Die be­weg­ten 70er

Das Jahr­zehnt der Wi­der­sprü­che in Ba­den-Würt­tem­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Wenn die Ner­ven blank lie­gen, wächst das Miss­trau­en. Auch ge­gen­über Nach­barn, zu­min­dest dann, wenn die so gar nicht ins ei­ge­ne Vier­tel zu pas­sen schei­nen. Weil sie nachts lau­te Mu­sik hö­ren, tags­über die Roll­lä­den nicht hoch­zie­hen, selt­sam ge­klei­det sind oder stän­dig Be­such aus an­de­ren Städ­ten be­kom­men. 1972, nach ei­nem Au­to­bom­ben­an­schlag in Karls­ru­he, den die Frau des Bun­des­rich­ters Wolf­gang Bud­den­berg schwer ver­letzt über­leb­te, und nach dem Spreng­stoff­an­schlag auf das Haupt­quar­tier der US-Ar­mee in Hei­del­berg, wur­den der Po­li­zei zahl­lo­se „Ver­däch­ti­ge“ge­mel­det. Ein Kri­mi­nal­be­am­ter, der im Som­mer 1972 in der „Re­si­denz des Rechts“dem Hin­weis auf ein Au­to nach­zu­ge­hen hat­te, be­merk­te da­zu: „Al­lein die Tat­sa­che, dass die Fahr­zeug­in­sas­sen Gamm­ler­ty­pen wa­ren, ist nicht für ei­nen Ver­dacht der Zu­ge­hö­rig­keit zur Baa­der-Mein­hof-Ban­de aus­rei­chend.“Der Ter­ror der Ro­ten Ar­mee Frak­ti­on (RAF), der 1977 mit der Er­mor­dung von Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Sieg­fried Bu­back und sei­nen Be­glei­tern so­wie dem nach­fol­gen­den „Deut­schen Herbst“sei­nen furcht­ba­ren Hö­he­punkt fand, ge­hört zu den Er­in­ne­run­gen, die sich tief ins kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis ein­ge­gra­ben ha­ben. Doch auch ab­seits der ter­ro­ris­ti­schen Be­dro­hung, der der Staat mit ei­nem Kon­zept der wehr­haf­ten De­mo­kra­tie be­geg­ne­te, zeich­ne­ten sich die 1970er Jah­re durch ei­ne schar­fe po­li­ti­sche Po­la­ri­sie­rung aus. Die Ja­nus­köp­fig­keit die­ses Jahr­zehnts, die in Ba­den-Würt­tem­berg auch in ge­sell­schaft­li­cher und kul­tu­rel­ler Hin­sicht ein­drück­lich zu Ta­ge trat, the­ma­ti­siert ein Buch, das bei der Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung (LpB) er­schie­nen ist. Die Her­aus­ge­ber Phil­ipp Gas­sert und Rein­hold Weber so­wie die Au­to­ren der zwölf in dem Buch ver­sam­mel­ten Auf­sät­ze ha­ben sich nicht ge­scheut, „hei­ße Ei­sen“an­zu- fas­sen. Schließ­lich will das Buch „Fil­bin­ger, Wyhl und die RAF“mehr Nüch­tern­heit in die teils hef­tig ge­führ­ten Dis­kus­sio­nen brin­gen, die sich bis heu­te an den Ge­gen­sät­zen der 70er Jah­re ent­zün­den. Die Fra­ge et­wa, wie hef­tig der Staat zur Ab­wehr ter­ro­ris­ti­scher Ge­walt­ta­ten in die Frei­heits­rech­te sei­ner Bür­ger ein­grei­fen darf, be­wegt die po­li­ti­sche Öf­fent­lich­keit heu­te wie vor 40 Jah­ren. Die 70er Jah­re wa­ren die Jah­re „da­nach“: die Jah­re „nach dem Boom“, die Jah­re nach 1968. Der Öl­preis­schock und an­de­re Kri­sen setz­ten der Fort­schritts- und Tech­nik-Gläu­big­keit ein jä­hes En­de, Frau­en in li­la Latz­ho­sen sag­ten über­kom­me­nen Fa­mi­li­en­vor­stel­lun­gen den Kampf an und der Süd­wes­ten mu­tier­te zum Zen­trum neu­er Pro­test­be­we­gun­gen. Das klei­ne Wyhl am Kai­ser­stuhl gilt bis heu­te als be­deu­tends­ter Sym­bo­l­ort der An­ti-Atom­kraft-Be­we­gung. „Nai häm­mer gsait“: Mit sei­nem (letzt­lich er­folg­rei­chen) Wi­der­stand ge­gen den „tech­no­kra­ti­schen Mo­der­ni­sie­rungs­wahn“lehr­te der süd­ba­di­sche Ort 1975/76 die christ­de­mo­kra­ti­sche Lan­des­re­gie­rung das Fürch­ten. Denn dort pro­tes­tier­ten nicht nur die „üb­li­chen Ver­däch­ti­gen“ge­gen das ge­plan­te Atom­kraft­werk: Ver­tre­ter neu­er, groß­städ­ti­scher Be­we­gun­gen ta­ten sich in Wyhl mit lo­ka­len Ak­teu­ren zu­sam­men, die um ih­re Le­bens­grund­la­ge fürch­te­ten, mit Win­zern und Bau­ern, von de­nen nicht we­ni­ge ein CDU-Par­tei­buch be­sa­ßen. Von Wyhl gin­gen zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Im­pul­se aus, die die bun­des­deut­sche De­mo­kra­tie nach­hal­tig ver­än­dern soll­ten. „Oh­ne das Kern­kraft­werk Wyhl wer­den zum En­de des Jahr­zehnts in Ba­den-Würt- tem­berg die ers­ten Lich­ter aus­ge­hen“, hat­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Hans Fil­bin­ger 1975 pro­phe­zeit. Der CDU-Po­li­ti­ker, der we­gen der De­bat­ten um sei­ne Tä­tig­keit als Ma­ri­ne­rich­ter im Zwei­ten Welt­krieg 1978 zu­rück­tre­ten muss­te, ist bis heu­te ei­ne hoch­um­strit­te­ne Fi­gur. Er ge­hör­te zu den­je­ni­gen, die über­zeugt da­von wa­ren, dass die po­li­ti­sche Kul­tur in den 1970er Jah­ren weit nach links ge­drif­tet sei – und dass da­durch Un­heil dro­he. Auch man­che His­to­ri­ker spre­chen von ei­nem „ro­ten Jahr­zehnt“. Doch für Ba­den-Würt­tem­berg fällt es schwer, die­se Be­zeich­nung wi­der­spruchs­los zu ak­zep­tie­ren. Schließ­lich war es Fil­bin­ger in dem von vie­len Pro­test­be­we­gun­gen ge­präg­ten Land zwei­mal (1972 und 1976) ge­lun­gen, für die CDU die ab­so­lu­te Mehr­heit zu er­rin­gen. Und sein Nach­fol­ger Lothar Späth konn­te bei den Land­tags­wah­len 1980 die ab­so­lu­te Mehr­heit der „Schwar­zen“er­neut ver­tei­di­gen. Frei­lich zo­gen in die­sem Jahr erst­mals auch die Grü­nen in das Par­la­ment ei­nes deut­schen Flä­chen­staa­tes ein. Un­ter ih­nen: Win­fried Kret­sch­mann, der heu­ti­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent.

Fil­bin­ger, Wyhl und die RAF

Der Wi­der­stand ge­gen das ge­plan­te Atom­kraft­werk in Wyhl ist auch The­ma in der Ab­tei­lung „Ba­den und Eu­ro­pa“des Ba­di­schen Lan­des­mu­se­ums. Fo­to: bo

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.