Ein­ge­taucht in den ba­di­schen Dschun­gel

Ein biss­chen wie in ei­ner an­de­ren Welt: War­um Men­schen aus der Re­gi­on die Rhein­au­en lie­ben

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region -

Das Was­ser grün, die Bäu­me alt und hoch, ein paar sind um­ge­fal­len, Treib­holz, der ein oder an­de­re Schwan schwimmt vor­bei. Au­ßer­dem gibt es Schna­ken und je­de Men­ge an­de­re Tie­re – wer den Dschun­gel sucht, braucht nicht weit weg zu fah­ren. „Wenn ich mit mei­nem Ka­nu durch die al­ten Rhein­schlin­gen zwi­schen Win­ters­dorf und Plit­ters­dorf un­ter­wegs bin, be­ein­druckt mich je­des­mal die Kraft der Na­tur. Dort, wo man letz­tes Jahr fah­ren konn­te, liegt jetzt ein rie­si­ger Baum quer über dem Was­ser, ei­ne Strom­schnel­le oder ei­ne Kies­bank sind ent­stan­den“. Für Wal­ter Burs­ter aus Ot­ters­dorf hat die Land­schaft ei­nen ganz be­son­de­ren Charme. An den Alt­rhein­ar­men, die nach un­zäh­li­gen Um- und Ver­bau­ten des Rheins zur wich­tigs­ten Bun­des­was­ser­stra­ße des Lan­des noch üb­rig blie­ben, hat man schnell das Ge­fühl von Ab­ge­schie­den­heit und Ein­sam­keit. Kein Ge­dan­ke dar­an, dass in di­rek­ter Nä­he der re­gu­lier­te Fluss mit sei­nen gro­ßen Schif­fen so­wie auf deut­scher und fran­zö­si­scher Sei­te die Au­to­bah­nen par­al­lel ver­lau­fen und das Ge­biet zer­schnei­den. „Man kann ne­ben dem Eis­vo­gel auch den Pi­rol, den Hau­ben­tau­cher und ver­schie­de­ne En­ten­ar­ten be­ob­ach­ten, selbst der Bi­ber war schon da, lei­der ist er wie­der wei­ter­ge­zo­gen. Über­ra­schun­gen gibt es nach je­der Bie­gung und es ist im­mer wie­der span­nend“, sagt Wal­ter Burs­ter. Nur der vie­le Wohl­stands­müll, den das Hoch­was­ser je­des Mal in die Rhein­au­en spült, stört den Ot­ters­dor­fer, „das sagt ei­nem bru­tal, dass man nicht im Ur­wald ist“. Zwi­schen If­fez­heim und Bin­gen ha­ben sich Res­te der al­ten Au­en­land­schaft am Ober­rhein er­hal­ten und der Fluss kann, trotz der „Rh­ein­kor­rek­ti­on“durch Tul­la, die Wäl­der an sei­nen Ufern noch über­flu­ten. Die Sil­ber­wei­de ist die Cha­rak­ter­pflan­ze der Aue, die­se Bäu­me kön­nen bis zu 300 Ta­ge im Jahr im Was­ser ste­hen, oh­ne Scha­den zu neh­men. Das Ober­rhein­ge­biet beid­seits des Rheins zwi­schen Karls­ru­he und Ba­sel ist von in­ter­na­tio­na­ler Be­deu­tung. Seit Sep­tem­ber 2008 sind die Feucht­ge­bie­te die­ser Re­gi­on we­gen ih­rer über­ra­gen­den Na­tur­aus­stat­tung nach der UnescoKon­ven­ti­on von 1971 als „Ram­s­arGe­biet“zer­ti­fi­ziert und ge­nie­ßen da­mit den glei­chen Stel­len­wert wie zum Bei­spiel die Ever­gla­des in Flo­ri­da. Das Na­tur­schutz­zen­trum Karls­ru­heRap­pen­wört bie­tet ei­nen fas­zi­nie­ren­den Ein­blick in die Au­en­welt, des Ober­rheins mit ih­ren ver­schie­de­nen Le­bens­räu­men – die noch in­tak­ten Über­flu­tungs­au­en, Fließ­ge­wäs­ser, Se­en, ar­ten­rei­che Wie­sen, aber auch ho­he Kies­rü­cken und tro­cke­ne Ge­bie­te. Der Lieblingsort von Ca­ro­la Späth aus Ba­den-Ba­den liegt auf der fran­zö­si­schen Sei­te, dort wo die Sau­er in den Rhein mün­det. „Mein per­sön­li­cher Lieblingsort in den Rhein­au­en ist das ,Ré­ser­ve Na­tu­rel­le du Delta de la Sau­er’. Wenn man von Munch­hau­sen aus über die Brü­cke geht, dort ver­weilt und in Rich­tung Sau­er schaut, fühlt man ei­ne an­de­re Welt und Ru­he“, schwärmt die Frau aus der Kur­stadt. „Aber auch der Blick in Rich­tung Rhein ist was Be­son­de­res, und der Ein­druck bei je­dem Be­such ein biss­chen an­ders“. Der Na­tur­fo­to­graf Rai­ner Dei­b­le aus El­ches­heim-Il­lin­gen freut sich dar­über, „dass ganz grund­sätz­lich mit Schutz­ge­biets­ver­ord­nun­gen die letz­ten Res­te vor der Zer­stö­rung be­wahrt wur­den. Die Ein­wän­de wa­ren zahl­reich. Wald­nut­zung, Kies­ge­win­nung, Stra­ßen­bau und Frei­zeit­nut­zung so­wie der be­ab­sich­tig­te Bau der Stau­stu­fe Neu­burgwei­er hät­ten die­se Land­schaft sonst für im­mer zer­stört. Ein sicht­ba­res Sinn­bild die­ser be­ab­sich­tig­ten Zer­stö­rung ist bis heu­te die be­to­nier­te Furt quer über den Alt­rhein ins Na­tur­schutz­ge­biet Bre­men­grund“. Rai­ner Dei­b­le ist stän­dig in den Rhein­au­en un­ter­wegs auf der Su­che nach neu­en Mo­ti­ven und will sich bei der Fra­ge nach dem Lieb­lings­platz nicht fest­le­gen: „Den ha­be ich nicht, nur ei­ne sehr ge­schätz­te Jah­res­zeit“, ant­wor­tet er: „Wenn im Herbst früh am Mor­gen der Ne­bel über dem Alt­was­ser liegt und we­nig spä­ter mit et­was Glück die Son­ne die Ober­hand ge­winnt, das sind dann für mich die schöns­ten Ta­ge in den Rhein­au­en“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.