Wein­bren­ner: Karls­ru­hes gro­ßer Bau­meis­ter

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Vier Mo­na­te Ur­laub hat­te Fried­rich Wein­bren­ner er­hal­ten. In die­ser Zeit konn­te er sich auf ein neu­es Bau­pro­jekt stür­zen. Ei­nes, das ihn we­gen der Grö­ße be­son­ders reiz­te – und ei­ne gro­ße Aus­strah­lung in ganz Deutsch­land ha­ben wür­de. Das Opern­haus Düsseldorf soll­te der Karls­ru­her Bau­di­rek­tor für den Staat Preu­ßen 1820 bau­en. Al­so reis­te der 52-jäh­ri­ge Ar­chi­tekt mit sei­nen Töch­tern Frie­de­ri­ke und Ju­lie ins Rhein­land, um sei­ne Ent­wür­fe vor­zu­stel­len. Sei­ne Frau konn­te nicht mehr da­bei sein. Sie war vor fünf Jah­ren an ei­nem Schlag­an­fall ge­stor­ben. Im Al­ter von 40 Jah­ren, als die Kin­der 14 und 16 Jah­re alt wa­ren. Fried­rich Wein­bren­ner hat­te sei­ne Cou­si­ne Mar­ga­re­te 1798 in de­ren Hei­mat­stadt Straß­burg ge­hei­ra­tet. Der ba­di­sche Bau­in­spek­tor woll­te lie­ber frei­be­ruf­lich überm Rhein ar­bei­ten als sei­ne tol­len Ide­en für das Zen­trum Karls­ru­hes von sei­nen alt­ba­cke­nen Chef Je­re­mi­as Mül­ler aus­brem­sen zu las­sen. Aber der vi­sio­nä­re jun­ge Bau­in­spek­tor ließ sich ei­ne mög­li­che Rück­kehr nach Karls­ru­he ga­ran­tie­ren und woll­te wei­ter mit Auf­trä­gen von Mark­graf Karl Fried­rich be­dacht wer­den. Schon 1801 kehr­te Wein­bren­ner in sei­ne Ge­burts­stadt Karls­ru­he zu­rück. Ob­wohl er als Chef der Bau­di­rek­ti­on für das gan­ze Land nur 600 Gul­den im Jahr ver­dien­te (plus Na­tu­ra­li­en). Wäh­rend er für 2400 Gul­den im Jahr in Han­no­ver eben­falls ei­ne Top-Po­si­ti­on hät­te ein­neh­men kön­nen. Aber das Zu­hau­se und das Ver­trau­en des Ho­fes war ei­ni­ges wert. Hier konn­te er wei­te­re Ge­bäu­de in die Hei­mat­welt set­zen, die er wäh­rend Stu­di­en in Wi­en, Berlin, Dres­den und Rom schon in Ideal­ent­wür­fen skiz­ziert hat­te. Jetzt zog er sein Pro­gramm der mo­der­nen Ar­chi­tek­tur durch, die an ei­ne längst ver­gan­ge­ne Kul­tur­epo­che an­knüpf­te, näm­lich die rö­mi­sche An­ti­ke mit ih­ren run­den Säu­len und drei­ecki­gen Gie­beln. Andrea Pal­la­dio in Ita­li­en, aber auch die Re­vo­lu­tio­nä­re 1789 in Frank­reich hat­ten auf­ge­zeigt, wie man jetzt stil­voll groß und neu bau­te. Auch in ei­ge­ner Sa­che. Vier do­ri­sche Säu­len schmück­ten den Ein­gang des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses von Wein­bren­ner. Er bau­te es so­fort 1801 an der Stel­le, wo heu­te sich das ECE-Cen­ter er­hebt. Das Di­enst­zim­mer der Bau­di­rek­ti­on lag un­term glei­chen Dach, in ei­nem An­bau rich­te­te er rasch ei­ne pri­va­te Bau­schu­le ein, um jun­ge Fach­leu­te für die Mit­ar­beit zu ge­win­nen. Im Al­ter von 34 er­reich­te er die Po­si­ti­on, um 25 Jah­re lang rast­los das Ge­sicht die­ser Lan­des­haupt­stadt Karls­ru­he zu gestal­ten und dem jun­gen Groß­her­zog­tum sei­nen Stem­pel auf­zu­drü­cken. Wein­bren­ner hat­te auch Lust, für Pri­vat­per­so­nen zu bau­en. Nur die jetzt im Rhein­land re­gie­ren­den Preu­ßen moch­ten die Ent­wür­fe des gro­ßen Ba­de­ners fürs Opern­haus Düsseldorf dann doch nicht. Die­ser gro­ße Auf­trag ging 1820 an dem Wit­wer vor­bei, weil ein Herr Schin­kel aus Berlin da­ge­gen war. Viel­leicht war da ein Klas­si­zist ein we­nig nei­disch auf den an­de­ren.

Er prägt mit sei­nen Säu­len-Bau­ten Karls­ru­he: Fried­rich Wein­bren­ner, hier wohl um 1796 ei­nem un­da­tier­ten Ge­mäl­de von Fe­ordor Iva­no­witsch, ge­nannt Kal­mück. Fo­to: A Fi­scher / H. Koh­ler, Kunst­hal­le Karls­ru­he

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