Leicht­ath­le­tik auf dem Holz­weg?

Lauf­trai­ner Gün­ther Schee­fer (LGR Karls­ru­he) kri­ti­siert „über­zo­ge­ne“DLV-in­ter­ne Nor­men

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport -

Mit dem olym­pi­schen Ge­dan­ken ist das so ei­ne Sa­che. Zu­min­dest in der deut­schen Leicht­ath­le­tik scheint der nicht mehr zu exis­tie­ren – är­gert sich Gün­ther Schee­fer, Mit­tel- und Langstre­cken-Lauf­trai­ner bei der LG Re­gi­on (LGR) Karls­ru­he. Doch was ist der Grund für sei­nen Un­mut? Schee­fer er­zählt von sei­nem Schütz­ling Chris­toph Kessler. Ei­nem ta­len­tier­ten deut­schen Nach­wuchs­mit­tel­streck­ler aus der LGR-Ta­l­ent­schmie­de. Schee­fer: „Ne­ben dem Stu­di­um trai­niert Chris­toph acht Mal die Wo­che, um sei­ne Zei­ten über 800 Me­ter zu ver­bes­sern. Auch in die­sem Jahr ge­lang dem 21-jäh­ri­gen Bun­des­ka­der­ath­le­ten wie­der ei­ne Stei­ge­rung. Kürz­lich bei ei­nem Wett­kampf in Wein­heim be­zwang er den ita­lie­ni­schen Ju­nio­ren­meis­ter deut­lich. Doch die­ser freu­te sich trotz der Nie­der­la­ge, weil sei­ne Zeit die Teil­nah­me an den U-23-Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten be­deu­te­te – und blick­te ver­wun­dert sei­nen deut­schen Kon­kur­ren­ten an, als der ihm er­zähl­te, dass er dann nicht da­bei sein wer­de, weil der Deut­sche Leicht­ath­le­tik-Ver­band sei­ne in­ter­nen Nor­men weit über de­nen des eu­ro­päi­schen Ver­ban­des EAA an­ge­sie­delt hat“, ver­deut­licht Gün­ther Schee­fer. Die EAA-Norm hat­te Kessler, in Deutsch­land mit ei­ner Zeit von 1:47,81 Mi­nu­ten zweit­schnells­ter 800-Me­ter-Läu­fer sei­ner Al­ters­klas­se, um fast zwei Se­kun­den un­ter­bo­ten. „Wä­re Chris­toph Ita­lie­ner, Ös­ter­rei­cher, Fran­zo­se oder Schwei­zer, er hät­te an der heu­te in Tal­lin zu En­de ge­hen­den U-23EM teil­neh­men kön­nen“, fügt der LGRCoach hin­zu. Da kön­ne man nur den Kopf schüt­teln. Genau wie bei der In­ten­ti­on, die der Deut­sche Leicht­ath­le­tik Ver­band (DLV) ver­fol­ge, näm­lich nur Ath­le­ten zu in­ter­na­tio­na­len Er­eig­nis­sen zu schi­cken, die un­ter die Top Acht kom­men kön­nen. Da­für, so Schee­fer, neh­me man in Kauf, dass zum Bei­spiel über 5 000 Me­ter kein Sport­ler für Deutsch­land am Start sei, ob­wohl bei­spiels­wei­se mit Fre­de­rik Une­wis­se eben­falls ein Karls­ru­her LGR-Ak­teur zwei­mal die EM-Norm der EAA un­ter­bo­ten ha­be. „Jah­re­lang för­dern Ver­ei­ne, Kom­mu­nen und Bun­des­län­der Ath­le­ten, um sie an die na­tio­na­le Spit­ze zu füh­ren und ih­nen den Zu­gang zu in­ter­na­tio­na­len Meis­ter­schaf­ten zu er­mög­li­chen – und dann ver­wei­gert der ei­ge­ne Spit­zen­ver­band die­sen Zu­gang“, ein Un­ding fin­det Gün­ther Schee­fer. Und nicht nur er. „Der DLV be­gibt sich da­mit in ei­ne Kon­fron­ta­ti­ons­stel­lung zum Wert­volls­ten, was er hat, zu sei­nen Ath­le­ten. Wenn das Ver­ei­ne na­tio­nal so an­wen­den wür­den, wür­den be­trof­fe­ne Ath­le­ten je­ne ein­fach wech­seln. Den Ad­ler auf sei­ner Brust kann man aber nicht so ein­fach tau­schen“, schreibt bei­spiels­wei­se Schee­fers Re­gens­bur­ger Trai­ner­kol­le­ge Kurt Ring auf der Ver­eins-Home­page (www.lg-te­lis-fi­nanz.de). „Schul­leh­rer­haft zeigt der DLV sei­nem ei­ge­nen Kli­en­tel schau her, du bist noch nicht gut ge­nug für die Eu­ro­pa- oder Welt­spit­ze“, ist wei­ter zu le­sen. Bei jun­gen Spit­zen­ath­le­ten aus ei­ner Sport­art, die nicht sehr me­di­en­prä­sent sei, schimp­fe man auf die Sport­ler, die die völ­lig über­zo­ge­nen Nor­men nicht schaf­fen oder pran­ge­re feh­len­de Pro­fes- sio­na­li­tät an, weil die Sport­ler ihr Stu­di­um und nicht den Sport in den Vor­der­grund stel­len wür­den, är­gert sich Gün­ther Schee­fer. „Ist dies ver­wun­der­lich, wenn wir den we­ni­gen Ta­len­ten, die sich den Her­aus­for­de­run­gen des Leis­tungs­sports stel­len, mit ei­ner sol­chen Igno­ranz be­geg­nen und At­ti­tü­den aus dem Kal­ten Krieg – nur Me­dail­len zäh­len – als Grund­la­ge des Leis­tungs­sport de­fi­nie­ren?“, fragt der Übungs­lei­ter der Leicht­ath­le­tik Ge­mein­schaft Re­gi­on Karls­ru­he, der im ver­gan­ge­nen Jahr von „Ger­man Road Races“(GRR), der Ver­ei­ni­gung der gro­ßen deut­schen Läu­fe, für sei­ne gu­te und er­folg­rei­che Nach­wuchs­ar­beit als „GRR-Trai­ner 2014“aus­ge­zeich­net wur­de. Auch wenn DLV-Chef­trai­ner Id­riss Gon­sch­in­s­ka die Vor­wür­fe nicht nach­voll­zie­hen kann, weil sich die DLV-An­for­de­run­gen ge­mes­sen am eu­ro­päi­schen Leis­tungs­ni­veau seit Jah­ren nur ge­ring­fü­gig ver­än­dert hät­ten und stets früh­zei­tig ver­öf­fent­licht wür­den, da­mit ge­nü­gend Zeit blei­be, um dar­auf hin­zu­ar­bei­ten, Gün­ther Schee­fer bleibt da­bei: Er sieht die deut­sche Leicht­ath­le­tik so auf dem Holz­weg.

Ho­he Hür­den für den deut­schen Nach­wuchs

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