In­ter­net statt Lö­wen­ge­brüll

Frü­her woll­ten vie­le Mas­sai-Jungs Krie­ger wer­den, heu­te stu­die­ren sie lie­ber

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tanja Ka­sisch­ke

In Ma­l­am­bo gibt es kei­nen Strom, aber ei­nen Mo­bil­funk­mas­ten. Der funk­tio­niert mit ei­nem Ben­zin­ge­ne­ra­tor. „Kann doch nicht an­ge­hen, dass un­se­re Han­dys oh­ne Netz sind“, fin­den die Ju­gend­li­chen aus dem Dorf. Ih­re Mo­bil­te­le­fo­ne kön­nen sie an Ort und Stel­le auch gleich auf­la­den – mit­ten in Afri­ka. Das Bild ent­spricht dem Le­bens­all­tag jun­ger Mas­sai, so heißt das Volk, dem die Be­woh­ner Ma­l­am­bos an­ge­hö­ren. Die Ju­gend­li­chen in­ter­es­sie­ren sich für Sport, sur­fen im In­ter­net und schi­cken sich über Whats App Fo­tos und Kurz­nach­rich­ten aufs Smart­pho­ne. Zur Schu­le ge­hen sie in der nächst­grö­ße­ren Stadt, 300 Ki­lo­me­ter ent­fernt, und blei­ben des­halb wäh­rend der Wo­che dort im In­ter­nat. Am Wo­che­n­en­de fah­ren sie nach Ma­l­am­bo, in ei­ne an­de­re Welt.

Ein Be­such im klei­nen Ort Ma­l­am­bo in Tan­sa­nia

Ma­l­am­bo liegt in Tan­sa­nia, ei­nem Land in Ost­afri­ka, das drei­mal so groß ist wie Deutsch­land. 49 Mil­lio­nen Men­schen le­ben dort, die Mas­sai über­wie­gend im Nor­den. Sie sind das be­kann­tes­te ost­afri­ka­ni­sche Volk. Mas­sai le­ben au­ßer­dem in Ke­nia, Tan­sa­ni­as nörd­li­chem Nach­bar­land. Dass sie so be­kannt sind, hängt mit ih­rer Hei­mat zu­sam­men. In Ke­nia und Tan­sa­nia gibt es be­rühm­te Na­tio­nal­parks wie die Se­ren­ge­ti, in de­nen die ty­pi­schen Wild­tie­re vor­kom­men, die Tou­ris­ten auf Sa­fa­ri am liebs­ten fo­to­gra­fie­ren: Lö­wen, Ele­fan­ten, Gi­raf­fen, Ze­bras. Sind ein­hei­mi­sche Men­schen auf den Mo­ti­ven mit ab­ge­bil­det, han­delt es sich meis­tens um Mas­sai: Krie­ger in ro­ten Ge­wän­dern, die Ge­sich­ter be­malt, ge­schmückt mit Ket­ten aus bun­ten Per­len. Auch die Frau­en sind so ge­schmückt. Kin­der, vor al­lem Jun­gen, po­sie­ren mit ei­nem Ast in der Hand, der sie als Hir­te von Zie­gen oder Käl­bern aus­weist. Die Fo­tos der vie­len Afri­ka-Be­su­cher mach­ten die Mas­sai zu Bil­der­buch-Afri­ka­nern, exo­tisch und tra­di­tio­nell. Ein biss­chen ist das wie mit der welt­wei­ten Be­geis­te­rung für Bay­ern in Le­der­ho­sen und Dirndl. Da­bei tra­gen baye­ri­sche Ju­gend­li­che ih­re Tracht auch nicht täg­lich. Bei den Mas­sai ist es ähn­lich. Den Ju­gend­li­chen wird das mo­der­ne Le­ben im­mer wich­ti­ger, In­ter­net statt Lö­wen­ge­brüll. Bil­dung steht für sie an ers­ter Stel­le. Jun­ge Mas­sai wün­schen sich ei­nen gu­ten Be­ruf, sie wol­len Arzt wer­den oder Leh­rer und stren­gen sich in der Schu­le mäch­tig an. Doch es schaf­fen nicht al­le, ei­ne wei­ter­füh­ren­de Schu­le zu be­su­chen oder so­gar zu stu­die­ren. Bei­des kos­tet Geld. Häu­fig ver­kauft ein Va­ter zehn bis zwölf Rin­der und be­zahlt da­von die Schul­zeit sei­nes Soh­nes. Die Mehr­heit der Fa­mi­li­en kann es sich nicht leis­ten, ih­re Kin­der in der Stadt aufs Gym­na­si­um zu schi­cken. Die­je­ni­gen, die es schaf­fen, füh­ren wo­chen­tags ein voll­kom­men an­de­res Le­ben als an den Wo­che­n­en­den in Ma­l­am­bo. In der Stadt tra­gen sie Je­ans und T-Shirts oder Fuß­ball­tri­kots, auf dem Dorf die tra­di­tio­nel­le ro­te Mas­sai-Klei­dung. In der Stadt woh­nen sie in Häu­sern, auf dem Dorf in Lehm­hüt­ten, den Bo­mas. In der Stadt tref­fen sie sich, um ge­mein­sam Mu­sik zu hö­ren, zum Bei­spiel Rap von der tan­sa­ni­schen Band X-Pia­stasz. Auf dem Land be­tei­li­gen sie sich an Stam­me­s­tän­zen und sin­gen Lie­der im re­gio­na­len Dia­lekt Maa. Englisch spre­chen sie ge­nau­so wie Kis­wa­hi­li. Tan­sa­nia hat zwei Amts­spra­chen. Ol Do­i­n­yo Len­gai heißt in der Spra­che der Mas­sai „Berg Got­tes“. Der Ol Do­i­n­yo Len­gai ist ein ak­ti­ver Vul­kan des Ost­afri­ka­ni­schen Gr­a­ben­bruchs im Nor­den Tan­sa­ni­as und der hei­li­ge Berg der Mas­sai. Ei­ne Le­gen­de er­zählt, dass die Göt­tin Len­gai den Mas­sai al­le Rin­der­her­den die­ser Er­de über­ließ. Die ver­tei­di­gen sie seit­dem zu­sam­men mit ih­rem Land. Des­halb sind die Män­ner des Vol­kes Krie­ger und die Kul­tur der Mas­sai be­haup­te­te sich jahr­hun­der­te­lang. Ge­ne­ra­tio­nen klei­ner Jun­gen träum­ten da­von, Krie­ger zu wer­den, so wie Kin­der in Deutsch­land da­von träum­ten, Po­li­zist oder Feu­er­wehr­mann zu wer­den. In­zwi­schen wol­len al­le lie­ber stu­die­ren. Mit den Tra­di­tio­nen ih­res Vol­kes ge­hen die Ju­gend­li­chen un­ter­schied­lich um. Ei­ni­ge kom­men da­mit klar, dass ihr Hei­mat­dorf an­ders tickt als das Le­ben in der Stadt, an­de­re sind von ih­rer Kul­tur ge­nervt und füh­len sich ein­ge­engt.

Zum Wei­ter­le­sen: „Afri­ka, wie ist es da?“fragt ein schö­ner Sam­mel­band mit 27 Ge­schich­ten aus un­ter­schied­li­chen Re­gio­nen Afri­kas. Die Her­aus­ge­ber vom Kin­der­hilfs­werk Unicef ha­ben Er­zäh­lun­gen afri­ka­ni­scher Au­to­ren aus­ge­wählt und sie il­lus­trie­ren las­sen. Neun Ge­schich­ten sind als Hör­buch-CD in den Band in­te­griert. „Afri­ka, wie ist es da?“ist im Carl­sen Ver­lag er­schie­nen und kos­tet 16,99 Eu­ro.

Fo­to: Hil­fe für die Mas­sai e.V.

Zwei Ge­ne­ra­tio­nen im Dorf Ma­l­am­bo: Wäh­rend die Söh­ne Je­ans und T-Shirts tra­gen, ist ihr Va­ter in ein tra­di­tio­nel­les Mas­sai-Ge­wand ge­klei­det. Jahr­hun­der­te­lang woll­ten Mas­sai-Jungs Krie­ger wer­den. In­zwi­schen wird Bil­dung im­mer wich­ti­ger.

Fo­to: Carl­sen Ver­lag

Ei­ne wei­te­re Ab­bil­dung aus dem Buch „Afri­ka, wie ist es da?“zeigt ei­ne Grup­pe Hir­ten­kin­der in Tan­sa­nia in Ost­afri­ka.

Fo­to: Carl­sen Ver­lag

Ei­ne schö­ne Ab­bil­dung aus dem Buch „Afri­ka, wie ist es da?“

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