Ab­schlie­ßen: Von Schlüs­seln und Schlös­sern

Schlös­ser und Schlüs­sel gibt’s schon lan­ge / Lie­bes­be­wei­se an Brü­cken

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tanja Ka­sisch­ke

Wer im Zug kurz vorm Köl­ner Haupt­bahn­hof den Rhein über­quert, soll­te un­be­dingt aus dem Fens­ter schau­en. Die Lie­bes­schlös­ser auf der Ho­hen­zol­lern­brü­cke se­hen näm­lich toll aus, sie hän­gen in dich­ten Trau­ben am Ge­län­der auf bei­den Sei­ten der Brü­cke. Die „Samm­lung“gibt es seit fast zehn Jah­ren: 2007 brach­ten erst­mals Lie­bes­paa­re Vor­hän­ge­schlös­ser an der Brü­cke an. Be­schrif­tet wa­ren sie mit den Vor­na­men bei­der Part­ner, mit dem Da­tum ih­res Ken­nen­ler­nens oder des Hoch­zeits­tags. Auch das ge­hört zur Tra­di­ti­on: Den Schlüs­sel warf das Paar in den Fluss, nach­dem es das Schloss an der Brü­cke be­fes­tigt hat­te. Da­mit es nie­mand mehr auf­schließt. Das gilt als Zei­chen, dass die Lie­be ewig hält. Schlös­ser und Schlüs­sel sind All­tags­ge­gen­stän­de. Je­der hat min­des­tens ei­nen Schlüs­sel in der Ho­sen­ta­sche oder im Ruck­sack, meis­tens sind es so­gar meh­re­re: Haus­schlüs­sel, Woh­nungs­schlüs­sel, Fahr­rad­schlüs­sel. Doch oh­ne pas­sen­des Schloss nützt der schöns­te Schlüs­sel nichts. Schlös­ser ver­wen­den die Men­schen seit 5 000 Jah­ren, um ihr Ei­gen­tum vor Die­ben zu schüt­zen, so­bald sie ihr Haus ver­las­sen. Schlös­ser aus Me­tall sind noch nicht ganz so alt, 2 500 Jah­re. Die ers­ten Schlös­ser wa­ren Schie­be­rie­gel aus Holz, mit de­nen man Tü­ren von in­nen ver­rie­geln konn­te. Die Schlüs­sel wa­ren eben­falls aus Holz oder Kno­chen. Ein Schloss war dann zu, wenn der Bol­zen im In­ne- ren des Rie­gels in ei­nen Hohl­raum, ei­ne Ker­be, fiel und da­durch den Rie­gel blo­ckier­te. Der ließ sich dann nicht mehr ver­schie­ben. „Auf­ge­schlos­sen“wur­de das Schloss, in­dem man den Schlüs­sel durch ein Loch in der Tür in den da­hin­ter­lie­gen­den Rie­gel steck­te und den Bol­zen lös­te. Grie­chen und Rö­mer wa­ren nicht die ers­ten, die Schlüs­sel und Schlös­ser ein­führ­ten. Zeit­gleich tauch­te bei­des in Skan­di­na­vi­en beim Volk der Sa­mi auf. Die Rö­mer er­fan­den je­doch das Prin­zip, den Schlüs­sel zum Öff­nen des Tür­schlos­ses zu dre­hen. Holz­tür­schlös­ser wur­den lan­ge Zeit wei­ter­ver­wen­det, ob­wohl es Me­tall­schlös­ser gab. Me­tall war teu­er und be­ar­bei­ten konn­te es nur der Schmied. Ein Schloss aus Holz zu schnit­zen, schaff­ten die Men­schen selbst. Mo­der­ne Tür­schlös­ser sind Zy­lin­der­schlös­ser aus ei­nem läng­li­chen Stahl­zy­lin­der. Ihr In­ne­res sieht je­doch noch fast so aus wie die Ur-Schlös­ser: Meh­re­re Bol­zen sind in ei­ner Rei­he mon­tiert, die man mit ei­nem Schlüs­sel be­we­gen und so das Schloss auf­sper­ren kann. Der Schlüs­sel­bart schließt auf, so heißt das ge­zack­te En­de des Schlüs­sels. Die Struk­tur des Barts passt spie­gel­ver­kehrt zu den Bol­zen des Schlos­ses. So kommt es, dass zu je­dem Schloss ein Schlüs­sel passt. Und wer ihn im Schloss dreht, be­wegt das gan­ze Schloss mit. Wenn Fast­nachts­nar­ren den Bür­ger­meis­tern ih­rer Städ­te und Ge­mein­den den Stadt­schlüs­sel weg­schnap­pen, ist das ei­ne sym­bo­li­sche Ak­ti­on, mit der das Stadt­ober­haupt ent­mach­tet wird. Die Nar­ren ha­ben wäh­rend der Fast­nacht das Sa­gen: Wer den Schlüs­sel hat, ist wich­tig ist. Der Kam­mer­herr ei­nes Kö­nigs trug den Kam­mer­her­ren­schlüs­sel so­gar zur Schau und de­mons­trier­te, dass nur er Zu­gang zu den pri­va­ten Räu­men des Herr­schers hat­te. Ei­ne Per­son, die eben­falls im­mer mit Schlüs­seln dar­ge­stellt wird, ist Pe­trus, ein Jün­ger Je­su. Ihn ma­chen die Schlüs­sel zu Je­sus Stell­ver­tre­ter auf der Er­de und in der ka­tho­li­schen Kir­che. Die von Papst zu Papst un­ter­schied­li­chen Papst- wap­pen ent­hal­ten im­mer zwei ge­kreuz­te Schlüs­sel (die Schlüs­sel Pe­tri). Die Lie­bes­schlös­ser an der Köl­ner Ho­hen­zol­lern­brü­cke darf je­der auf­hän­gen. Ob je­mand mäch­tig oder wich­tig ist, spielt kei­ne Rol­le. Haupt­sa­che ver­liebt. Der Be­griff Vor­hän­ge­schloss meint üb­ri­gens ein Schloss, das man „vor­hän­gen“kann. Es ist von au­ßen zu­gäng­lich. Mit Gar­di­nen hat das nichts zu tun. Die Köl­ner Ei­sen­bahn- und Fuß­gän­ger­brü­cke über den Rhein ist Deutsch­lands pro­mi­nen­tes­te Adres­se für Lie­bes­paa­re. Ei­ne Brü­cke für die Vor­hän­ge­schlös­ser Ver­lieb­ter gibt es auch in Karls­ru­he: Am Ge­län­der der Fuß­gän­ger­brü­cke über die Alb in Mühl­burg, ganz in der Nä­he der Stra­ßen­bahn-Hal­te­stel­le Küh­ler Krug, be­fes­ti­gen Paa­re ih­re Schlös­ser. Ei­nen wei­te­ren reiz­vol­len Ort da­für gibt es in Kehl: Die Fuß­gän­ger- und Rad­fah­rer­brü­cke Pas­se­rel­le des deux ri­ves („Brü­cke der zwei Ufer“), die über den Rhein führt und Kehl mit Straß­burg ver­bin­det. Schwe­rer ha­ben es Paa­re in Dres­den, München, Berlin oder Pa­ris. Dort mon­tie­ren die Stadt­ver­wal­tung die Schlös­ser wie­der ab, da­mit sie die Brü­cken­ge­län­der nicht zum Ros­ten brin­gen. Scha­de! We­nigs­tens wird nie­mand be­straft, wenn er ein Schloss auf­hängt. In München wer­den die Schlös­ser nicht so­fort weg­ge­wor­fen son­dern ei­ni­ge Mo­na­te lang im Bau­hof auf­be­wahrt. Bes­ser wä­ren sie in ei­nem Schloss-und-Schlüs­sel-Mu­se­um un­ter­ge­bracht – aber so ei­nes gibt es in Deutsch­land noch nicht!

Fo­tos: Kat, avs, pr

Sie ha­ben al­le die glei­che Auf­ga­be, se­hen aber völ­lig ver­schie­den aus: Schlös­ser und Schlüs­sel. Links ein al­tes Schloss aus Schwe­den, das un­se­re Mit­ar­bei­te­rin auf ei­nem Floh­markt ge­fun­den hat. In der Mit­te Lie­bes­schlös­ser, die an vie­len Brü­cken hän­gen, in man­chen Städ­ten aber be­reits wie­der ent­fernt wer­den. Rechts ein Schlüs­sel, der ver­mut­lich aus dem 13. Jahr­hun­dert stammt und vor ein paar Jah­ren von ei­nem Jun­gen in der Bühlot ge­fun­den wur­de. In­zwi­schen ist der Schüs­sel im Büh­ler Stadt­mu­se­um aus­ge­stellt.

Fo­to: bilderbox

Nicht sehr si­cher, aber bes­ser als nichts: Schloss an ei­ner Scheu­nen­tür.

Fo­to: bilderbox

Un­ver­zicht­bar: Oh­ne Fahr­rad­schloss soll­te man sei­nen Draht­esel nicht ab­stel­len.

Fo­to: avs

Die Tür ei­ner Ge­fäng­nis­zel­le hat ein be­son­ders si­che­res Schloss.

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