Der vi­sio­nä­re Haupt­stadt-Ar­chi­tekt

Klas­si­zis­ti­sche Bau­ten im ba­di­schen Maß: Fried­rich Wein­bren­ner prägt Karls­ru­he bis heu­te

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Es muss ein put­zi­ges Haupt­städt­chen ge­we­sen sein, Karls­ru­he 75 Jah­re nach sei­ner Grün­dung. Am Markt­platz stand ein Kirch­lein mit ba­ro­cken Run­dun­gen, drum­her­um grup­pier­ten sich um 1800 zwei­ein­halb­stö­cki­ge Dorf­häu­ser mit Er­kern und Helmdach dar­auf. Re­prä­sen­ta­tiv war das Schloss und ein­falls­reich der „Stadt­plan“mit strah­len­för­mi­gen Stra­ßen. Aber sonst fehl­te noch viel an vor­zeig­ba­rer Ar­chi­tek­tur in die­ser jun­gen Re­si­denz­stadt. Re­nom­mier­te aus­län­di­sche Köp­fe wur­den um Ide­en ge­be­ten, wie die rund um den Markt­platz auf­ge­räumt und op­tisch auf­ge­rüs­tet wer­den könn­te. Auch der jun­ge staat­li­che Bau­in­spek­tor Fried­rich Wein­bren­ner be­tei­lig­te sich mit Vor­schlä­gen. Was er in Rom und Pa­ris ge­se­hen und un­ter an­de­rem in Berlin ge­lernt hat­te, pack­te er ab 1792 in ei­nen krea­ti­ven und vi­sio­nä­ren Ge­ne­ral­bau­plan. Der fand Ge­fal­len bei Mark­gra­fens und Karls­ru­he er­hielt in 25 Wein­bren­ner-Jah­ren mo­nu­men­ta­le Bau­ten und ein bür­ger­li­ches Zen­trum. Da­zu zäh­len ei­ne evan­ge­li­sche Kir­che mit der Fas­sa­de ei­nes grie­chi­schen Tem­pels und statt­li­chen Flü­gel­bau­ten. Ihr ge­gen­über er­hebt sich das Rat­haus mit an­de­rem Säu­len­stil. Ein Platz für Markt und Han­del so­wie nied­ri­gen „Bou­ti­quen“schließt sich in Rich­tung heu­ti­ge Kai­ser­stra­ße an. In die an­de­re Rich­tung, nach Sü­den, ent­stand ein üp­pi­ges Adels­pa­lais und ein Ett­lin­ger Tor als Ab­schluss der Pla­nungs­ach­se. Auch Bür­ger­häu­ser mit vor­ge­ge­be­nen Fas­sa­den­mög­lich­kei­ten ge­hör­ten ins Bild. So wur­de Karls­ru­he zwi­schen 1801 und 1826 zu ei­ner Stadt mit kla­ren Bau­for­men des Klas­si­zis­mus. Ein­zig­ar­tig ist das En­sem­ble am Markt­platz ge­blie­ben. Die Gestal­tung des Zen­trums ge­nüg­te dem staat­li­chen Star­ar­chi­tek­ten nicht. Die ka­tho­li­sche Kir­che St. Ste­phan, die staat­li­che Mün­ze und na­tür­lich die Py­ra­mi­de – das al­les und noch viel mehr hat er sei­ner Hei­mat­stadt und dem ba­di­schen Land hin­ter­las­sen. Im kom­men­den Jahr steht Wein­bren­ners 250. Ge­burts­tag an. Ei­ne sein Le­bens­werk wür­di­gen­de Aus­stel­lung passt bes- tens be­reits jetzt ins Pro­gramm zum Stadt­ge­burts­tag. So ha­ben sich die Städ­ti­sche Ga­le­rie Karls­ru­he und das Süd­west­deut­sche Ar­chiv für Ar­chi­tek­tur und In­ge­nieur­bau am KIT tief hin­ein­ge­kniet in die Ar­beit und ei­ne üp­pi­ge Aus­stel­lung in eher al­ten Stil, al­so mit be­son­ders vie­len far­bi­gen Plä­nen, Mo­del­len und vie­len Fo­tos von er­hal­te­nen Ge­bäu­den, zu­sam­men­ge­stellt. Wer die gro­ße Ins­ze­nie­rung sucht, fin­det sie nicht im Ga­le­rie-Licht­hof un­term ZKM-Dach. Da­für glänzt die Schau mit wun­der­ba­ren De­tails. Da wur­de ein, wenn auch un­be­schrif­te­tes, gro­ßes Mo­dell der „Via Tri­um­pha­lis“und al­ler, auch nur der ge­plan­ten Wein­bren­ner­bau­ten im Stadt­zen­trum er­stellt; da gibt es ei­nen Qu­er­schnitt durch die Py­ra­mi­de und vor al­lem – erst zum zwei­ten Mal ge­zeigt – je­ne Kalk­stein­plat­te mit Stadt­plan, die 1823 ins Gr­ab­mal von Stadt­grün­der Karl Wil­helm mit­ge­ge­ben wur­de. Ein Hin­gu­cker ist au­ßer­dem das far­bi­ge Pan­ora­ma in ei­ner Tu­sche­zeich­nung aus dem Jahr 1826. Man ver­tieft sich gern in die­sen Blick vom Rat­haus­turm über die Stadt. Und wie prak­tisch sind die vie­len Ta­blets in der Aus­stel­lung. Sie zei­gen an­hand von al­ten und neu­en Fo­tos, wie ab­ge­bro­che­ne oder zer­stör­te Bau­ten des Haupt­stadt-Ar­chi­tek­ten aus­sa­hen und was an ih­rer Stel­le steht. Die Ku­ra­to­ren Ger­hard Ka­bier­s­ke und Joa­chim Klein­manns spre­chen mit ih­rer Schau stadt­his­to­risch Neu­gie­ri­ge wie Ar­chi­tek­tur­ken­ner an. Die Fül­le der Ex­po­na­te und ei­ne Prä­sen­ta­ti­on mit prä­zi­sen Tex­ten ma­chen die­se Aus­stel­lung zu ei­nem be­son­de­ren Ge­burts­tags­ge­schenk an die Wein­bren­ner­stadt und ih­re Be­su­cher.

300 Jah­re Karls­ru­he: Die Ba­di­schen Neu­es­ten Nach­rich­ten be­rich­ten täg­lich

So sah man vor 250 Jah­ren das Ett­lin­ger Tor, wenn man Karls­ru­hes Stadt­zen­trum Rich­tung Sü­den ver­ließ. Das an das Ber­li­ner Bran­den­bur­ger Tor er­in­nern­de Ge­bäu­de wur­de 1872 als Ver­kehrs­hin­der­nis be­trach­tet und ab­ge­ris­sen. Rechts vom Ett­lin­ger Tor Fried­rich Wein­bren­ners Wohn­haus, das er sich 1801 bau­te. Aus­schnitt aus: Zeich­nung un­da­tiert, Staat­li­che Kunst­hal­le (SKK1955-7) im Ka­ta­log Aus­stel­lung Fried­rich Wein­bren­ner

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