Reut­lin­gen will weg vom Kreis

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Avs

In der Hit­ze der Ta­ge ver­än­dert sich man­ches. Ei­ne al­te Da­me stöhnt über die Be­las­tun­gen, die Kin­der freu­en sich auf hit­ze­frei, die öf­fent­li­chen Ra­sen­flä­chen ra­scheln dürr und gelb­lich, so­fern sie nicht ge­pflegt wer­den. Ei­ne Freun­din klagt, wie sie ih­re Ar­beit schwe­rer be­wäl­tigt. „Al­les geht so lang­sam“, schimpft sie. Stimmt. Wer zu schnell läuft oder sich an­der­wei­tig über­for­dert, spürt die Ein­schrän­kun­gen recht schnell. Da ich es nun mal nicht än­dern kann, ver­su­che ich, dem et­was Gu­tes ab­zu­ge­win­nen. Und ich mer­ke: Die Zeit ver­lang­samt sich. Es braucht gar nicht so zackig ge­hen. Muss das un­be­dingt heu­te noch ge­macht wer­den? Ein­zel­ne Mo­men­te, Schrit­te in­ten­si­vie­ren sich und die Schwer­punk­te ver­än­dern lang­sam ih­re Be­deu­tung, wie wenn man das Ge­wicht von ei­nem Bein auf das an­de­re legt. Vor Jah­ren er­klär­te mir je­mand, dass zwi­schen Ein­at­men und Aus­at­men ein kur­zer Mo­ment der Ru­he ist. Und er setz­te die­se Pau­se mit der Schöp­fungs­ru­he in Be­zie­hung. Ein In­ne­hal­ten, in dem nichts ge­schieht. Atem schöp­fen, um der Er­schöp­fung vor­zu­beu­gen. Gott gab uns die Zeit, von Ei­le hat er nichts ge­sagt, lau­te­te ein Graf­fi­ti-Spruch. Klar weiß ich um Fris­ten und Ter­min­druck und die Fül­le der Auf­ga­ben. Doch wo uns die Hit­ze zwingt, ei­nen Gang zu­rück­zu­schal­ten, könn­te das ein Hin­weis sein, uns als Ge­schöp­fe Got­tes neu zu er­fah­ren, de­nen Zeit ge­ge­ben ist, die wir sinn­voll nut­zen. In der Pau­sen wich­tig sind, und auch wa­che Au­ge für die Schön­heit des Som­mers eben­so wie für die Not der Welt. Um zu über­le­gen, was wich­tig ist, ganz wich­tig, und we­ni­ger wich­tig. Und um für al­les Gu­te zu dan­ken. Die Stadt Reut­lin­gen möch­te sich nach jahr­zehn­te­lan­ger Dis­kus­si­on von ih­rem Land­kreis los­sa­gen. Am 23. Ju­li will der Ge­mein­de­rat ent­schei­den, ob ein An­trag beim Land auf ei­nen Stadt­kreis ge­stellt wird – die Ent­schei­dung dürf­te für ei­ne Tren­nung fal­len. Stimmt der Land­tag zu, wä­re das laut In­nen­mi­nis­te­ri­um die ers­te Aus­krei­sung in Ba­den-Würt­tem­berg seit mehr als 70 Jah­ren. „Die letz­ten Aus­krei­sun­gen wa­ren 1939 Pforz­heim und Ba­den-Ba­den“, sag­te ein Spre­cher. Reut­lin­gen wä­re die zehn­te kreis­freie Stadt in Ba­den-Würt­tem­berg. Es geht um Sta­tus und Geld. Die Reut­lin­ger Ober­bür­ger­meis­te­rin Bar­ba­ra Bosch (par­tei­los) will sich vom Kreis tren­nen. „Das Ge­bil­de passt nicht zu­sam­men“, ar­gu­men­tiert die Rat­haus­Che­fin. Im Mo­ment sei Reut­lin­gen die ein­zi­ge Groß­stadt im Süd­wes­ten, die noch zu ei­nem Land­kreis ge­hört. „Wir wol­len ei­ne Gleich­be­hand­lung“, for­dert Bosch.

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