­ren­den Prä­ven­ti­on aus Ka­na­da steht er voll. „Wenn man 400 Schü­ler in ei­nem Saal zu­sam­men­trom­melt und über Vor­sor­ge in­for­miert, schläft die ers­te Hälf­te nach fünf Mi­nu­ten ein, die zwei­te we­nig spä­ter.“Bei PAR­TY sei das an­ders: „Die neh­men was fürs Le­ben mit.“Dass sie dann in kri­ti­schen Si­tua­tio­nen die rich­ti­ge Ent­schei­dung tref­fen, sei Ziel der Ak­ti­on. PAR­TY will die jun­gen Men­schen nicht nur für die Schmer­zen und Be­hin­de­run­gen nach ei­nem schwe­ren Un­fall sen­si­bi­li­sie­ren, son­dern auch für die Lang­frist­kon­se­quen­zen. So fragt sich Gi­an­lu­ca, ob und wann er wie­der sei­nen Lieb­lings­sport Hand­ball trei­ben kann und er recht­zei­tig zum Start des Wirt­schafts­gym­na­si­ums ge­ne­sen ist. Über­dies muss er sich mit der An­zei­ge der Staats­an­walt­schaft we­gen sei­ner Trun­ken­heits­fahrt und ei­ner fünf­jäh­ri­gen Sper­re zum Er­werb des Füh­rer­scheins aus­ein­an­der­set­zen. Vom Kran­ken­bett aus mahnt er, ver­ant­wor­tungs­voll mit Al­ko­hol um­zu­ge­hen, beim Rad­fah­ren ei­nen Helm zu tra­gen und lie­ber auf den Knopf im Ohr zu ver­zich­ten – auch wenn es „cool“sei, mit Mu­sik zu ra­deln. Das halb­tä­gi­ge Pro­gramm be­steht ne­ben der Kon­fron­ta­ti­on mit ver­letz­ten Gleich­alt­ri­gen aus dem gan­zen Ablauf der Auf­nah­me in die Kli­nik – vom Ret­tungs­wa­gen über den Schock­raum bis hin zu In­ten­si­vund Nor­mal­sta­ti­on. In Rol­len­spie­len über­neh­men die Schü­ler un­ter­schied­li­che Funk­tio­nen: Pfle­ger, Chef­arzt oder Pa­ti­ent. Leh­re­rin Stefanie Höhn­dorf fin­det, dass das Pro­gramm gut zu ih­rer Klas­se mit zahl­rei­chen „wil­den Jungs“passt. Sie selbst war als So­zia auf dem Mo­tor­rad schon in ei­nen Un­fall ver­wi­ckelt, bei dem ihr Va­ter als Fah­rer ei­ne schwe­re Ver­let­zung er­litt. Auch an der Päd­ago­gin geht die Ver­an­stal­tung nicht spur­los vor­bei. „Ich bin be­ein­druckt, weil man dem Tod be­geg­net.“Ei­ner der „wil­den Jungs“ist Yan­nick, der schon Mo­tor­rad fährt. Be­son­ders der Be­such beim schwer­ver­let­zen Gi­an­lu­ca geht ihm na­he. „Mei­ne Ein­stel­lung zum Fah­ren hat sich ge­än­dert. Man über­legt sich schon, ob man noch­mal ris­kant in die Kur­ven geht.“

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